bedeckt München 15°

Umgangsformen:Smack!

Jacques Chirac Pursues Visit To New Caledonia In Kone (North) Where He Received The Traditional Greetings And Was Received By Paul Neaoutyine, President Of The Provincial Assembly. On July 25, 2003 In France

Ein Küsschen, Madame? Der busselnde Präsident Jacques Chirac im Jahr 2003.

(Foto: Gilles Bassignac/Getty Images)

Auch wer sich nur flüchtig kannte, begrüßte sich in Frankreich mit zwei, drei oder auch fünf Wangenküsschen. Das war kompliziert, aber schön. Und jetzt?

Von Nadia Pantel

Meine Oma wohnte in einem Dorf ohne Kinder. Westlich endete es an der Autobahn, die von Bordeaux nach Toulouse führt, und im Osten, in den Weinbergen, wurde die Trasse für den Schnellzug geplant. So eingequetscht zwischen Vorbeirasenden wollte nur leben, wer eh schon da war. Meine Oma also und ihre Oma-alten Freundinnen. Bekam eine von ihnen Enkelbesuch, reagierten alle ähnlich ausgehungert: Sie mussten das Kind sofort auf die Wange küssen. Meine ersten Kontakte mit der französischen Kusskultur waren herausfordernd intensiv. Zur Höflichkeitserziehung gehört schließlich auch, dass zurückgeküsst werden muss.

Es ist nicht so, als wäre die Technik des Wangenkusses für Franzosen ohne Tücken. Auf der Internetseite combiendebises.com kann man vor Reisen innerhalb des Landes genau das überprüfen, was der Name der Seite verspricht: Wie viele Küsse gibt man wo? Für Paris haben bislang 1902 Menschen abgestimmt, 85 Prozent sagen, sie küssen pro Wange einmal. Bei der Frage, auf welcher Wange man beginnt, wird es schon unübersichtlicher. 65 Prozent halten zuerst die rechte hin, 23 Prozent zuerst die linke, der Rest ist flexibel und kümmert sich darum, Peinlichkeiten vorauszusehen und zu vermeiden. Keiner will der Trottel sein, der versehentlich Nase an Nase rammt. Was man in Paris gelernt hat, kann man zum Beispiel im südfranzösischen Département Drôme dann direkt wieder vergessen. Drei Küsse, links anfangen. Die Freundinnen meiner Oma scheinen nicht an der Umfrage teilgenommen zu haben, die Fünf-Kuss-Routine taucht in der Statistik nicht auf. Ist die grobe Choreografie geklärt, bleibt noch die Frage der Intensität. Man findet dazu verschiedene Erklärvideos der französischen Nachrichtensender. Die Anleitung von France 24 sieht Hautkontakt vor (Wange an Wange ja, Lippe an Wange nein). Außerdem soll man ein Geräusch machen, das die Franzosen "Smack" nennen, ein stiller Kuss wirke "komplett bizarr".

Der neue Alltag fühlt sich an, als habe man entschieden, das Dessert wegzulassen

All dieses Wissen ist seit drei Monaten unnütz. Corona ist da, die Küsse sind weg. Stattdessen: Abstand halten, Hände waschen, den Virenmund hinter eine Maske sperren. Ende Februar kam die Empfehlung des Gesundheitsministeriums, sich so kontaktfrei wie möglich zu begrüßen. Mich verunsicherte das nicht weiter. Ich lebe erst seit zwei Jahren in Frankreich, aufgewachsen bin ich in Hamburg, dort gilt schon Hallo zu sagen als extrovertiert. Das Leben in Frankreich versprach durch die Pandemie also in Teilen unkomplizierter zu werden. Nicht mehr abwägen, ob man bei größeren Gruppen wirklich achtmal den Doppel-Smack liefern muss, oder ob ein Winken reicht. Keine Verlegenheitsscherze mehr, weil sich hochgewachsene Interviewpartner weit runterbeugen müssen, um meine Wange zu erreichen. Nicht den ganzen Tag nach fremdem Parfum riechen, weil jemand direkt aus dem Badezimmer zur Begrüßung eilte. Doch der neue Alltag ohne Kuss fühlt sich an, als habe man entschieden, das Dessert wegzulassen. Vernünftig, aber freudlos.

Nur, was fehlt da eigentlich? Seit Mitte Mai gilt keine Ausgangssperre mehr, inzwischen haben sogar die Terrassen der Cafés wieder geöffnet, und alle haben sich ihre Spezialfreunde ausgesucht, denen sie trotz Corona auch körperlich nahe sein wollen. Umgewöhnen muss man sich nicht im engsten Kreis, sondern auf der emotionalen Mittelstrecke. Völlig Unbekannte küsst auch in Frankreich keiner. Aber Freunde von Freunden schon, ebenso die Freunde der Eltern, die Freunde der Kinder, nette Bekannte und Kollegen sowieso. Der Begrüßungskuss regelt all die Bereiche, in denen in Deutschland Orientierungslosigkeit herrscht. Die Situationen, in denen ein Händedruck zu distanziert wirkt und eine Umarmung zu intim. Wer geküsst wird, gehört zur Gruppe. Wer geküsst wird, sagt seinen Namen - und kommt danach auch leichter ins Gespräch. Man kann nun nämlich nicht mehr so tun, als habe man den anderen gar nicht bemerkt.

Der Begrüßungskuss ist die französische Variante des amerikanischen "Howdoyoudo?". Eine routinierte Aufmerksamkeit. Die Art von sozialer Interaktion also, die viele Deutsche grummelig macht. Küssen bitte nur, wenn es mit Gefühlen verbunden ist! Nach dem Befinden nur dann fragen, wenn man eine lange Antwort hören will! Vor ein paar Jahren forderte die Welt am Sonntag: "Bussi-Bussi verbieten!" Im Text wird gefragt, "warum in letzter Zeit jeder jeden abküssen muss, als hätten sich alle total lieb". In Frankreich ist mir hingegen noch kein Artikel untergekommen, über dem "Hilflos rumstehen verbieten" stand. Die traditionelle deutsche Begrüßungskultur, die alle Laute zwischen Murmeln ("Moin") und Bellen ("Tach!") kennt, hat hier nur wenig Anhänger.

Am Abend vor unserer Abreise sagte Stéphanie: "Jetzt küss' ich dich endlich".

Es war Woche acht der Ausgangssperre, als ich den herzlichsten Wangenkuss meines Lebens bekam. Wir waren aus unserer Pariser Miniwohnung aufs Land umgesiedelt, in ein Dorf mit 50 Häusern und circa 25 Bewohnern. Zwei Monate lang hockten wir hier alle aufeinander, die ersten fünf Wochen jeder hinter seinem Gartentor. Dann beschlossen die zwei Kinder im Ort, mein Sohn war einer von ihnen, dass es langsam reichte mit dem Alleinespielen. Die folgenden drei Wochen saß ich jeden Abend bei Stéphanie auf der Terrasse, während unsere Kinder wahlweise Hunde, Katzen oder Frösche jagten. Man erzählt sich erstaunlich viel, wenn man sich eigentlich nicht kennt und dennoch ständig sieht. Am Abend vor unserer Abreise traf ich Stéphanie zum letzten Mal, ich überreichte ihr einen Pappkarton mit den Resten aus unserer Tiefkühltruhe. "Jetzt küss' ich dich endlich", sagte sie.

Es war, als bekäme ich einen Wir-gehören-zusammen-Stempel auf die Wange. Es war schön. Und es war ein bisschen blöd, weil sie mir ein paar Sätze später erzählte, dass ihr Mann die ganze Ausgangssperre über in die Bar im Nachbarort gefahren war. Hintertür auf, Stammgäste rein, Corona egal. Ich hatte den Begrüßungskuss vermisst, dieses kurze Zusammenfinden mit Menschen, die man noch nicht Freunde nennen kann. Und gleichzeitig war klar, dass ich in den kommenden Monaten, zurück in der Pariser Enge, auf ihn verzichten würde.

Es gibt nun nicht mehr nur Erklärvideos, wie man richtig auf beziehungsweise neben die Wange küsst, sondern auch solche, in denen Alternativen vorgeschlagen werden. Die Redaktion von L'Express zeigt sich beim Begrüßen per Ellenbogen oder Fuß, schließlich hüpfen sie sogar voreinander auf und ab. Auf der Suche nach einer ernst gemeinten Lösung wendet man sich lieber an Philippe Lichtfus, Etikette-Forscher und Benimmtrainer. Lichtfus schreibt Bücher, in denen er erklärt, wie man darauf reagiert, wenn jemand "Guten Appetit" sagt ("bedanken Sie sich"). Und er gibt an der Pariser Universität Sorbonne Kurse für Menschen, denen bis dahin nicht klar war, dass es sich in Frankreichs besseren Kreisen anscheinend nicht gehört, "Guten Appetit" zu sagen. Stirbt der Wangenkuss aus, Monsieur Lichtfus? "Nein, er wird wiederkommen, wenn die Pandemie vorbei ist. Aber bis es so weit ist, können wir üben, uns wieder ehrlicher zu begrüßen." Der Kern seiner Arbeit besteht darin, sich über Höflichkeit Gedanken zu machen. Ob Lichtfus mit einer Begrüßung zufrieden ist, hängt weniger davon ab, ob ihm Hand oder Wange angeboten werden, sondern davon, ob man ihm dabei in die Augen schaut. Er sagt: "Wir sollten einander wieder bewusster und mit dem nötigen Respekt begegnen."

Die neue Begrüßungsformel lautet: "Ich küsse dich jetzt nicht."

Aber hat es Corona gebraucht, um festzustellen, dass es nett ist, Menschen zur Begrüßung in die Augen zu schauen? Blick-, Wangen- und Handkontakt lassen sich schließlich frei miteinander kombinieren. Wenn man Lichtfus länger zuhört, wie er über Regeln angemessenen Umgangs referiert, dann vermisst man la bise, den Kuss, eigentlich nur noch mehr. Lichtfus kämpft in seinen Etikettetrainings gegen Standards, die ohnehin nur eine Minderheit kennt: die Normen des 19. Jahrhunderts. "Diese Epoche ist mir zutiefst unsympathisch" - selbst durchs Telefon kann man beinahe sehen, wie Lichtfus ein strenges Gesicht macht. Arrogante Adlige, Superreiche ohne Manieren, Großbürger, die es immer noch abwegig finden, ihre Kinder in den Arm zu nehmen: Lichtfus regt sich über Milieus auf, zu denen man nur im Ausnahmefall Zugang bekommt. Doch was ist mit Wange-Wange-Smack? Was sind da die Standards, die man berücksichtigen sollte? "Es gibt keine", sagt er.

Im Kuss zur Begrüßung liegt die Freiheit. "Im 19. Jahrhundert folgten Adel und Bürgertum strengen Vorgaben, es war verpöhnt, einander öffentlich zu berühren", erklärt Lichtfus. Je weniger gesellschaftliches Ansehen man hatte, desto egaler konnte einem diese Etikette sein. Für die Oberen war sogar festgeschrieben, wie man die Unterarme beim Essen zu halten hatte (Ehefrauen profitierten von der Ausnahme, so am Tisch sitzen zu dürfen, dass man ihren Schmuck sehen konnte). Die unteren Schichten küssten nach Belieben. Sie setzen fort, was in der Antike begann. Manche Forscher glauben, die Wurzeln des Küssens liegen im animalischen Beschnuppern, genau weiß es keiner. Sicher ist jedoch, dass der Begrüßungskuss im 20. Jahrhundert Triumphe feierte. Je mehr Freiheiten sich der Einzelne nahm, desto umfassender wurde geküsst. Zärtliche Begrüßungen waren bald nicht mehr nur Frauen vorbehalten: Als die 68er begannen, Lässigkeit zur Tugend zu erklären, traf der Männermund auch die Männerwange.

Schade, jetzt nicken wir uns also nur noch zu, dachte ich in den ersten Corona-Wochen. Doch das stimmte nicht. Die neue Begrüßungsformel lautet: "Ich küsse dich jetzt nicht." Die Leerstelle wird mit der gegenseitigen Versicherung überbrückt, dass es sich komisch anfühlt. Es klingt wie eine Entschuldigung und wie ein Versprechen. Wir vergessen den Kuss nicht. Wir heben ihn uns auf.

© SZ vom 13.06.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite