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Mode:Nur leger erträglich

Welche Produkte während der Pandemie besonders gefragt sind.

Von Anne Goebel

Wenn die Wirklichkeit schwer auszuhalten ist, soll wenigstens der Kleiderschrank kleine Fluchten ermöglichen: Modischer Eskapismus ist ein typisches Verhaltensmuster in Krisenzeiten. Während der Depression der Dreißigerjahre konnten die Abendroben nicht glamourös genug sein. Die Hippies zitierten mit ihrer Protestkluft gegen den Vietnamkrieg die verspielten Rüschen der Spätromantik. Die Corona-Pandemie setzt jetzt auch in dieser Hinsicht neue Maßstäbe. Weil der öffentliche Raum als Bühne verloren ging, wird die Mode gerade auf ihre Minimalfunktion reduziert: Den Körper zu bekleiden. Und zwar möglichst bequem.

Wie die Mode-Suchmaschine Lyst meldet, hatten Online-Shopper in den vergangenen Monaten betont leger sitzende Outfits im Visier. Das Londoner Unternehmen untersuchte für das zweite Quartal das Verhalten von mehr als zehn Millionen Kunden weltweit, die auf der Plattform das Angebot von Designern und Onlinehändlern durchsuchten. Das Ergebnis: Weite Schnitte und geräumige Schuhe für viel Zehenfreiheit sind gefragt wie nie. Das ist in Zeiten von Home-Office und reglementierten Sozialkontakten zwar nicht verwunderlich. Für welchen Anlass sollte man sich schon herausputzen? Aber dass mit Nike ein Sporthersteller nicht nur im Ranking nach oben rutscht, sondern den Lyst-Index sogar anführt, kam doch überraschend. Üblicherweise teilen sich hier Modehäuser wie Balenciaga oder Prada die ersten Plätze. Das zeigt noch einmal, wie schwer die Luxusbranche von Corona getroffen wurde.

Der amerikanische Sportartikel-Riese verbuchte einen Zuwachs von mehr als 100 Prozent bei Sports- und sogenannter Loungewear - ein Begriff für komfortable Hauskleidung, deren Gesellschaftsfähigkeit sich in den Monaten der Pandemie rasant verändert hat. Früher schlurfte man darin allenfalls zum Nachbarn, wenn sonntags Milch fehlte. Inzwischen taugt weich Fließendes auch für kurze Erledigungen in der Stadt. Und zu den gefragtesten Produkten überhaupt gehört eines, das lange als Synonym für bewussten Anti-Schick galt: die Birkenstock-Sandale. Insgesamt verzeichnet Lyst bei der Suche nach Modellen des deutschen Schuhherstellers ein Plus von 225 Prozent in den vergangenen drei Monaten.

Geht von jetzt an Pragmatismus vor Stil, kommt gar das Ende der Mode? Wer darüber, je nach Perspektive, frohlocken oder verzweifeln möchte - grundsätzliche Prognosen gibt die Analyse von Lyst kaum her. Allein die Tatsache, dass bei den Männern die Recherche nach Mund-Nase-Masken ganz oben steht, zeigt, wie zeitgebunden die Liste ist. Begehrt sind vor allem Masken von Off White, das sagt einiges: Das italienische Label, an zweiter Stelle nach Nike, hat sich zwar mit legerer Streetwear einen Namen gemacht, gehört aber eindeutig in den Luxusbereich. Und auf Platz drei der weltweiten Beliebtheit folgt ohnehin schon Gucci.

Auffallend sind verstärkte Nachfragen in einzelnen Ländern: Die nach Strandtaschen in Italien zum Beispiel oder nach Brautkleidern in Spanien. Beides im Monat April, als die schwer von Covid-19 getroffenen Staaten noch weit weg von so etwas wie Normalität waren. Aber die Mode erzählt eben auch von Sehnsüchten.

© SZ vom 29.07.2020

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