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Design:Von einem, der stets die Kurve kriegt

Luigi Colani 1973 im Schloss Harkotten

Barock 'n' Roll: Luigi Colani war Bildhauer, Flugzeugbauer - und Schlossherr. Bis 1981 betrieb er sein Designbüro auf Schloss Harkotten in Westfalen. Danach verließ er Deutschland und lebte zunehmend in Asien. Das Bild stammt aus dem Jahr 1973: Colani inszeniert sich als wundersame Mischung aus Sergeant Pepper und Salvador Dalí.

(Foto: picture alliance / dpa)

"Wie kann so ein Idiot etwas eckig machen, wo ein runder Arsch draufkommt!", sagte er einmal über die Designer deutscher Toiletten. Luigi Colani ist ein Egomane, aber auch ein Pionier. Eine Würdigung zum 90. Geburtstag.

Von Luigi Colani, der eigentlich Lutz Colani heißt und am 2. August 1928 in Berlin-Friedenau geboren wurde, hat man zuletzt nicht mehr so viel gehört. Naturgemäß, könnte man sagen. Denn der Mann wird jetzt am Donnerstag 90. In diesem Alter muss man ja die Welt auch nicht mehr aus den Angeln heben oder sie in ihre Schranken weisen. Oder doch?

Weil aber Luigi Colani nicht nur seinen eigenen Namen, sondern immer auch die ganze Welt besser machen wollte, wäre es schon sehr bitter, wenn das Katzenklo das letzte Colani-Produkt wäre, von dem man gehört hat. Das war vor einigen Jahren, als gemeldet wurde, dass der weltberühmte und manchmal auch weltberüchtigte Designer ein Katzenklo entworfen habe. Per Crowdfunding sollten nun die Gelder organisiert werden, damit der Prototyp, der aussieht wie ein aufklappbares Dinosaurier-Ei, in die serielle Produktion überführt werden könne. Ob das geklappt hat, zumindest im ganz großen Stil, ist fraglich.

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Wenn man das Design-Katzenklo in scheinbarer Kaufabsicht googelt, wird man enttäuscht: "Deine Suchanfrage ,katzenklo colani' ergab kein Shopping-Ergebnis." Schade. Dafür findet man im Katzenforum im Internet von einem oder einer "Cordy" (Neuling) die Frage, ob jemand Erfahrung mit der Colani-Katzentoilette habe. Worauf "JK600" (Forenprofi) antwortet, dass die Praktikabilität des Katzenklos jedenfalls wichtiger sei als das Aussehen. Auf das Design käme es nicht an. Und hier nun muss man dann doch mal ganz energisch widersprechen.

Denn genau darum geht es dem Designer Colani schon immer: Für das Praktische und Nützliche gibt es überhaupt keinen triftigen Grund, nicht auch formvollendet in ästhetischer Hinsicht zu sein. Im Gegenteil möchte man behaupten: Wenn etwas hässlich ist, ist es vermutlich auch nicht sonderlich praktisch. Zum Beleg dieser These blicke man in das Habitat der Schöpfung. Hier gibt es nur sehr selten etwas, was sich nicht der Evolution gemäß als zugleich naturschön und höchst sinnvoll erwiesen hat. Es ist daher sinnlos, Schönheit und Nützlichkeit, Form und Funktion gegeneinander ausspielen zu wollen. Das ist unter anderem die Lehre des Biomorphismus. Auf dem Gebiet der Gestaltung ist Luigi Colani einer der prägenden Gestalter dieser Lehre, in der künstliche, organisch anmutende Gebilde der Natur nachempfunden werden.

Jetzt will er noch ein Auto bauen, das 600 km/h schnell ist

Im Interview sagte er einmal, man solle sich den Hai zum Vorbild exzellenter Gestaltung nehmen. "Seit Millionen Jahren sehen Haie aus wie Haie. Das ist perfektes Design." Seinen Gegnern gilt Colani dennoch als Hai, mindestens, im Karpfenteich sowie als eine Art Hundertwasser des Knetdeliriums. Das ist ziemlich boshaft - und blendet überdies aus, dass von Gaudi bis Aalto die rundliche Organik und Kurven-Euphorie immer auch ihren Platz in der orthogonalen Moderne hatte. Eher muss man Colani als Pionier einer futuristischen Ökologie der Dingwelt würdigen. Nur fällt das schwer, weil der begnadete Universalist Colani, der als Sohn eines Schweizers und einer Polin neben einem Motorflugplatz aufgewachsen ist und außer Bildhauerei (in Berlin) auch Aerodynamik (in Paris) studierte, die Welt immer heftig, ja deftig tadelt. Dem Autor dieser ganz unboshaft verehrenden Zeilen sagte er vor vielen Jahren am Telefon, er sei ein "Depp".

Macht nichts. Wer von Colani noch nicht als Depp bezeichnet wurde, ist auch nur einer dieser "Nichtse" (Colani), die die Welt perfiderweise daran hindern, zu einem besseren Ort zu werden. Eigentlich ist die Legion der Deppen (darunter viele Journalisten und beinahe alle anderen Gestalter) eine Art Légion d'honneur. Vor allem über das deutsche Design (Bauhaus, Ulmer Schule) schimpft Colani gern im Rohrspatzmodus. Vor einigen Jahren sagte er im Gespräch mit dem österreichischen Standard: "Das deutsche Design war nie richtig. Seht euch die Waschbecken und Klos an, die hier gemacht werden: Wie kann so ein Idiot etwas eckig machen, wo ein runder Arsch draufkommt!"

Kein Wunder, dass Colani erst anerkannt und dann auch verkannt wurde. Er hat es aller Welt einfach gemacht, ihn zu überhören. Ihn, seine Schimpftiraden und seine Egomanie. Er werde, so Colani über Colani, als "Gottheit" verehrt - außer im Land der Deppen, Deutschland. Unübersehbar ist jedoch: Colani war seiner Zeit voraus. Die Ära der Bionik, die eben erst dabei ist, sich rasant zu entwickeln, hat er schon vor Jahrzehnten in seinen signifikant typischen Entwürfen für Küchen, Autos, Möbel, Überschallflugzeuge oder Zahnbürsten vorweggenommen. Die von ihm gestaltete Spiegelreflexkamera Canon T-90 (1986) gehört zu den Design-Inkunabeln der Spätmoderne.

Nach der seltsamen Katzenklo-Geschichte hat man noch gehört, dass Colani an einem Auto arbeitet, das 600 Stundenkilometer schnell wäre. Das ist eher irre als öko. Aber zugleich arbeitet er an einer Öko-Stadt im Jangtsekiang-Delta. Also doch, ja, man muss die Welt herausfordern. Auch mit 90. Gerade dann. Und man muss ihr immer etwas böse sein und alle anbrüllen. Luigi Colani ist aber womöglich einfach ein großer Liebender. Im Rohrspatzmodus.

© SZ vom 02.08.2018
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