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Fotografie:Der Seelenleser

Peter Lindbergh prägte die Modefotografie entscheidend. Als alles funkelte, setzte er auf Schwarz-Weiß-Bilder - und ließ so die schönsten Frauen der Welt nahbar wirken.

Der künstlerische Kniff, den der in dieser Woche verstorbene Modefotograf Peter Lindbergh vermutlich besser beherrschte als jeder andere, war die Inszenierung von Intimität. Seine berühmteste Bilderserie zeigt mehrere Supermodels, Tatjana Patitz, Christy Turlington, Linda Evangelista und andere in weißen Hemden, sonst haben sie nicht viel an. Das Bild links unten zeigt Lindbergh vor dem Foto. Diese zum Niederknien schönen Frauen sehen beinahe ungeschminkt aus, auf jeden Fall aber sehr unprätentiös. Und das weiße Hemd über den nackten Beinen war eine emotionale Referenz, die Erinnerung an eine Frau, die im Männerhemd am Küchentisch sitzt und eine Zigarette raucht. Diese Frau trug das Hemd natürlich, weil sie die Nacht bei einem Mann verbracht hatte, in einem so frühen Stadium einer Beziehung, dass sie noch nichts Frisches zum Anziehen dabeihat für morgens. Aber es gibt einen Morgen, es gibt einen gemeinsamen Kaffee, es ist mehr als ein One-Night-Stand. Das Motiv erinnert den Betrachter an eine Liebschaft, als dem Anfang noch ein Zauber innewohnte.

Lindberghs zweiter Kniff: Besonders die Frauen erinnerte es an diesen Zauber. Selbst wenn sie keine Supermodels waren, sie konnten sich in den Motiven wiederfinden. Und schnell waren nicht nur Supermodels sein Motiv, sondern auch Stars.

Wobei, Supermodels, die gab es vor Lindbergh eigentlich noch nicht. Es gab Ende der 1980er-Jahre unterschiedlich gute und unterschiedlich gut bezahlte Mannequins, meistens trugen sie das Haar stark geföhnt und die Schultern gepolstert. Es glosste und funkelte von den Titelseiten der Frauenzeitschriften, doch Lindbergh schoss seine Fotos in Schwarz-Weiß, grobkörnig, eine Technik, die heute der Computer simulieren muss. Die Patina von Handarbeit und Dunkelkammer. Auch das körnige Material machte die Abgebildeten nahbarer. Die Frauen (oben: Kate Moss) hatten die Haare verwuschelt oder manchmal noch ein wenig nass (rechts unten: Charlotte Rampling). Auch wenn da ein Experte für Haare und Make-up stundenlang hingeknetet hatte, wirkte es lässig, selbstbewusst, wie frisch aufgestanden und einfach so aus dem Haus gegangen.

Natürlich konnte er auch ironisch gebrochenen Glamour, wie die Bilder oben rechts mit Kristen McMenamy, 2009 fotografiert für die Vogue, und mit Giselle (links)

zeigen. Mitte der 1990er-Jahre kam der Heroin- Chic auf, auch der wirkte intim, aber er setzte auf Nichtgefallen, auf veredeltes Elend. Wie prägend Lindberghs Arbeit war, das wurde klar, nachdem der Heroin-Chic wieder vergessen war und weitere Trends die Modebranche durchwanderten - seine Bilder und sein Stil aber weiter Bestand hatten.

© SZ vom 07.09.2019

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