Kolumne: Ladies & Gentlemen:Konservativ aus der Konserve

Lesezeit: 2 min

Die britische Premierministerin Liz Truss im Hosenanzug
(Foto: IMAGO/Martyn Wheatley / i-Images)

Was haben die Politiker Liz Truss und Hubert Aiwanger gemeinsam? Einen biederen Modegeschmack, der Volksnähe suggerieren soll.

Von Max Scharnigg und Julia Werner

Für sie: Hausmutter der Nation

Downing Street 10 wird mal wieder weiblich: Liz Truss ist gerade mit ihrem Ehemann eingezogen. Von Weitem sieht die Frau aus wie eine ganz normale Tory-Politikerin mit Thatcher-Nostalgie, also nicht so anders als Theresa May: Sie trägt Kostüme und Hosenanzüge mit Pumps, die genau in der Mitte zwischen spießig und Melania Trump liegen. Erst beim Heran-Zoomen wird klar: Da ist was anders. Sie verfügt über eine Auswahl an Kleidern, die man in der Garderobe einer Konservativen nicht verorten würde: mit kurzen, leicht angepufften Ärmeln, Wickelelementen und Schnürdetails in der Taille. Zu einem gehört sogar ein Gürtel mit goldenen Ketten in Bauchmitte. Das alles könnten die Stilmittel einer Frau sein, die etwas marottig ihre Weiblichkeit lebt. Wären da nicht die etwas groben Details. Zum Beispiel: Stretch-Baumwolle. Die ist in öffentlichen Rollen nur für Unterhosen akzeptabel. Sie wirkt nie elegant, sondern immer ein bisschen provinziell, es sei denn, man trüge sie auf einer Reise in die Tropen. Liz Truss wirkt aber auch in Hosenanzügen aus feiner Wolle stets hausmütterlich: Die Hosen sind immer ein bisschen zu eng, und manchmal trägt sie Stiefeletten mit weitem Schaft zu Pencil Skirt. Man könnte den Look auf Truss' Herkunft schieben, sie entstammt bekanntlich nicht der Londoner Privatschulelite, sondern einem linken Mathelehrer-Haushalt. Man könnte aber auch vermuten, dass der Look eine professionell gemachte optische Täuschung für den Wähler ist. Um die nächste Wahl zu gewinnen, braucht man ja die Middle Class.

Hubert Aiwanger im Trachtenjanker
(Foto: IMAGO/Sammy Minkoff)

Für ihn: Das Janker-Problem

Herausragendes Stilmerkmal des Politikers Hubert Aiwanger ist natürlich nicht irgendein Kleidungsstück, sondern sein unvergleichliches Idiom, das selbst in seiner Heimat, der Landshuter Gegend, bisweilen wie ausgedacht klingt. Was das Outfit angeht, so hat der stellvertretende Ministerpräsident hingegen das gleiche Problem wie viele bayerische Amtsträger - der Spagat zwischen Schreibstuben-Look, biederer Grundkonfiguration und traditioneller Verwurzelung führt bei Fest- und Bierzeltauftritten regelmäßig zu besonders unglücklichen Ergebnissen. Freund und Feind ist gleichermaßen der Leinenjanker. Er hängt mutmaßlich in jedem Rathaus des Bundeslands neben dem Kruzifix und dient den ratlosen Herren in allen repräsentativen Situationen als leichte Folklore-Waffe. Diesem eigentlich untadeligen Kleidungsstück wird aber nicht Genüge getan, wenn man es einfach nur wie ein leutseliges Tarnmäntelchen über den Büro-Standard mit Hemd und Anzug wirft. So schnell wird aus einem Büroheini kein Gebirgsjäger, und der Janker sieht in diesen Fällen einfach eben nur aus wie das, was er ist - pflichtgemäße bajuwarische Verkleidung. Sie wird in den kommenden Wochen auch von Vorstandsmitgliedern, Fußballfunktionären und Sparkassenchefs für die Wiesn angelegt werden, und es wird wieder nur aussehen, als wären am Tegernsee die Kleiderschränke explodiert. Vorschlag: Einmal den Leinenjanker als das begreifen, was er ist - ein sommerliches Leinenjackett, das mit ebenso leichten Hosen, Farben und Schnitten kombiniert werden möchte und mit einem Einstecktuch statt Krawatte. Schon hat es sich ausgejodelt.

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