Süddeutsche Zeitung

Theorie der Mode:Genderforschung im Kleiderschrank

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Das Geheimnis der Mode ergründen - das will die Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken in ihrem Buch "Angezogen". Ihr Grundansatz ist eigentlich spannend, doch leider mangelt es eklatant an Bildmaterial. Und schlimmer noch: Vinken versucht, fast jeden ihrer Theorie-Bausteine mit der Geschlechterforschung zu erklären.

Von Catrin Lorch

Das Schreiben über Mode ist in Deutschland nicht etabliert. Anders als die Erbauer von Häusern oder die Komponisten und Interpreten von Popsongs kann sich, wer mit Stoff an Silhouetten arbeitet, nicht der Aufmerksamkeit der Kultur-Exegeten sicher sein. Mode, das ist ein Bereich fürs schnelle Zitat, nicht für die langandauernde Betrachtung.

Barbara Vinken ist hierzulande eine Ausnahmeerscheinung, weil sie genau das tut: der Mode einen ausdauernden Blick nachschicken. Ihr Buch "Angezogen. Das Geheimnis der Mode" greift dann einleitend das Diktum von der "tyrannischen Beliebigkeit der Mode, die aus dem Blauen heraus ihre Launen diktiert" auf, dem Vinken souverän entgegenhält, dass sich "die Moden nicht völlig unvorhersehbar" oder "aus blindem Zufall" entwickeln. "Deshalb ist es durchaus möglich, die Mode zu denken."

Doch wie weit ist Mode für Barbara Vinken ein Terrain, das sie wirklich interessiert? Diese Frage stellt man sich schon nach ein paar Kapiteln, nach denen man sich nicht mehr allzu sicher ist, ob Vinken hier nicht nur mit den Diagnosen der Gender Studies an besonders offen aufbrechenden Symptomen herumdoktert, von denen die Kleidung zugegebenermaßen einige liefert: Zugrunde liegender Befund ist, dass Mode vor allem der Abgrenzung der Geschlechter diene.

Was einerseits eine ohnehin schlecht zu übersehende Tatsache ist - andererseits den Kostümierungen nicht gerecht wird, die Vinken hier nur ausbreitet, um sie mit ihrem akademischen Besteck zu zerlegen. Übrig bleibt zunächst nur die "Opposition von körperbetont (weiblich) versus körperbedeckend (männlich)", sowie ein zweiter Gegensatz, nämlich "dass Frauen in ihren Kleidern selbstbestimmte Zeitgestaltung ausdrücken, während Männer Berufsuniform tragen". Das muss man schon etwas genauer erklären - gerne auch historisch - da man im Straßenbild doch eher zwischen Business (Hosenanzug) und Casual (Sportswear) zu sortieren hat - und zwar gleichermaßen Männer wie Frauen.

Gut 250 Seiten Reflexion - nur 16 Seiten Abbildungen

Wo es aber am Begrifflichen nicht mangelt und an fertig vorliegenden Weltbildern und Theorien, geht man auf einen erstaunlich schmalen Vorrat an Beispielen los, es mangelt nämlich an Bildmaterial. Gut 250 Seiten Reflexion über ein durch und durch visuelles Thema treffen in dem Band auf nur 16 Seiten mit Abbildungen. Und die sind dann auch noch recht eklektisch zusammengestellt. Auf ein Gemälde, das Kaiser Karl V. in engen Hosen zeigt, folgen Damen von Renoir, Models in Chanel und Dior, das Ehepaar Obama und Martin Margielas dekonstruktivische Entwürfe - und kein Motiv ist größer als ein Heft Briefmarken.

Dass der Text den Mangel an Bildinformationen in den Beschreibungen noch unterläuft, ist das zweite Versäumnis. Es kann sein, dass die Vorstellungswelten der Leser nun bei der Fallbeschreibung "Marie Antoinette" nicht über die Eindrücke der Filmbiografie von Sofia Coppola hinausreichen. Wo man doch - mit einem offiziellen Hofporträt oder gar entlang der Rapporte und Raffungen eines originalen Kleides - einiges aus dem Material selbst hätte zuschneiden können, an Thesen.

Die Mischung aus flott geschriebener Historie, Stilkritik, Betrachtung und auch viel Anekdote liest sich allenfalls unterhaltsam, wenn man auf Details nicht allzu viel Rücksicht nimmt. Aber jeder Diskussion hätte eine Feststellung dessen, was eine Epoche, ein Stil, ein Moment hervorbringen, vorausgehen müssen. Und die Thesen - wie beispielsweise die sehr differenzierte Betrachtung des Phänomens "homoerotischer Edwardian Dandy" - bleiben blind, wo man nichts zu sehen bekommt. Es fehlt an Bildern, fotografierten, gemalten, gezeichneten - und leider auch geschriebenen. Der Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken ist die Lektüre allemal anschaulicher, man liest sich durch die Epochen, statt den Stoff, aus dem sie sind, zu fühlen.

"Doing Gender" hat fast überall das Sagen

"Angezogen" ist dabei keine Chronologie; das Generalthema "doing gender" hat in fast jedem Zusammenhang das Sagen. Dass Mode nicht nur der Repräsentation dient, sondern vor allem die Ausformulierung und "erotische Steigerung durch dissonantes Gegeneinanderführen von Gender-Sterotypien" ist, das war zwar ein wichtiger Aspekt, wird aber den Dimensionen der Mode nicht wirklich gerecht.

Den lose gereihten Kapiteln ist zudem allzu häufig anzumerken, dass sich als Vorträge oder Essays unabhängig voneinander konzipiert wurden. Wo es Entwicklungslinien aufzuzeigen gäbe, mäandert Barbara Vinken zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Sie schließt die flämische und italienische Renaissance oder ein Gemälde, auf dem Kaiser Karl V. seine "langen, schlanken, bestrumpften" Beine unter kurzem Ballonrock herzeigt, über das Motiv "Tricothose" direkt mit dem 20. Jahrhundert kurz, in dem dann zwischen 1950 und 1980 die "Nylonstrümpfe der Frauen" herrschen. Und aristokratische Frauenbilder treffen direkt auf Michelle Obama und amerikanisches Fernsehen.

Tatsächlich schleichen sich so in Vinkens eigene Begründungszusammenhänge Fehler ein. Mal konstatiert sie, dass "vor der Revolution in der Frauenmode das ganz schamlose Zeigen nämlich, die Ostentation", verpönt gewesen sei, dann beschreibt sie aber das Gegenteil - die der weiblichen Lust unterworfenen Pariser Sitten dieser Zeit und Marie Antoinettes Fixierung auf Frisur und Putz.

Die SS-Uniform - das "kleine Schwarze der Herrenmenschen"

Vieles bleibt nur munter ausgebreitet, aber wenig einsortiert zurück. Rund um den großen Kleiderschrank, durch den Barbara Vinken sich wühlt, liegt dann, wie vergessen, die SS-Uniform, das "kleine Schwarze der Herrenmenschen", oder die exotischen Trends der nahen und fernen Vergangenheiten. Vom Orientalismus kann Vinken nur berichten, dass es sich um einen sinnlich konnotierten Zusammenhang handelt - und dass der Versuch von Paul Poiret scheiterte, "die Pluderhosen der Orientalen, die als ,Haremshosen' populär wurden, für Frauen einzuführen". Doch ließe sich über den Exotismus nicht Interessanteres berichten? Zum Beispiel, dass die vielen Moden den Warenströmen erst ein Gesicht und einen Körper gaben, um Begehren für das Neue zu erzeugen - vom Kaffee und Kakao und Tee bis zum Papageien, Affen, Jasminstrauch und Seidenschal -, indem sie den Konsumenten ein Kostüm anpassten?

Hier wird offensichtlich, wie viele Kontexte verschenkt sind, wenn allein auf die Differenzen und Umdeutungen von Männer- und Frauenmoden fokussiert wird. Dieser Versuch kann nicht überzeugen, solange man konsequent über soziale oder ständische Zusammenhänge hinwegschaut - Vinken nimmt Tracht, Uniform, Berufskleidung, Herrscherkostüm und Talar zwar als Bezug wahr, äußert sich aber höchstens knapp zu Entstehung und Ursprung. Deshalb hängen viele ihrer Beobachtungen zu Zitaten in der Mode als abstrakte Anachronismen in der Luft.

Und final ist es der Ton des Buches - aufregend wie Proseminar, präzise wie die In-Style -, der jeden analytischen Gewinn der schnellen Pointe opfert. Die Mode lässt sich eben nur denken, wo man sie auch gerne und mit Hingabe betrachtet, und nicht vorbeiziehen lässt wie einen Karneval.

Barbara Vinken: Angezogen. Das Geheimnis der Mode. Verlag Klett Cotta, Stuttgart 2013. 255 Seiten, 19,95 Euro, E-Book 15,99 Euro.

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SZ vom 12.12.2013/olkl
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