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Gastronomie:Selbst den Amerikanern wächst die Sache über den Kopf

Ist es da ein Trost, dass die Amerikaner selber unter den Exzessen des Tippings ächzen? Das Versprechen (also: die Drohung) von Erfindungen wie Dipjar besteht ja darin, dass künftig auch dort Tips kassiert werden können, wo bisher noch gar niemand daran gedacht hat.

Die Sache wächst den Amerikanern allmählich über den Kopf. Dabei galt sie am Anfang, schreibt jedenfalls der Historiker Kerry Segrave, einmal als geradezu unamerikanisch, undemokratisch, würdelos; nur Sklaven bekamen etwas zugeworfen. Segraves inzwischen als Klassiker geltende Studie "Tipping - An American Social History of Gratuities" handelt im Grunde nur davon, wie dieses stolze, freie Land so vollkommen und restlos der Knechtschaft durch das Tipping anheimfallen konnte.

Der rührend patriotische Kerry Segrave behauptet also, dass das englische Wort "Tip" (wie das französische Pourboire oder eben das deutsche Trinkgeld) das Geld meint, mit dem man dem Kellner gewissermaßen einen ausgibt: Es komme von "to tipple", trinken. Haltlos sei es dagegen, "Tip" als Abkürzung für "To Insure Promptness" zu lesen. Und nahezu sicher falsch sei die populäre Legende, wonach sich das die Schriftsteller Oliver Goldsmith und Samuel Johnson um 1760 herum in ihrem Londoner Club ausgedacht hätten. Das Wort war nämlich vor ihnen schon gebräuchlich. Ausgerechnet von Goldsmith und Johnson wird dafür aber berichtet, dass sie damals aufhören mussten, ihre Freunde zu besuchen: Der Zwang, als Gast in einem herrschaftlichen Haus dauernd die komplette Dienerschaft mit Trinkgeldern einzuseifen, war für die beiden Gelehrten schlicht zu ruinös geworden.

Tip and receipt on table in restaurant
(Foto: Getty Images)

Diese Sitte hatte sich ein Jahrhundert zuvor eingenistet und war nicht mehr auszurotten. Wer sich verweigerte, musste darauf gefasst sein, dass nach dem Besuch sein Pferd im Stall einen Unfall gehabt hatte, oder er bekam beim nächsten Besuch aus Versehen Bratensoße über die Hosen gekippt.

Dies alles erzählt Segrave genüsslich in seinem Buch, und damit ist im Prinzip auch die Schuldfrage im europäisch-amerikanischen Trinkgeldkonflikt geklärt. Amerikanische Touristen hätten zunächst aus Unsicherheit lieber zu viel als zu wenig gegeben und so erst in Europa die Preise hochgetrieben, um anschließend das "Tipping" ins unschuldige Amerika einzuschleppen wie eine . . . tja. Das Wort Seuche steht da nicht. Es ist aber deutlich gemeint.

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