Mode Der klassische Herrenanzug ist in der Krise

Ermenegildo Zegna bietet alles rund um den Anzug an, auch Jeans und Sneakers. Hier ein Modell aus der aktuellen Kollektion.

Sogar ein Topmanager wie Mercedes-Chef Zetsche trägt heute lieber Jeans und Sakko. Der schrumpfende Markt macht Firmen wie Ermenegildo Zegna erfinderisch.

Von Dennis Braatz

Logisch. Wenn eine der umsatzstärksten und größten Männermarken für formal wear ein Megageschäft mitten auf der Londoner New Bond Street eröffnet, dann kann der Dresscode für diesen Abend nur "Elegant Attire" lauten. 20 Monate lang hat Ermenegildo Zegna ein komplettes Haus renovieren lassen. Für die Gestaltung von 500 Quadratmetern auf drei Etagen wurde kein Geringerer als Peter Marino engagiert, der Luxusladeneinrichter in Lederkluft.

Er hat auf Hochglanz polierte Eichenholztische mit cappuccinofarbenen Lobbysesseln kombiniert und mit jeder Menge warmem Licht übergossen. Hier soll jetzt also der vermögende Geschäftsmann von heute seine Anzüge, Kaschmirpullover und Tasselloafer kaufen. Nur: Die Gäste passen nicht zum Motto der Veranstaltung. Sie sind nicht im edlen Zwirn gekommen, sondern tragen lieber, was gerade so angesagt ist: Blousons überm weißen Hemd und übergroße Lammfelljacken zu kaputten Jeans. Was ist da los?

Dass der Anzug nicht mehr das Maß aller Dinge in der Herrenmode ist, weiß man seit Längerem. Seit den Neunzigerjahren wird er sichtlich weniger getragen, aber seit Anfang der Nullerjahre spricht die Branche von einer veritablen Krise. Der Absatz ist vielerorts rückläufig, was selbst die etablierten Herrenausstatter immer wieder zum Experimentieren zwingt.

Mode Das seltsame Verhältnis des Mannes zum Regenschirm
Mode

Das seltsame Verhältnis des Mannes zum Regenschirm

Wie trägt der Mann seinen Schirm? Am besten mit Würde - oder gar nicht.   Von Oliver Klasen

Zum Beispiel mit Sportswear, der bislang lukrativsten Alternative; eine eigene Linie gab es bei Ermenegildo Zegna von 1998 bis 2014. Oder mit einer eigenen Frauenkollektion; bei Boss gibt es sie seit 2000. Oder aber, wie zuletzt, mit immer neuen Designern. Im Februar fielen sie plötzlich wie die Dominosteine: erst Brendan Mullane bei Brioni, der den Anzug gern im Kontext von Trekking-Mode sah. Noch am selben Tag meldete Berluti den Abgang von Alessandro Sartori, der sich eher auf die Kombinierbarkeit einzelner Anzugteile konzentrierte. Nur zwei Tage später nahm Stefano Pilati bei Ermenegildo Zegna seinen Hut. Sein exaltierter Stil wurde von Kritikern gefeiert, war am Ende aber wohl doch nichts für den Kunden da draußen. Brioni holte sich gleich danach den Ex-Einkäufer Justin O'Shea, der die Marke radikal verjüngen wollte, indem er die harten Jungs von Metallica als Werbegesichter verpflichtete. Alles vergeblich. O'Shea wurde auch schon wieder gefeuert.

Dass sich die Krise gerade zuspitzt, dafür kann auch das neue Kleidungsverhalten des Daimler-Chefs als Beweis angeführt werden. Dieter Zetsche, einst passionierter Anzugträger, tauscht seinen Zweiteiler neuerdings gegen Turnschuhe, Jeans und Sakko ein. Viel härter dürfte die Herrenausstatter aber die Entscheidung von JPMorgan Chase & Co. treffen: Die größte Bank der USA hat im Juni dem Großteil ihrer 235 000 Angestellten die Anzugpflicht erlassen. Weitere Konzerne werden gewiss bald folgen. Anzug und Krawatte sind in dieser "Fly-in, fly-out"-Arbeitswelt ganz einfach das Unbequemste, was man tragen kann.

Passé wird der Anzug aber nie sein

Gildo Zegna sieht das eher gelassen. "Natürlich reisen wir heute viel und wollen uns deshalb bequemer kleiden. Passé wird der Anzug aber nie sein", sagt er. Der Unternehmer selbst trägt ein hellgraues Modell, dazu eine gestrickte Krawatte. "Casual" nennt er das. Ganz schön mutig, würde der Durchschnittsmann dazu sagen.

Seit 1997 leitet Gildo Zegna die Geschäfte des Familienunternehmens, in dritter Generation. Es gab immer mal bessere und schlechtere Jahre, aber so richtig hart hat es ihn bislang nicht getroffen, der Umsatz lag 2015 immer noch bei 1,3 Milliarden Euro. Was einerseits daran liegt, dass Zegna auch Stoffe für viele Luxusmarken fertigt, darunter Tom Ford und Versace. Andererseits bietet die Firma schon länger alles rund um den Anzug an. Neben Taschen, Cardigans und Übermänteln gibt es sogar Sneakers und Jeans. Damit auch die Zetsches dieser Welt fündig werden können.