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Hässliche Designs in Bus und Bahn:Sitzmuster des Todes

Dieser Bus verkehrt zwischen Duisburg und Düsseldorf.

(Foto: www.sitzmusterdestodes.com)

Warum sind Sitzbezüge in den meisten öffentlichen Verkehrsmitteln auf dieser Welt derart unansehnlich? Und wer ist daran schuld? Eine Spurensuche.

Von Violetta Simon

Sitzbezüge in öffentlichen Verkehrsmitteln sind - man darf es offen sagen - für den Arsch. Aber ist das wirklich ein Grund, sie derart unansehnlich zu gestalten? Nur britische Teppichmuster dürften eine vergleichbare Dimension an Geschmacklosigkeit erreichen. Hier werden alle Regeln der Design-Psychologie missachtet: Solche Sitzbezüge laden nicht zum Verweilen ein, sondern erzeugen Fluchtreflexe. Da wird das Sitzen zur Notwehr.

Was für ein Gesetz schreibt Designern von Sitzbezügen eigentlich vor, dass ihre Entwürfe aussehen müssen, als hätte ein Schimpanse auf LSD eine Graffity-Sprühflasche geklaut und mit dem linken Fuß seinen schlimmsten Albtraum illustriert? Diesem Phänomen widmen sich diverse Social-Media-Plattformen und Blogs wie die Hamburger Plattform für urbane Kunst und Kultur "Urban Shit" oder die Website "Sitzmuster des Todes", die Tausende Abbildungen von grauenvollen Kreationen in Bus und Bahn aus aller Welt sammelt.

Sitzmuster des Todes

Sitzmuster des Todes auf Urban Shit.

(Foto: urban shit)

Die Berliner "Blogrebellen" bringen das Phänomen auf eine modische Ebene - ironisch, versteht sich. Sie fertigen hippe Turnbeutel und Shirts aus den Stoffen und posten Bilder, auf denen Menschen in ihren Outfits mit den Sitzbezügen verschmelzen - nach dem Motto "Unbemerkt in der Berliner U-Bahn fahren".

Die Blogrebellen sind jedoch nicht die ersten, die sich von den schrillen Mustern inspiriert fühlen- Die Künstlerin Menja Stevenson sorgte erstmals 2006 für Aufmerksamkeit mit ihrer Urban Camouflage Kollektion, einer Kunst-Performances im öffentlichen Raum: Unter dem Projekttitel "Bustour S" fertigte die Stuttgarterin aus Originalstoffen der Sitzbezüge Kostüme und setzte diese in Bussen und U-Bahnen in Szene. Die Idee sprang sie quasi an: "Die Muster prägen sich in unser Bildgedächtnis ein, wir können uns nicht dagegen wehren", sagt Stevenson.

Menja Stevenson

Menja Stevenson 2010 auf Bustour in Rottweil.

(Foto: Menja Stevenson)

Hauptsache robust

Die Stoffe besorgt sich die Künstlerin direkt bei den Busunternehmen, die ihre beschädigten Sitze selbst nachpolstern und ausbessern. Seither weiß sie, nach welchen Kriterien die Stoffe ausgewählt werden: Robust und schmutzabweisend sollen sie sein, das ist am wichtigsten. "Bei Tarnmustern und anderen wilden Kombinationen sieht man den Dreck eben nicht so."

Abgesehen vom Schmutz sollen die Sitze aber auch Übergriffe durch aggressive Fahrgäste abwehren: Aus einer Gebrauchsmusterschrift des Deutschen Patentamtes geht hervor, dass Schutz vor Vandalismus bei der Herstellung höchste Priorität hat. Daher wird der Bezugstoff durch schnittfestes Gewebe verstärkt, um zu verhindern, dass er mit einem Messer aufgeschlitzt wird.

Nun fragt man sich, ob nicht gerade das Design dieser Stoffe der Grund dafür ist, dass man mit dem Messer darauf losgehen möchte. Womöglich wäre Vandalismus gar kein Thema, wenn Sitzbezüge geschmackvoll aussehen würden. Warum also diese Muster?

Dieses Sitzpolster-Design finden Fahrgäste eines privaten Busunternehmens in der Fränkischen Schweiz vor.

(Foto: Sandra Pinky/www.sitzmusterdestodes.com)

Nutzen vor Optik

"Das ist reiner Pragmatismus", sagt Industriedesigner Uwe Schmidt. Bereits bei der Wahl des Materials sei man eingeschränkt, weil es extremen Anforderungen gewachsen sein müsse. "Der Stoff selbst ist ja nicht gerade sexy, doch seine Struktur hält jedem Scheuer-, Brand- und Vereisungstest stand." Darunter leide eben auch die Optik: "Die meisten Farben lassen sich auf dem schmutzabweisenden, robusten Material nicht optimal drucken. Da kann ein Grün auch mal einen Stich ins Lila annehmen", erklärt Schmidt.

Doch für so manches absurde Muster könne man durchaus auch einzelne verantwortlich machen, sagt der Münchner Industriedesigner. Etwa wenn Verkehrsbetriebe und Lokalpolitiker die Auswahl der Designs zur Chefsache erklären. "Das läuft dann so, dass die Designabteilung des Herstellers ein Topmuster vorschlägt. Als nächstes kommen die Verkehrsbetriebe hinzu, später der Bürgermeister - und schließlich redet die Frau vom Bürgermeister auch noch mit, die kürzlich im Toscana-Urlaub ein tolles Muster entdeckt hat. Die setzt sich dann durch."

Camouflage-Sitze, gefunden in einem Bus im schweizerischen Lugano.

(Foto: Roland Uhler/www.sitzmusterdestodes.com)

Die Frage nach dem Schuldigen

Hin und wieder ist das Design eben auch einfach eine Frage der Vorlieben. Bei einem privaten Busreise-Unternehmen in Rottweil etwa habe der Chef die Muster nach seinem persönlichen Geschmack ausgesucht, erzählt die Künstlerin Menja Stevenson: Während der Kunde die Innenausstattung, Beleuchtung und Sitze der Fahrzeuge so übernehmen muss, wie sie sind, kann er sich beim Sitzbezug komplett ausleben.

Doch selbst der Busunternehmer aus Rottweil hat die Sitzbezüge nur gewählt, nicht entworfen (oder sollte man lieber sagen: verbrochen?). Wer also ist verantwortlich, wer denkt sie sich aus und malt sie auf Papier, diese Muster?

Hand aufs Herz: Wenn Sie so etwas entwerfen würden, würden Sie sich auch nicht zu erkennen geben.

© SZ.de/jst/dd
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