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Fashion Week New York:Hallo Normcore, hier kommt die Party

Lala Berlin Show - Mercedes-Benz Fashion Week Autumn/Winter 2014/15

Geröntgte Tomaten: Lustiges auf der Herbst-Winter-Mode von Lala Berlin.

(Foto: Clemens Bilan/Getty)

Der Hipster ist tot, es lebe der Langweiler. Wenn Stilexperten Unauffälligkeit zum Credo erklären, klingt das zeitgeistreich, aber nicht sonderlich aufregend. Wie gut, dass es neben dem Modestil Normcore noch andere Cores gibt. LOL-Core, zum Beispiel.

Mehrere Menschen - Knaben, Schüler, Kirchgänger - die gemeinsam harmonische Klänge erzeugen: Das deutsche Wort Chor ist in seiner Bedeutung recht eindeutig. Um nicht zu sagen eintönig, was schief klänge. Selbst der Korps bezeichnet etwas ähnliches, eine Ansammlung von Menschen, auch wenn deren Aktivitäten in der Regel von weniger harmonischer Wirkung sind. Da lobt man sich doch das englische core. Welche andere Abfolge von vier Buchstaben bitteschön bezeichnet so vielfältiges wie core, das holzige Innere einer Ananas, core, eine Art des Fonds-Managements und CORE, eine brasilianische Spezialeinheit? Das kriegt das kleine, kompakte core ganz alleine hin. Und da haben die Gäste der Präfix-Party noch nicht mal an die Tür geklopft.

Gastgeber dieser Party ist, natürlich, Hard. Weil Hardcore in seiner Nietenlederjacke und dem alten Band-T-Shirt nicht allein feiern wollte, hat es irgendwann in den Achtzigern angefangen, andere cores einzuladen. Streetcore, Thrashcore, Grindcore, Metalcore, Deathcore, Electrocore, Jazzcore, Queercore. Und das sind nur die Musik-Nerds. Die Modecores treffen sich von diesem Donnerstag an zum Auftakt der Modezirkus-Tournee in New York.

Bei der Fashion Week werden Dutzende Designer von Tory Burch bis Maison Martin Margiela zeigen, was sie im Frühjahr/Sommer 2015 unter Mode verstehen. Und ein junges, wildes core wird mit dabei sein: LOL-Core. Unter diesem Begriff hat die Moderedaktion des britischen Guardian Trends und Motive zusammengefasst, die gerade Kleiderstangen und Regale überall auf der Welt erreichen und die sich auf der New Yorker Modewoche neben und vermutlich auch auf den Laufstegen wiederfinden werden: Hosen, so voll mit Comic-Motiven wie ein Manga-Heft, Pixelige Popmuster auf Kleidern. Verfremdete Riesenlogos. Tiere, Gesichter, Edding-Schriftzüge auf Shirts. Kunstfelljacken wie ein Yeti auf LSD.

Marques' Almeida zeigte im Februar in London LOL-Core für kalte Tage.

(Foto: AFP)

LOL-Core sagt erstens: Bitte nimm mich nicht so ernst. Kommt ja schließlich vom Netz-Akronym LOL für "Laughing out Loud", ein Begriff, den seit den Neunzigern niemand mehr ernsthaft verwendet haben dürfte. Und LOL-Core schreit zweitens: Hallo, hallo, hallo! Hier! LOL-Core schrillt, knallt, tanzt. Ohne großen rebellischen Anspruch, eher hüpfend. Das wurde ja auch Zeit.

Schließlich ist es zuletzt fast eintönig geworden - wegen Normcore, der spießigen Tochter von Hardcore. Normcore hieß im früheren Leben "Jeans und T-Shirt" und wurde als Gegenbewegung des Individualitätsdogmas der Hipster-Ära wiedergeboren. Nein zu Extravanganz, Hypes, Trends und dem Tempo des Saisonkalenders. Ja zu Jeans, Sneakers und Parka. Tschüss Neon-Socken, hallo Birkenstocklatschen.

Normcore kam um zu richten über Exzentriker und Experimentierfreudige. Sie kam - genau - aus New York. Dort gebar die Trend-Agentur K-Hole vor einem Jahr das Phänomen mit den Worten: "Normcore heißt, auf die Freiheit zu verzichten, ein Jemand zu werden. Normcore bewegt sich weg von der Coolness, die darin liegt, sich von anderen zu unterscheiden, hin zu einer Post-Orginalität, in der man sich für Gleichheit entscheidet." (Lesen Sie hier einen Grundlagen-Text im New York Magazine)

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Hat mit seinen Herbst-Winter-Entwürfen für Moschino 2014/15 quasi eine reine LOL-Core-Kollektion entworfen: Jeremy Scott bei den MTV Video Music Awards im August.

(Foto: AFP)

Das klingt furchtbar zeitgeistreich. Aber das verkauft keine Mode - sollen jetzt alle Designer babyblaue Jeans und weiße T-Shirts designen? Und vor allem ist Normcore: schrecklich langweilig. Wie das eben so ist mit Kindern die immer so ganz anders sein wollen als ihre peinlichen Eltern, in diesem Fall: das rockige Hardcore.

Die Modeindustrie tut sich also nicht so leicht mit diesem Trend, der keiner sein will. Und so gab es bald Gegenbewegungen, die die persönlichkeitsgestörten Normcore herausforderten. Glamcore zum Beispiel, das lieber glitzert als in Turnschuhen herumzuschlurfen. Oder eben LOL-Core, das hüpft und knallt.

Die kommenden Tage in New York werden zeigen, ob die beiden mitfeiern dürfen im Multimillionengeschäft der kommenden Saison.