Küchentrend:Sauberer Schnitt

Johannes und Joseph Schreiter haben das Frankfurter Brett erfunden. Die Kickstarter-Gemeinde ist ganz wild drauf. Ist diese Erfindung eine kleine Küchen-Revolution - oder einfach ein Stück Holz?

Von Cathrin Schmiegel

Zwei Piercingkugeln unter den Mundwinkeln, eine links, eine rechts; das halblange Haar in einen lockeren Dutt gebunden: Es sind wohl Reminiszenzen an eine Zeit, die Johannes Schreiter, 35 Jahre, bloß eine "bewegte Jugend" nennt - voll Punkrock, linken Demos und viel Unangepasstheit. 17 Jahre später sitzt er in seinem eigenen Büro in Offenbach am Main, ein untypisches natürlich, mit unverputzten Wänden und einer Werkbank in der Ecke. Von dort aus leitet er eine eigene Firma, zusammen mit seinem Zwillingsbruder Joseph. Und er lacht, aus der Brust heraus und ungezwungen, wenn er von damals erzählt oder davon, wie er schließlich hier gelandet ist. Sein Bruder nickt. "Na ja", sagt der dann, "wir waren schon immer Querulanten und Exoten".

Das Produkt aber, das beide vertreiben und entwickelt haben, scheint auf den ersten Blick gar nicht so ungewöhnlich: ein Schneidebrett aus Holz - Walnuss geht am besten - mit Behältern an den Seiten, die an ausfahrbaren Bügeln hängen und sich sehr gut für Geschnittenes eignen. Mit dem Messer können Köche es direkt in die Container schieben, statt dauernd versehentlich vom Brett. Hinten gibt es eine Ablage für Gewürze und ein Tablet oder Kochbuch mit Rezepten. Die Idee hinter diesem "Frankfurter Brett" ist also eigentlich recht simpel. Und doch verursacht es bei der Netzgemeinde fast euphorische Ausbrüche: 5000 Mal wurde das Brett bisher bestellt, die beiden Kampagnen bei kickstarter.de, einer Internetplattform für die Finanzierung von Start-ups, brachten fast 3600 Unterstützer, 48 000 Facebook-Fans und 700 000 Euro. Warum das so gut funktionierte, das versteht man etwas besser, wenn man sich die Geschichte erzählen lässt.

Der Einfall kam Johannes Schreiter vor fünf Jahren. Eigentlich ist er mal Maurer gewesen, bis die Handgelenke eines Tages nicht mehr wollten und er kurzerhand umschulte. Johannes wurde Koch und schnell mit dem "brutalen Stress" in der Gastronomie konfrontiert. Dann sah er einen Kollegen, der in der Hektik eine Schüssel zwischen seine Hüfte und ein Schneidebrett klemmte, um das geschnippelte Gemüse einzusammeln und so Zeit zu sparen. "Das hat sich bei mir eingebrannt", sagt Johannes. Er entwickelte den ersten Prototyp: in der Werkstatt der Hochschule für Gestaltung, auf der eigentlich nur sein Bruder Produktdesign studierte und auf die Johannes selbst damals irgendwie niemand aufnehmen wollte - trotz Entwurf des Schneidebretts in der Bewerbungsmappe.

Frankfurter Brett

An der Seite des "Frankfurter Bretts" hängen kleine Behälter, so können Hobbyköche Abfall und Schnittgut gleich beim Schnippeln trennen.

(Foto: frankfurter-brett.de)

Im Februar wird Johannes Schreiter etwas Genugtuung erhalten. Die Designer, die ihn nicht haben wollten, überreichen ihm nun den "German Design Award 2017". Auch die Mitglieder der Prüfungskommission zählen zu jenen, die wie einige Köche und Gourmetblätter laut "genial!" rufen, und: "Innovation!" Da gibt es aber noch die anderen, die etwas Zurückhaltenderen, die sagen: "Das ist doch einfach nur ein Brett." Und irgendwie haben beide Seiten recht. Denn es ist eine interessante Frage, ob das Frankfurter Brett jetzt die Küche revolutioniert oder am Ende doch bloß ein sehr elegantes Stück Holz bleibt.

Wie der Einzelne die Frage auch beantworten will: Die Einfachheit allein erklärt das Phänomen noch nicht. Kochen ist nicht mehr nur Notwendigkeit. Viele Menschen sind ambitionierte Freizeitköche, die viel Zeit, Geld und Mühe in ihr Hobby investieren. Das erkennt man immer dann, wenn ein Thermomix-Imitat für eine Massenpanik in hiesigen Discountern reicht (so geschehen im Oktober 2015), sich Zigtausende Menschen Videos über die Zubereitung einer Bouillon ansehen (und Sterneköche sauer werden). Oder wenn ein Brett eben mal Karriere macht.

Der Name ist übrigens ein Verweis auf die Frankfurter Küche, auch bekannt als Urtyp der Einbauküche und damit 1926 schon eine kleine Sensation. Damit reiht man sich ein in die stolze "Made in Germany"-Tradition. "Im Nachhinein", sagt Johannes Schreiter, "ist das schon eine selbstbewusste Ansage." Das erklärt den Kundenstamm. Darunter sind auch viele US-Amerikaner, die seit jeher auf deutsche Produktionen stehen und für ein solides Schneidebrett gerne zwischen 135 Euro (für das Basic-Modell gefertigt in Bulgarien) und 600 (für ein Premium-Einzelstück vom tätowierten Schreiner aus dem Nachbarort) ausgeben.

Frankfurter Brett

Für die Entwickler Johannes (re.) und Joseph Schreiter (li.) ist ihre Erfindung eher eine Werkbank für die Küche als nur ein Schneidebrett.

(Foto: frankfurter-brett.de)

Dass die Menschen Lust haben, auch ihre Kochkünste zu perfektionieren - und sei es das Schneiden von Gemüse - haben Joseph und Johannes Schreiter mit dem Frankfurter Brett also erkannt. Es sind vor allem Männer, die diesem Trend folgen. Sie machen 60 Prozent der Kundschaft aus. "Männer wollen einfach eine geile Küche. Sie stehen ja darauf, ein bisschen Profi zu sein." Und dazu sollen sie schließlich auch erzogen werden, Abfall und Schnittgut gleich beim Schneiden trennen und entspannt durchs Rezept scrollen. Für die Gastronomie ist das Brett übrigens nicht geeignet: Das Holz passt nicht zu den strengen Hygienevorschriften und auch nicht gut zum Stress. "Das Frankfurter Brett", sagt Johannes, "ist einfach nichts für die Schnitzel-mit-Pommes-500-Essen-am-Tach-Küche".

Wenn die beiden solche Sätze sagen, dabei einen Apfel schneiden und mit dem Messer in ihre Gastrobehälter schieben, merkt man schnell: Sie sind vielleicht die größten Fans ihres Produkts. Der Prototyp steht noch heute auf der Ablage in der gemeinsamen Wohngemeinschaft. Und auch der ist für sie eben nicht so richtig "nur" ein Brett. "Es ist vielmehr eine Werkbank für die Küche", lacht Johannes.

Was daran männlich wirkt, ist schnell erkannt: Wenn er das Frankfurter Brett als "porschig" beschreibt oder als ein "Koch-Cockpit". Damit entkräftet Johannes noch schnell einen vermeintlichen Minuspunkt: Zum Wegräumen in Einbauregale ist es nicht konzipiert. So etwas gehört ausgestellt, wenn es nach Joseph geht sogar "zelebriert".

Was der Käufer am Ende mit seinem Frankfurter Brett auch anstellt, klar ist: Es ist ein Exot im Haushalt. Und damit dürfte es ganz gut zu seinen Entwicklern und zu passionierten Köchen passen.

© SZ vom 14.01.2017
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