Fashion Week in Berlin Dünnes Programm ohne feste Größen

Ein Kleid wie ein Gebäude: Entwurf der Designerin Marina Hoermanseder.

(Foto: John Phillips, Getty Images)

Auf der Fashion Week in Berlin fehlen die großen Namen der Modeszene. Dafür werden vielversprechende Talente gezeigt.

Von Anne Goebel, Berlin

Können es die Schwaben noch? Logisch, sie können's: Donnerstagabend in Berlin, die Luft ist mild, im Hof des Motorwerks Weißensee lassen sich Gäste mit Champagnergläsern auf weiße Kissenlager sinken. Durch die geöffneten Türen der Halle hämmert die Stimme von Rapper Wiz Khalifa. Ein hübscher Auftakt für eine lange Partynacht. Die Marke Hugo Boss ist nach Jahren zurück auf der deutschen Fashion Week - und als lauwarme Visite ist der Besuch nicht gedacht. Wenn schon, dann als Klassenbester.

Sommer-Modewoche in der Hauptstadt, das ist immer ein schweißtreibender Parcours. 30 Grad bringen die Besucher dieses Mal auf stickigen U-Bahn-Fahrten und beim schicken Herumstehen vor Beginn einer Show an den Rand der Dehydrierung. Was seit Dienstag zwischen E-Werk und Schinkel-Pavillon an Wasser-Plastikfläschchen leer getrunken und weggeworfen wird, möchte das städtische Umweltreferat wahrscheinlich lieber nicht genau wissen. Dabei gibt es Gelegenheit zum Durchatmen. Der Schauen-Kalender ist luftig geraten, auch beim "Berliner Salon", der Plattform aller wichtigen Labels: ausgedünntes Programm. Die Gäste nutzen die freie Zeit, um sich auf den begleitenden Messen für Facheinkäufer umzusehen - ein Ausflug an die Basis unserer Kleiderschränke: Hier werden Outfits präsentiert, wie sie die meisten Menschen jeden Tag anhaben.

Nur braucht es dafür keine Fashion Week. Deshalb ist die schlanke Agenda vom Juli 2018 keine Freudennachricht für die deutsche Mode. Beim kakteendekorierten Salon im Kronprinzenpalais fehlen mit Hien Le oder Malaikaraiss feste Größen der Berliner Modeszene. Dafür zeigt der Vogue-Salon wieder vielversprechende Talente - bei ehemaligen Teilnehmern wie dem Label Rianna und Nina hat das die Karriere international befeuert. Verlässlich in der Mixtur aus Tragbarkeit und Eleganz: die Entwürfe der Etablierten wie Dorothee Schumacher oder Leyla Piedayesh (Lala Berlin), den zwei Power-Frauen der deutschen Mode.

Sehenswerte Schauen zeigen Marina Hoermanseder mit einer bonbonbunten Revue aus Tüll und Leder, William Fan oder der Berliner Mann fürs Glamouröse, Dawid Tomaszewski, mit samtenen Abendanzügen. Bei Odeeh lassen Rüschenärmel oder Kittelkleider zu Pailletten-Culottes (früher hieß das Hosenrock) die Models, die sich in Liegestühlen niederlassen, wie Erscheinungen aus der Londoner Künstlerkolonie Bloomsbury wirken. Deren Frauen pfiffen einst auf die Konventionen der Mode und erfanden ihre eigene.

Starker Auftritt auch von Hugo, der jungen Linie von Hugo Boss: Streetwear-Elemente in Neon-Farben, übergroße Schnitte - ein Neunzigerjahre-Fest. Im Publikum: Lottie Moss, Kates kleine Schwester. Und der Fashion Council Germany, einflussreicher Gestalter der Fashion Week, löst sein Versprechen großer Namen ein. Für den Freitagabend wurde im Kultclub Berghain Lutz Huelle erwartet. Seine Kollektionen, Anti-Schick aus Denim oder robustem Canvas mit einer Prise Nonchalance, zeigt der Deutsche seit Jahren erfolgreich in Paris. Er kommt aber, wie Boss aus Metzingen, nur auf Besuch nach Berlin. Vorerst jedenfalls. Wie schade.

Nein, die wollen nicht spielen

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