Export-Schlager Riesling Den Boden schmecken und riechen

Das eher kühle Klima, die langen warmen Sommertage und kühlen Nächte, die damit verbundene lange Reifezeit sowie die mineralreichen Böden in den deutschen Flusstälern bilden tatsächlich eine einzigartige Kombination. Sie lässt die Trauben langsam, zum Teil bis weit in den November hinein ausreifen, ohne dass sie, wie in anderen Weinbaugebieten, an Aroma und Säure verlieren. Im Gegenteil: Die Säure verfeinert sich und das Traubenaroma intensiviert sich.

Weinexperten wissen um das Geheimnis des Rieslings: "Der Kabinett ist eben ein Zechwein, ein leicht zu trinkender Wein, von dem man sich abends gerne mal eine Flasche reintut."

(Foto: dpa)

Haag meint, man müsse den Boden im Wein riechen und schmecken. Dann bückt er sich, hebt ein Schiefersteinchen auf, spaltet es mit den Fingernägeln und reicht seinen Besuchern ein hauchdünnes Plättchen: "Esst!" Und seine Kunden, in diesem Fall Amerikaner, legen den Schiefer auf die Zunge und beginnen zu lutschen. "That's it!", rufen sie. "Ja, das ist die Juffer", jubelt Haag - und reicht seinen erleuchteten Gästen zum Hinunterspülen einen Schluck Brauneberger Kabinett feinherb, der in der Juffer, gleich oberhalb der berühmten Juffer-Sonnenuhr, gelesen wurde.

Wenn einen die Trauben goldgelb anlachen, aber noch einen grünen Schimmer haben, dann ist es an der Zeit, den Kabinett zu lesen, sagen die Winzer. "Uns bleiben jedoch nur zwei Tage", meint Tim Fröhlich vom Weingut Schäfer-Fröhlich in Bockenau an der Nahe: "Lesen wir zu früh, ernten wir unreife Trauben und können nur einen unreifen Wein daraus keltern. Lesen wir hingegen zu spät, verlieren wir womöglich die gesunde Frucht und der Wein wird für einen Kabinett zu üppig." In warmen Jahren wie 2011, als die Traubenreife im teils feuchten September und Oktober dramatisch anstieg, war es weit schwieriger, die gesunden Trauben für einen echten Kabinett zu selektionieren als die Rosinen für eine weit teurere Auslese. Normalerweise ist es umgekehrt.

Die meisten trockenen Kabinettweine des aktuellen Jahrgangs 2011 sind mindestens 12,5 % schwer, aber es gibt auch viele mit 14 und mehr Volumenprozent Alkohol. Das mögen im einzelnen passable Weine sein. Aber sie tanzen nicht. Vor diesem Hintergrund ist das Prädikat Kabinett für die meisten so bezeichneten trockenen Weine eigentlich Etikettenschwindel.

Womit wir beim komplizierten Teil der Geschichte wären. Dem Weingesetz nach sind alle die Weine Kabinettweine, die, unabhängig von ihrer Geschmacksrichtung, aus Trauben bereitet werden, die bei der Lese, je nach Anbaugebiet und Rebsorte, ein Mindestmostgewicht von 67 bis 87° Oechsle auf die Mostwaage gebracht haben und die nicht mit Zucker angereichert (chaptalisiert) wurden. Das deutsche Weingesetz von 1971 unterscheidet die unterschiedlichen Qualitätsstufen allein nach Mostgewichten, also dem Zuckergehalt der Trauben bei der Lese. Der Kabinett ist daher die unterste Stufe des Qualitätsweins mit Prädikat. Ihm folgen die Prädikate Spätlese, Auslese, Beerenauslese, Eiswein und Trockenbeerenauslese.