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Herbstmode:Die neue Maskerade

Karneval verboten? Egal, mit dieser Maske von Collina Strada, New York!

(Foto: Collina Strada New York)

Die Krise schlägt sich auch in der Mode nieder. Also nur noch Basics und Jogginghosen? Nein, es gibt auch Corona-Couture - sieben Trends für den Herbst.

Von Julia Werner

Was man kommenden Winter trägt? Capes, Karomuster, Lingerie-Details, Leder. So lautete zumindest noch im März die Antwort auf die Frage, kurz nach den Schauen für die kommende Saison (und so lautet sie seit einigen Jahren eigentlich immer). Ein paar pandemische Monate später ist die Antwort allerdings zu einer einzigen, großen Gegenfrage geworden: Wen interessiert das?

Kaum eine Branche fährt gerade so langsam auf Sicht wie die Mode, die nun mal auch wie keine andere abhängig ist von Anlässen mit Außenwirkung. Die Halbjahresergebnisse der großen Modekonzerne waren noch schlechter als befürchtet: LVMH büßte ganze 68 Prozent Gewinn ein und Gucci-Besitzer Kering 44 Prozent im zweiten Quartal. Selbst Hermès, dem eigentlich keine Krise etwas anhaben kann, verlor im ersten Halbjahr 53 Prozent. Die Einkäufer setzen jetzt nun mal vermehrt auf Basics und Loungewear, und Gucci-Designer Alessandro Michele verkündete schon im Mai mit sehr vielen blumigen Worten, dass er in Zukunft statt fünf nur noch zwei Kollektionen zeigen wolle, und zwar wann es ihm passt.

Dass diese Statussymbollieferanten sich irgendwann erholen werden, ist trotzdem klar - zumindest besser als kleinere Modehäuser. Gerade in unsicheren Zeiten greifen unsichere Menschen ja lieber zu einer Handtasche, die jeder sofort erkennt. Aber dieser Winter wird trotzdem anders sein. Weil es danach aussieht, dass wir wieder sehr viel Zeit zu Hause verbringen werden. Und weil dann genug Zeit ist, um festzustellen, dass man weniger, aber dafür bessere Stücke im Kleiderschrank braucht. Und den Rest des einstigen Shoppingbudgets lieber in Sportgeräte investiert. E-Bikes und At-Home-Spinning-Monster wie das Peloton Bike erfahren gerade in vielen Teilen des Planeten reißenden Absatz. Das macht die Welt aber nicht schöner. Diese sieben modischen Krisen-Kapriolen hingegen schon.

Maskensnobs

Gibt man bei Google Masken und Winter ein, stößt man auf ein Video über eine Frau, die allergisch gegen den Winter ist und deswegen eine Gesichtsmaske tragen muss. Es ist kaum zu glauben, dass das 2019 dem Sender SWNS TV noch einen Clip wert war - denn jetzt ist die arme Frau nur noch eine unter vielen. Bereits jetzt hat sich der Gesichtsschutz zum modischen Accessoire entwickelt, mit dem Menschen automatisch die Zugehörigkeit zu einer Gruppe signalisieren: Es gibt Hipster-Tunnelzüge, Blumen auf Seide, Varianten mit dramatischen Schleifen hinter den Ohren (Collina Strada ) oder integriertem Seidenschal (Dorothee Schumacher), außerdem Maskenketten. Varianten mit integriertem Ohrschmuck sind eigentlich nur eine Frage der Zeit - ebenso Mützen-Masken-Sets. Es gibt Menschen, die das geschmacklos finden. Aber auch wenn die schnabeltierartigen FFP-Modelle vielleicht die vernünftigsten sind - das Straßenbild ist ja wohl auch ohne Corona schon trostlos genug.

Schlicht und irgendwie unangreifbar - in der Krise sind leise Outfits gefragt, hier ein Ensemble von The Row.

(Foto: The Row)

Anti-Styling

Der normale Mensch wird sich jetzt fragen: Was ist das? Anti-Styling beschreibt die Gegenbewegung zu jenen Streetstyle-Stars, die bis vor Kurzem Prints, Farben, Schmuck und Gürtel auf ihren Körper schichteten, als ob das ein sehr wichtiges menschliches Talent wäre. Selbst die Laufstege waren in den letzten Jahren davon besessen, aus eigentlich banalen Stücken eine Modekirmes zu machen. Jetzt plötzlich wirken Influencer, die aus dem Vollen schöpfen, aber aus der Zeit gefallen, und wirklich gut geschneiderte Einzelstücke, die kein Klimbim brauchen, erleben ein Comeback. "Die Brands, die sich schon immer aufs Produkt, aufs Material, auf die Tragbarkeit konzentriert haben, sind jetzt allen einen Schritt voraus", sagte Alix Morabito, die Modechefin des Pariser Kaufhauses Galeries Lafayette der Branchenplattform Business of Fashion. Stars wie Jennifer Lopez verloren während des letzten Lockdowns, als sie in den Social-Media-Kanälen von ihren Leben mit Pool und endloser Rasenfläche berichteten, jede Menge Sympathiepunkte, weil die Schuhkartonbewohner ein bisschen sauer wurden. Man erinnere sich: Die New Yorker Millionenerbin Barbara Hutton musste während der Großen Depression 1930 ja sogar nach Europa fliehen, weil nach ihrem protzigen Debütantinnenball einer der ersten veritablen Shitstorms der Geschichte über sie hinwegfegte. Heißt im Klartext: In der Krise lieber ein minimalistisches Kleid in Beige oder Schwarz von Labels wie The Row, Lemaire, Margiela oder Jil Sander als ein glitzernder One-Time-Hit in Pink von Versace. Schlichte, nachhaltige Käufe lassen sich jetzt einfach besser rechtfertigen - vor sich selbst und vor den anderen.

Eine Jeans, die nicht viral geht - die Marke Diesel wirbt schon mit Anti-Corona-Hosen.

(Foto: Diesel)

Hygienecore

Erinnert sich noch jemand an Normcore, diesen kurzzeitig hippen Funktionsjackenlook zu Beginn der 2010er-Jahre? Der war nichts anderes als die modische Reaktion auf den Finanzcrash von 2008. Funktionalität wird auch in diesem Winter ein Thema sein, weil die Waschmaschinen wegen grassierender Viren- und Bakterienpanik rund um die Uhr laufen werden. Wer will in Coronazeiten schon ständig vermeintlich virenverseuchte Kleider in die chemische Reinigung tragen? Heißt: Stickereien, Verzierungen und superempfindliche Stoffe sind in den nächsten Monaten erst mal raus. Und es gibt bereits die ersten Modemarken, die aus der Virenpanik Profit schlagen wollen. Das italienische Jeanslabel Diesel zum Beispiel brachte gerade die ersten antiviralen Jeans auf den Markt. Das Londoner Label Apposta verspricht, dass sein Hemdenstoff Bakterien und Viren, inklusive Covid-19, davon abhält, sich auf ihm abzusetzen - und sie sogar zerstört. Man wünscht sich solche Stoffe natürlich eher vor der Nase als am Hintern, trotzdem ist diese Entwicklung natürlich die interessanteste in der Mode, findet Angelo Flaccavento, Modekritiker von Business of Fashion. "Es wird spannend, zu sehen, ob die Mode in Zukunft aseptisch wird - werden wir nur noch in Handschuhen herumlaufen, mit denen man gefahrlos Touchscreens bedienen kann? Wird Mode so etwas wie ein Schutzschild vor jeglichem menschlichen Kontakt?" Die gleiche Panik sorgte übrigens nach der Spanischen Grippe dafür, dass voluminöse Unterröcke endgültig aus den Kleiderschränken verschwanden. Das ständige Waschen - kaum jemand verfügte damals über eine Maschine - war einfach zu anstrengend.

JW Anderson - Runway - LFW February 2020

Model Kaia Gerber zeigt einen der aufälligen Kragen des britischen Designers J.W. Anderson.

(Foto: Victor VIRGILE/Gamma-Rapho via Getty Images)

Zoom Collars

In der Mode lässt sich immer darüber streiten, ob Designer Seismographen für das Weltgeschehen sind - oder einfach in der glücklichen Lage, für ihre Launen gefeiert zu werden. Im Februar, als der Brite J.W. Anderson seine Entwürfe mit riesigen Kragen ausstaffierte, die irgendwie an Lametta erinnerten, wollte man das noch unter Spleen abhaken. Aber jetzt verbringen wir die Herbst-Winter-Saison voraussichtlich vermehrt in Zoom-Konferenzen. Die arbeitende Bevölkerung weiß: Da kann man unter lauter Schwätzern und Strebern schnell mal untergehen, vor allem um neun Uhr morgens. Ein bisschen Lametta auf den Schultern ist dann ein schöner Wink mit dem Weihnachtsbaum, ohne etwas sagen zu müssen. Botschaft: Ich bin zwar gerade erst aufgestanden, aber ich bin so was von anwesend! Dramatische Kragen sind also für Berufstätige die wohl wichtigste Wintergarderobeninvestition - und das am einfachsten umzusetzende Detail, um das eigene digitale Bild interessant zu machen. Voluminöse Statement-Ärmel und spitze Schulterpolster gehen allerdings auch.

Dramatischer Umhang für Expeditionen in die Außenwelt - hier ein Signalponcho von Sies Marjan.

(Foto: Sies Marjan)

Distancing-Daune

Leider muss man ja trotzdem ab und zu mal raus, entweder zum Durchatmen oder zum Einkaufen. In Sachen Outdoor-Kleidung hat der Poncho auf den Laufstegen unlängst sein großes Comeback gefeiert. Das passt in diese beängstigenden Zeiten, weil man sich von einem gut gemachten Modell so umarmt fühlt wie von einem Superhelden. Neu ist heute, dass man nie so genau weiß, ob es sich um einen Poncho oder einen Schal handelt. Und dass die meist gefütterten Modelle aus tröpfchenabweisenden Materialien sind. Nichts lässt sich an der Tanke mit dramatischerer Geste vors Gesicht wurschteln, wenn die Maske mal wieder zu Hause liegen geblieben ist.

Prada - Runway - Milan Fashion Week Fall/Winter 2020-2021

Wenigstens zu Hause flatterhaft - Fransenröcke (hier von Prada) bringen ein bisschen Bewegung in den allgemeinen Stillstand.

(Foto: Victor VIRGILE/Gamma-Rapho via Getty Images)

Hausrock

Die Welt wackelt: Während des Lockdowns trug laut Fotobeweis selbst Anna Wintour Jogginghose. Aber dass sie jetzt vorhat, die restlichen Jahre der ausklingenden Karriere in ihr zu verbringen, nur weil Condé-Nast-Mitarbeiter zurzeit nicht reisen dürfen, nehmen wir ihr nicht ab. Der Moment wird kommen, in dem wir alle spüren wollen, dass wir nicht in Futurama leben und nur aus Kopf und Rumpf bestehen! Hier kommt ein noch im März absurd wirkender Trend ins Spiel, nämlich: Fransen, untenrum. Es gibt sie bei Prada und Bottega Veneta als Rock und bei Jil Sander als Kleid, und sie würden sich draußen, auf dem Weg zu den öffentlichen Verkehrsmitteln, natürlich aufs Allerunschönste im abstehenden Stiefelschaft der Combat Boots verknäulen (die bleiben). Aber zu Hause sorgen sie für gute Laune - und modischen Respekt vor sich selbst. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die wild hüpfenden Fäden bei Zara im digitalen Fenster hängen. Von dort werden sie dann wohl zum neuen Hauskleid - das in den Fünfzigerjahren in den USA sogar mit passenden Topflappen verkauft wurde. Topflappen mit Fransen, warum eigentlich nicht?

Bottega Veneta - Runway - Milan Fashion Week Fall/Winter 2020-2021

Wenn schon nicht von Oma, dann soll es bitte hausgemacht wirken: Strickkleid von Bottega Veneta.

(Foto: Victor VIRGILE/Gamma-Rapho via Getty Images)

DIY-Chic

Es schrieb ja in Wahrheit niemand einen Roman im Lockdown - lieber gab man sich ungehemmt den Sorgen um die eigenen Ersparnisse hin. Die triste Überzeugung, sich nie, nie, nie wieder etwas kaufen zu können, weckte selbst bei den Unbegabtesten ungeahnte Do-it-yourself-Kräfte, und wenn es nur das Abschneiden der Jeans war, um wenigstens neue Shorts im Schrank zu haben. Die New York Times startete eine hübsche Online-Serie, in der großartige Designer erklären, wie man etwas selbst macht. Hillary Taymour, Creative Director von Collina Strada, erschuf ein Batikshirt mit Rote-Beete-Saft. Und Clare Waight Keller, die ehemalige Designerin von Chloé und Givenchy, verriet, wie man aus einer alten Decke einen todschicken Poncho kreiert. Solche Do-it-yourself-Stücke treffen jetzt genau den Ton, genauso wie alles, das aussieht wie von Oma gestrickt. Diese warme Unschuldsästhetik kann man sich natürlich auch kaufen, zum Beispiel als Strickkleid von Bottega Veneta. Das hat sogar einen interessanten Ausschnitt mit integrierter Kette. Was schon fast wieder als Spezialkragen für die Zoom-Konferenz durchgeht.

© SZ

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