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Leben in der Stadt:Ganz schön leer

The Coronavirus Crisis In Germany: Week 10

Selten war Platz so wichtig wie in diesen Zeiten, in Berlin Tempelhof wurde die Brache aber schon länger kultiviert.

(Foto: Maja Hitij/Getty Images)

Warum wir mehr Platz in unseren Städten brauchen und das nicht erst seit Corona. Ein Plädoyer für die Brache.

Von Julia Rothhaas

42 Hektar, das ist sehr viel Platz. Zum Joggen, Radfahren, Skaten, Toben. Für Liegestütze, Hampelmänner, Schattenboxen. Fürs tägliche Kopflüften, ein Picknick mit Freunden oder um mittags einfach mal in die Luft zu starren. Dass all das mitten in München überhaupt stattfinden kann, ist eine große Corona-Ausnahme. Denn normalerweise wären diese 42 Hektar seit Monaten nicht zu betreten, Absperrgitter hätten den Zugang längst verhindert. Denn normalerweise würde dort an diesem Samstag das Oktoberfest beginnen.

Obwohl die Absage natürlich jammerschade ist, haben die Bewohner Münchens dadurch etwas Wichtiges lernen können: wie schön es ist, über so viele Monate so viel freien Platz im Zentrum der Stadt zu haben, und zwar im Sommer. Zwischen den jährlichen Oktoberfesten erschien diese Brache auf der Theresienwiese bislang wenig attraktiv: eine Fläche aus Beton, Schotter und Staub, mit wenigen Grün-Ausnahmen wie Kamille oder Hirtentäschelkraut. Wer will da schon hin?

Coronavirus - Oktoberfest abgesagt

Leere statt Bier: Auf der Theresienwiese hätte nun eigentlich die Wiesn starten sollen.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

Während der Ausgangsbeschränkungen allerdings wurde dieser Platz wertvoll, weil man sich darauf bewegen konnte ohne den üblichen Abstand-Eiertanz auf Gehsteigen und Spazierwegen. Auch Mitte September zeigt die Theresienwiese noch, wie wichtig der Freiraum inmitten des endlosen Geflechts aus Straßen und Gebäuden ist - selbst wenn dort vorübergehend ein paar Buden und ein großes Trampolin standen und eine Corona-Teststation ihre Zelte aufgeschlagen hat.

Der Platz in der Stadt ist wichtig, weit über Münchens Stadtgrenzen und sämtliche Pandemiezeiten hinaus. Allerdings wird in den Ballungsräumen seit Jahrzehnten um jeden freien Quadratmeter gekämpft, was das mit dem Platz wiederum nicht ganz einfach macht. Doch hier soll es nicht um die Wohnungsnot gehen und das damit einhergehende Dilemma "Freiraum versus Rendite", ebenso wenig um die Klimakrise, das allerbeste Argument gegen den fortschreitenden Flächenfraß. Sondern um das schlichte Bedürfnis nach mehr Spielraum an der frischen Luft, nach freien Plätzen, die sich Menschen selbst zunutze machen können.

Leere Plätze sind die "reinste Form der Verschwendung"

Eine Art Liebeserklärung an die Brache hat Sergio Lopez-Pineiro verfasst. In seinem Buch "A Glossary of Urban Voids" hat der Architekt, der unter anderem Landschaftsplanung an der Harvard-Universität lehrt, unzählige Begriffe und Umschreibungen für unbebaute öffentliche Plätze zusammengetragen. Seine eigentliche Forderung aber lautet: Als reinste Form der Verschwendung von Kapital und als Zeichen des Stillstands müssen diese Orte den Menschen zugänglich sein und künftig besser geschützt werden. Sprich: Aus der lediglich temporären Nutzung darf gern was Ernstes werden. Schließlich, so Lopez-Pineiro, steckt die Brache voller Möglichkeiten, die andere öffentliche Orte nicht bieten können. Eine diverse Stadt aber müsse den Raum gewähren für Unerwartetes, Spontanes, Unbestimmtes - als eine Art Gegenentwurf zum liebevoll gestalteten Park mit angelegten Wegen und auf dem Reißbrett gesetzten Grünflächen.

Wie das geht, zeigt seit jeher die Subkultur, die sich an den unwirtlichsten Orten wie Unterführungen oder entlang von Bahnschneisen immer wieder ein Zuhause geschaffen hat. Wer sich ein Stück unverbauten Platz zu eigen machen kann, und sei es nur für eine Stunde am Nachmittag, hat sich dadurch vermeintlich ein Stückchen Freiheit erkämpft. Diese Freiheit wird umso wichtiger, je enger es um uns wird. Die soziale Dichte in den Ballungsräumen kann zu einem psychischen Stressor werden, der Menschen krank macht, weil viele sie schnell als unkontrollierbar empfinden. Dieses Gefühl ist zumindest bei denjenigen, die Abstandsregeln ernst nehmen, aktuell schneller erreicht als sonst. Ein Glück, wenn man ausweichen kann.

Ein gutes und bekanntes Beispiel für eine Brache voller Möglichkeiten, die so immerhin seit zehn Jahren funktioniert, ist das Tempelhofer Feld in Berlin, das mit seinen mehr als 300 Hektar als eine der größten innerstädtischen Freiflächen der Welt gilt. "Damals wurde mehrfach kritisiert, dass der Ort für Ältere nicht taugt, weil es zu wenige Sitzgelegenheiten gibt. Da kann man sicher nachbessern, aber diese totale Nutzungsoffenheit vermittelt bis heute ein Gefühl von Freiheit", sagt Doris Kleilein. Im virenverseuchten Frühling zeigte sich das eindrücklich an der Zahl von Spaziergängern und Sportlern, die dort aktiv gegen den Lagerkoller anarbeiteten.

Der Platz ist rar? Also muss man ihn spontan umverteilen

Doris Kleilein ist Architektin und leitet den Architekturbuchverlag Jovis in Berlin. Gemeinsam mit Friederike Meyer war sie im Frühling als Fellow am Thomas Mann House in Los Angeles, die beiden Frauen wollten eigentlich zum Thema Stadtplanung im Sinne des Gemeinwohls forschen. Wegen Corona wurden sie schon in der dritten Woche wieder nach Hause geschickt. Seitdem beschäftigen sie sich mit der Frage, wie sich der Umgang mit dem öffentlichen Raum nach der Pandemie verändern muss und sich Städte für den On-off-Modus planen lassen.

Eine Möglichkeit: die organisierte Mehrfachkodierung von Plätzen. "Natürlich wird der Verteilungskampf um Freiflächen in den Städten größer, aber vielleicht entwickeln sich auch mehr Ideen, wie man bestehende Flächen mehrfach nutzen kann." Ein gutes Beispiel sei da der Ikea-Parkplatz in Wetzlar, so Kleilein. Als die muslimische Gemeinde im Mai ihr Freitagsgebet coronakonform abhalten und dabei keinen öffentlichen Park blockieren wollte, durften 700 Menschen auf den zu der Zeit ohnehin leeren Parkplatz des Möbelhauses ausweichen.

Muslime beten auf Ikea-Parkplatz

Im Mai nutzten mehrere Hundert Muslime einen Ikea-Parkplatz in Wetzlar, um zum Abschluss des Fastenmonats Ramadan coronagerecht zu beten.

(Foto: picture alliance/dpa)

Für Mehrfachnutzungen spricht, dass man dadurch kostbaren unbebauten Raum schützen kann und Ressourcen spart. Aber sie bieten auch die Möglichkeit, dem Korsett der Freizeitplanung zu entkommen, das künftig enger werden könnte. Für einen Besuch im Schwimmbad muss man sich derzeit anmelden, weil der Platz begrenzt ist. Dieses Modell dürfte sich für andere Unternehmungen ebenfalls durchsetzen. Eine vielseitigere Nutzung könnte dabei helfen, weiterhin die Dinge spontan tun zu können, auf die man gerade Lust hat.

Mit dem vielfältigen Gebrauch freier Flächen beschäftigt sich auch Cordelia Polinna, als geschäftsführende Gesellschafterin des Unternehmens Urban Catalyst steht sie der öffentlichen Hand zur Seite, wenn es um die Entwicklung der Stadt mit Beteiligung der Bürger geht. So hat sie mit ihren Kollegen etwa in Bern auf einem großen Parkplatz vor dem Bahnhof mal tage-, mal monateweise erprobt, was passiert, wenn die Anwohner dort miteinander an einem langen Tisch essen oder Beachvolleyball spielen und somit quasi live erspüren können, wie sich der Raum anfühlt, wenn er nicht mit 200 Autos vollgestellt ist.

Auch wenn dieses Projekt aktuell auf Eis liegt: Polinna verbindet mit der Brache die Chance, dass sich Menschen diese grüne Leerstelle informell aneignen können, ohne dass die Nutzung bereits vorgegeben ist. "Die Gestaltung des eigenen Lebensumfeldes selbst in die Hand nehmen: Das ist genau das, was sich immer mehr Menschen wünschen", sagt Polinna. "Weil die Flächenkonkurrenz so massiv ist, muss es künftig möglich werden, mehrere Nutzungen im öffentlichen Raum miteinander zu kombinieren. Auch wenn die Mehrfachnutzung Kämmerer, Planer und Versicherer aktuell noch vor große Herausforderungen stellt."

Labor Schützenmatte

Parkplatz "Schützenmatte" in Bern: Was passiert, wenn ein öffentlicher Raum nicht mit 200 Autos vollgestellt ist?

(Foto: Urban Catalyst)

Ob sich all diese Wünsche auch in der Stadtbaupolitik niederschlagen werden? Da ist Robert Kaltenbrunner noch skeptisch, obwohl Corona die Randbedingungen für Freiraumentwicklung durchaus gestärkt habe und schnelle wie unbürokratische Entscheidungen zugunsten von Pop-Up-Radwegen und erweiterten Freischankflächen getroffen wurden. Kaltenbrunner ist Leiter der Abteilung Bau- und Wohnungswesen am Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung, eine Schnittstelle zwischen Politik, Forschung und Praxis. Er findet: "Wie unverzichtbar eine aufgelockerte und durchgrünte Stadt für das Wohlbefinden der Bevölkerung ist, erschließt sich allerspätestens bei der nächsten Pandemie." Der wirkliche Freiraum des Individuums verlagere sich schließlich immer weiter in den öffentlichen Raum und werde damit frei von festgelegter Organisation und frei für Ungeplantes. "Diese Orte sind attraktiv, wenn auch erst auf den zweiten Blick, weil sie nichts und niemanden repräsentieren. Es geht dort weder um Macht noch um Besitz. Es sind weiße Flecken auf dem Stadtplan."

Dass Architekten und Stadtplaner durchaus eine Kehrtwende hinlegen können, zeigt das Beispiel Jan Gehl. Als der Däne 1960 eine Psychologin heiratete, stellte er sich erstmals Fragen wie diese: Warum interessieren sich Architekten nicht für Menschen? Warum lernt man in der Ausbildung so wenig über Nutzer und Bewohner von Gebäuden? Warum konzentrierte man sich lange nur auf die verrückteste Form, die ungewöhnlichste Gestalt? Erst da habe er verstanden, dass es letztendlich auf das Leben in und zwischen den Gebäuden ankomme.

Heute lautet eine der Forderungen des prominenten Architekten: eine bessere Gestaltung des öffentlichen Raums, die am Bewegungsspielraum der Menschen orientiert ist. Lernen kann man da - Überraschung! - von Städten wie Kopenhagen, die als Streberin in Sachen Menschenfreundlichkeit gilt. Etwa weil dort jeder private Investor, der öffentliche Grundstücke bebauen möchte, ganz selbstverständlich erstmal gefragt wird: Und was gebt ihr der Stadt zurück?

Die stadtplanerische Lehre aus der Pandemie hat die australische Künstlerin Gretta Louw in nur wenigen Worten auf den Punkt gebracht. "The less private space you own, the more public space you need" lautete einer der Sätze, die man im Juli auf mehreren Litfaßsäulen in München von ihr lesen konnte: Umso weniger Platz man selbst hat, desto mehr öffentlichen Raum braucht man. "Ich wurde noch nie so oft Kommunistin genannt", erzählt Louw. Sie habe lediglich zum Nachdenken anregen wollen. "Ich habe mich einfach gefragt, was wir von dieser seltsamen Zeit lernen können, das gut wäre - für uns alle." Ein bisschen mehr Platz wäre zum Beispiel ein wunderbarer Anfang.

© SZ

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