Männermode Spielraum wird verdeckt eingearbeitet

Den Markt haben viele Hersteller erkannt. Das liegt nicht nur am Verkehr in chronisch verstopften Innenstädten wie London oder Paris, der den gehetzten Berufstätigen gar keine andere Wahl als das Zweirad lässt. Dazu kommt das ökologische Prestige des CO₂-neutralen Fortbewegungsmittels - und der Hype um das Fahrrad als Lifestyle-Produkt. Wer sich auf einem 18-Gang-Urban-Bike in Polar Silver für mehrere Tausend Euro durch die Straßen schlängelt, gehört potenziell zum Kreis beruflicher Anzugträger.

Die New Yorker Marke Bonobos zum Beispiel hat die Linie "Jetsetter" mit Stretchanteil im Programm. Kenneth Cole aus London bewirbt seine "Endurance"-Kollektion aus atmungsaktiver Wolle mit dem markigen Spruch "workwear for the man about town", Berufskleidung für den dynamischen Mann. Für das etwas üppigere Budget gibt es etwa ein Modell von Designer Paul Smith, selbst passionierter Großstadtradler. Smith hat die Kampagne für seinen formstabilen Zweiteiler mit dem Kunstturner Max Whitlock filmen lassen. Eleganter Anzugträger bei der Kreisflanke - der Spot ist ein Youtube-Hit.

Mode Ein gutaussehender älterer Herr
Mode

Ein gutaussehender älterer Herr

Philippe Dumas war fast 60, als er Model wurde. Wie das geht? Bart wachsen lassen, Fotos machen, ins Netz laden - fertig.

Die technischen Merkmale solcher Entwürfe sind immer dieselben: Stoffe mit einer gewissen Elastizität und ein Schnitt, der an den beanspruchten Stellen wie Schultern und Rücken Bewegungsfreiheit lässt. Wie formal oder nonchalant das am Ende aussieht, bei Hugo Boss oder Zegna, variiert. Giorgio Armani hat sich bei seiner neuen "Travel Capsule Collection" für eine legere Silhouette entschieden. Die Teile für Männer und Frauen sind ab kommenden Monat erhältlich, und der Meister aus Mailand versteht sie als Hommage an das "Unterwegssein als Freiheit und Identität", wie es poetisch im Begleittext heißt.

Bei Monokel mit Hauptsitz im Berliner Regierungsviertel - der Laden in München ist erst ein paar Wochen alt - setzen sie auf kompromisslose Klassik. Hier soll nichts lässig verrutschen an Sakko oder Hose, wenn sich der Träger aufs Rad schwingt. Spielraum wird verdeckt eingearbeitet, durch ein exakt bemessenes Armloch oder Bundfalten, die Zug von den Schenkeln nehmen. Die erstaunliche Auswahl flexibler Stoffe reicht vom klassischen "Zealander" bis zum rustikaleren "Tweed Run".

Was man da noch falsch machen kann? Die quer umgeschnallte Tasche, sagt Davaroukos leicht gequält. Wenn er Männer sehe, die beim Radeln ihr schönes Revers mit einem breiten Gurt regelrecht abschmirgeln, könne er gar nicht hinschauen. Unterboten werde das nur noch von diesen kreischbunten Klemmen zum Bändigen flatternder Hosenbeine. Boris Johnson würde man ein solches Hilfsmittel glatt zutrauen.

Lesen Sie dieses Interview mit SZ Plus:
Mode "Die Mode ist ein Gefängnis mit dicken Mauern geworden"
SZ-Magazin

Gespräch mit Gucci-Chefdesigner

"Die Mode ist ein Gefängnis mit dicken Mauern geworden"

Der Designer Alessandro Michele hat Gucci zur begehrtesten Modemarke der Welt gemacht. Sein Geheimnis sieht er darin, dass es ihn nicht kümmert, was man von ihm erwartet.   Interview von Michael Ebert und Sven Michaelsen, SZ-Magazin