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Stilkritik:Schau, wie Mond-än!

Leichter, flexibler und trotzdem mit wichtigen Schutzfunktionen: Der neue Raumanzug ist für den Innenbereich ausgelegt.

(Foto: Boeing)

Boeing hat eine neue Generation von Raumfahrtanzügen vorgestellt. Mit Sneakers und körpernahen Schnitten wirkt die Funktionskleidung jetzt richtig heldenhaft.

Zeug? Hat sie tatsächlich "Zeug" gesagt? Die Chefredakteurin der einflussreichen Modezeitschrift Runway kann es nicht fassen. Diese Wortwahl und die damit ausgedrückte Gleichgültigkeit bekommt die neue Assistentin sofort um die Ohren geschlagen: "Oh, verstehe", sagt die Chefredakteurin höhnisch lächelnd. "Sie sind der Ansicht, dass das nichts mit Ihnen zu tun hat. Sie gehen einfach an Ihren Schrank und greifen sich diesen plumpen blauen Pullover zum Beispiel, weil Sie der Welt damit sagen wollen, dass Ihnen Ihre Kleidung nicht so wichtig ist wie Ihre Persönlichkeit." Der Pullover der Assistentin sei auch nicht einfach blau, auch nicht türkis oder lapisfarben. Er sei vielmehr azurblau, und die doofe Assistentin wisse Folgendes nicht: Es war Oscar de la Renta, der 2002 als Erster azurblaue Abendkleider entwarf. Yves Saint Laurent präsentierte später azurblaue Militärjacken. Und dann tauchte Azur in den Kollektionen von acht Designern auf. Schließlich sickerte die Farbe zu den gewöhnlichen Kaufhäusern durch, "aus deren Wühltisch Sie es dann irgendwann gefischt haben". Rumms! Die Assistentin schaut betreten.

Es ist eine Schlüsselszene des Films "Der Teufel trägt Prada". Und wer die darin erläuterte Bedeutung der Mode für nicht schlüssig hält, wird nun endgültig eines Besseren belehrt: Azurblau ist nicht nur auf den Wühltischen angekommen, sondern endlich auch im Weltraum. Die neue Kollektion der Raumanzüge für Nasa-Astronauten ist, in einem Wort: azurblau. Es wirkt, als habe die Farbe nun ihre eigentliche Bestimmung erlangt.

Vorbei die Zeiten, in denen Astronauten aussahen, als habe man sie in Alufolie gewickelt

Dabei stammt das Design nicht aus Paris, sondern aus Seattle: Boeing hat das Gewand entworfen. Ja, so wie Boeing 747, nur dass der bekannte Flugzeughersteller in diesem Fall keinen Dreamliner entworfen hat, sondern einen Traumanzug. Leuchtkräftig, körperbetont, neun Kilogramm leicht - das formvollendete Outfit, um in den Weiten des Alls eine perfekte Figur abzugeben. Man kann kaum erwarten, bis die erste Astronautin im kommenden Jahr ihren in schlanke blaue Sneakers gekleideten Fuß in die neue Nasa-Raumkapsel Starliner setzt, um die Internationale Raumstation anzusteuern. Und wie großartig sähe es aus, würden die Raumfahrer mit ebenso azurblauen Nabelschnüren ihre Rakete zum Weltraumspaziergang verlassen. Doch leider: Die neuen Anzüge sind nur für "intra-vehicular activity" gemacht, für den Innenbereich.

Na, immerhin. Vorbei sind die Zeiten, in denen Raumanzüge aussahen, als habe jemand die Astronauten in knisternde Aluminiumfolie gewickelt, so wie die Gewänder der ersten Mercury-Missionen. Dabei waren diese silbrig glitzernden Sechzigerjahre-Entwürfe durchaus spannender als das meiste, was danach kam (was sich unter anderem daran zeigte, dass die Pop-Gruppe Sha Na Na bei ihrem Auftritt in Woodstock den Rettungsdecken-Look kopierte). Die Männer der nachfolgenden Gemini-Missionen mussten jedenfalls in unförmigen Overalls auf die Reise gehen, sackartiges Gewand, wie es man es heute nur noch in der Fernsehserie "Der Tatortreiniger" sieht. Die Apollo-Pioniere hüpften später wie weiße kastenförmige Playmobilmännchen auf dem Mond herum. Und sogar für das seinerzeit ach so moderne Space Shuttle wurden die Astronauten in schlabbrige, knallorange Anzüge gesteckt, in denen sie aussahen wie ein Zwischending aus Müllmann und dem Typen an der Seilwinde eines Rettungshelikopters.

Zwar folgt auch jetzt die Form noch immer der Funktion, aber das Ganze hat endlich Stil

Sogar Filmausstatter tun sich traditionell schwer mit dem Thema Raumanzüge. Der sonst stets geschmackssichere Geheimagent James Bond musste für seinen ersten und einzigen Weltraumausflug im Film "Moonraker" ein Gewand tragen, um das ihn Seuchenschützer beim Ebola-Einsatz beneiden würden. Auch hatten sämtliche Raumanzüge bisher einen großen unförmigen Metallring um den Hals, auf den der Helm geschraubt wurde.

Nun ist all das Geschichte. Zwar folgt die Form noch immer der Funktion, aber das Ganze hat endlich Stil. Am Kopf ist das gewölbte Sichtfenster von einem Hoodie statt einem klobigen Helm eingefasst. Die Füße stecken nicht mehr in Bauklötzen, sondern in schlanken, wadenhohen, von Reebok mitentworfenen, natürlich azurblauen Sneakern. Man darf darauf wetten, dass diese Variante bald auch auf Schulhöfen zu sehen sein wird. Zusammengehalten wird das Ganze von gut einem Dutzend Reißverschlüssen, Rekord-Minimalismus. Und die Fingerspitzen der Handschuhe sind natürlich Touchscreen-tauglich. Im All lässt sich jedenfalls künftig jeder noch so plötzliche Druckabfall mit besten Haltungsnoten abwettern.

Auffallend ist auch, wie straff die neue Bekleidung im Schritt sitzt. Dort, wo manche Raumanzüge in der Vergangenheit ein rätselhaftes Lätzchen hatten, so als müssten Astronauten wie Lederhosenträger jederzeit in der Lage sein, hinter den nächsten Mondkrater zu pinkeln. Dabei ist es tatsächlich keine gute Idee, im Vakuum des Weltalls an seinem Gewand herumzuknöpfeln.