Israelische Trend-Küche in Berlin Hip, aber herzlich

Mitte hat ein neues Wohnzimmer: Es ist gemütlich an der Bar im "Yafo" und das Lokal so beliebt, dass die Gäste oft auch wochentags Schlange stehen.

(Foto: Christoph Jackschies)

In Berlin blüht die israelische Restaurant-Szene. Die neuen Lokale sind vor allem so beliebt, weil sie Essen und Feiern auf entspannte Art zu verbinden wissen.

Von Verena Mayer

Um an einem wackeligen Tisch zu sitzen, auf dem Blumen in einer alten Rum-Flasche stehen und das Brot in Backpapier gewickelt ist - dafür steht man in Berlin-Mitte derzeit Schlange. Wobei das Essen nicht weniger improvisiert ist: Hors d'œuvres pickt man hier mit den Fingern aus einem Schälchen, die Lammfleischterrine sieht aus, als sei in der Küche zusammengeworfen worden, was gerade da war, geröstete Auberginenscheiben, Sesampaste und Matbucha aus eingekochten Tomaten und Chilischoten. Ein Klecks Joghurt mit Koriander darauf, fertig.

Alles in diesem Restaurant wirkt, als wollte man am nächsten Tag zusammenpacken und weiterziehen. Hauptsache, das Leben bis dahin ist grell und intensiv. Und das ist es im "Yafo". Auf alten Sofas oder Kinostühlen drängen sich die Leute zwischen Troddel-Vorhängen, Diskokugeln und Fotokunst, dazu wird Balkan-Musik gespielt, und irgendeiner wippt immer mit einem Drink durch den Raum. Diese Mischung aus Hipness und Herzlichkeit ist dermaßen anziehend, dass die Leute selbst unter der Woche in Trauben an der Tür warten, um einen Tisch zu bekommen.

Das Yafo ist eines dieser israelischen Restaurants, wie sie in der Hauptstadt derzeit an jeder Ecke aufmachen. Ein Ort, in dem man nicht nur gut essen, sondern auch gut feiern kann, und familiär ist es obendrein. Ein riesiges Bild an der Wand zeigt die Oma der israelischen Betreiberin; die wiederum geht auch noch um drei Uhr morgens in die Küche und holt ihren Gästen einen Teller Rote-Bete-Salat mit Gorgonzola, Pekannüssen und Minze, der zugleich scharf, süß und cremig ist.

Im "Hummus and Friends" kommt, na klar, Hummus in allen Variationen auf den Teller.

(Foto: Dirk Laessig/PR)

An die 20 000 Israelis leben in Berlin. Wie viele es genau sind, weiß man nicht, da viele einen europäischen Zweitpass haben. Nur, dass die deutsche Hauptstadt unter jungen Israelis so beliebt ist, dass vor einigen Jahren eine Initiative auf Facebook dazu aufrief, nach Berlin auszuwandern. "Olim le-Berlin" hieß sie, was sich übersetzen lässt mit: "Wir gehen ins gelobte Land Berlin." Die Israelis prägen die Stadt mit Zeitschriften, Galerien und Cafés, oder sie arbeiten am Theater wie die Regisseurin Yael Ronen, die Israelis, Palästinenser und Deutsche der dritten Generation zusammenbringt und auf Englisch, Hebräisch und Arabisch streiten lässt, was ihre Stücke zum Originellsten macht, das man derzeit an deutschen Stadttheatern sehen kann. Und in kaum einer europäischen Stadt findet sich inzwischen eine solche Bandbreite an israelischer Gastronomie wie in Berlin. Die Ersten sprechen schon von "Little Israel" und vom "Tel Aviv Takeover", einer kulinarischen Übernahme.

Nach Übernahme sieht das "Benedict Berlin" in einer Seitenstraße des Kurfürstendamms nicht aus, eher nach Anpassung an ein Berliner Urbedürfnis: Immer dann zu frühstücken, wenn man gerade Lust hat oder von einer Party kommt, also den ganzen Tag über. Das kann man im ersten europäischen Ableger der Kette aus Tel Aviv, in der rund um die Uhr Frühstück serviert wird. Wobei Frühstück relativ ist, die Variationen an pochierten Eiern, Salaten und veganen Omelettes funktionieren auch mittags und abends oder mit einem alkoholischen Getränk. Angstfreier Crossover ist im Benedict Berlin Programm. Das Steak kommt mit Kimchi-Reis und Sprossen, die Pfannkuchen mit Lachs und Schalotten. Und dann gibt es noch dieses Gericht, das man als besonders gewagte Improvisation lesen kann oder als ironischen Kommentar auf den Geschmack in der neuen Heimat: Stulle mit Eisbein.

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Gilad Lipschitz, einer der beiden Manager, ist aus Israel, sieht mit seinem Camouflage-Oberteil und den gepiercten Ohrläppchen aber aus, als käme er gerade aus einem Berliner Technoclub. Er beginnt dann auch gleich über die Ähnlichkeiten von Berlin und Tel Aviv zu sprechen, die Kunstszene, die vielen Partys, die internationale Küche. Sobald es politischer wird, wechselt er das Thema, wie viele Israelis in Deutschland ist er es leid, ständig auf seinen Standpunkt im Nahostkonflikt festgenagelt zu werden. Und wie ist es, als Israeli in einer deutschen Stadt zu sein, in der man auf Schritt und Tritt den Spuren der Vergangenheit begegnet? "Wir leben lieber in der Gegenwart", sagt Lipschitz diplomatisch. Aber als er letztens in seiner Straße die Stolpersteine sah, die an die ermordeten jüdischen Bewohner erinnern, sei er sehr berührt gewesen.

Lipschitz guckt sich im Restaurant um. Sichtbeton, weiße Kacheln und dunkles Holz, von der Decke hängen Ventilatoren, das Benedict hat viel von einer entspannten Bar. Viele Gäste sind aus Berlin, oft landen Touristen aus Israel hier, die während ihres Urlaubs einmal essen wollen wie zu Hause. Und dazu nicht unbedingt in die koscheren Bäckereien oder Restaurants draußen im Westen wollen, in denen traditionell gekocht wird und man schon bei der Online-Reservierung erfährt, welcher Rabbi das Lokal zertifiziert hat.

Wobei einem in Berlin inzwischen auch moderne koschere Küche geboten wird. Oranienburger Straße, in der Nähe der Synagoge. Die Gegend der Touristen und Heizpilze, an den Galerien, Souvenirshops und Burgerläden schieben sich die Massen vorbei. Mitten drin liegt das "Hummus and Friends", ein schmales Lokal mit Hinterhof, das sich auf Tapas spezialisiert hat, die koscher und vegan sind. Blumenkohl aus dem Ofen etwa, Kartoffeln mit Roter Bete und natürlich alle Arten von Hummus. Mit Salat oder Avocado, mit Bohnen oder Zwiebeln. Nicht weniger gut besucht ist an den Wochenenden das Chabad-Zentrum auf dem Alexanderplatz. Es liegt im ersten Stock eines Zweckbaus, in dem noch ein Hostel untergebracht ist, und ist eigentlich eine religiöse Einrichtung, mit Gebetsräumen und Büros für die Rabbiner. Doch an Freitag- und Samstagabenden wird hier eine lange Tafel gedeckt, mit Wein, Brot und Salaten, und jeder kann kommen und mitessen. Berliner Juden sitzen dann am Tisch neben Israelis, die nach Berlin gezogen sind, Becher mit Rotwein werden herumgereicht, Kinder laufen herum, ein paar Backpacker wünschen sich ausgelassen "Schabbat schalom", ehe sie weiterziehen in die Berliner Nacht. Jüdisches Leben, mitten in der Hauptstadt.

Im "Benedict" wird bis abends gefrühstückt,

(Foto: PR)

Schlichte Raffinesse: Hummus mit Shakshuka-Soße, Pudding mit Rosenwasser, Sauerteigtoast

Doch wer sind eigentlich die Leute, die in Berlin israelische Restaurants aufziehen? Männer wie Guy Balassiano. Der 34-Jährige hat in Israel Philosophie studiert und an den Protesten gegen die hohen Lebenshaltungskosten teilgenommen, die 2011 in einem Zeltlager in Tel Aviv begannen. Danach packte er wie so viele Künstler, Freiberufler und Studenten seine Sachen und zog nach Berlin. Er lebte auf der Straße, jobbte als Barista in einem Café, und weil er ohnehin nichts zu verlieren hatte, pumpte er sich etwas Geld und eröffnete ein Restaurant in Kreuzberg, das "Mugrabi". Dort steht er nun, Vollbart, Mütze, Jeansmantel, an seiner Bar, die er aus Brettern und Schrott zusammengebaut hat, legt Musik auf und unterhält sich auf Hebräisch mit einem jungen Mann, der mit seinem Hündchen vorbeischaut, ein Künstler aus Israel. Er habe sich immer schon einen Beruf gewünscht, in dem es auf Gastfreundlichkeit ankommt, erzählt Balassiano. Kochen hat er von seiner Mutter in Haifa gelernt. Sie hat immer Latkes gemacht, die kleinen, frittierten Kartoffelpuffer. Eines Tages verließ sie ihren Mann, und Balassiano kochte für seinen Vater.

Die Küche im Mugrabi ist auf höchst entspannte Weise raffiniert, Hummus mit Shakshuka-Soße, pochierte Eier auf Sauerteigtoast mit Süßkartoffeln und Cherrytomaten. Zum Dessert setzt sich Balassiano an den Tisch und versenkt seinen Löffel in den Milchpudding mit Rosenwasser, um zu kosten, ob er auch gut ist. Er hat inzwischen eine deutsche Lebensgefährtin und ist Vater eines Sohnes geworden, in Berlin fühle er sich zu Hause. Hat er denn als Israeli Probleme mit den Arabern oder Türken im Kreuzberger Kiez? Nein, sagt Balassiano. Aber letztens hätten Gentrifizierungsgegner "Profiteur der Vertreibung" an sein Lokal gesprayt. So etwas einem Juden an die Wand zu schreiben - das fand er dann schon eine ziemliche Chuzpe.

So schmeckt Israel

Spezialitäten aus Nahost gibt es im "Yafo" (Gormannstraße 17b, yafoberlin.com) und im "Mugrabi" (Görlitzer Straße 58). Das "Benedict" Berlin serviert internationale Frühstücksgerichte (Uhlandstraße 49, benedict-breakfast.de). Im "Hummus and Friends" wird koscher und vegan gekocht (Oranienburger Straße 27, hummus-and-friends.com), fleischig-koscher isst man im "Milo" (Münstersche Straße 6, miloinberlin.de). Das "Chabad-Zentrum" reicht an Freitag- und Samstagabenden Sabbatessen (Karl-Liebknecht-Straße 34, Anmeldung auf chabadalexanderplatz.com).