Kreativität Befallen von der Liebe zum Papier

In der Berliner Papeterie R.S.V.P. füllen Geschenkpapiere aus aller Welt eine ganze Wand.

(Foto: Andrea Kroth/R.S.V.P)

Notizbuch, Kalender, Geschenkpapier: In den Großstädten eröffnet eine Papeterie nach der anderen. Und befriedigt damit das Bedürfnis nach Produkten zum Anfassen.

Von Jenny Hoch

Als die Inhaber des Berliner Papierladens Luiban auf Facebook posteten, die japanischen Hobonichi Techo-Kalender für 2018 seien eingetroffen, waren sie wenige Stunden später bereits ausverkauft. Das war im Oktober. Nachschub gibt es nicht. Wer eines der raren Büchlein mit dem schwarzen Einband, den eingeprägten goldenen Schriftzeichen und semitransparenten Seiten aus Tomoe River Papier kaufen will, muss sich bis zum nächsten Jahr gedulden.

Im Pop Up Papier-Store in Köln wiederum fragten neulich junge, schick gekleidete Leute nach Produkten von Letterpress. Hierbei handele es sich, erklärten sie der verblüfften Inhaberin Nicola von Velsen, um ein neues Druckverfahren aus Amerika. Deren Hinweis, "Letterpress" sei das englische Wort für Buchdruck und diese in der Tat revolutionäre Technik habe ein gewisser Johannes Gutenberg bereits um das Jahr 1450 herum in Mainz erfunden, ließen sie nicht gelten. Nichts da, die Sachen von Letterpress seien total up to date, alles Unikate, in kleinen Manufakturen hergestellt. Das habe man auf Instagram gesehen.

Kalender 2018

Kein Plan war gestern

Digital vernetzte Hipster zwischen Brooklyn und Berlin haben das Papier für sich entdeckt. Natürlich nicht die Normalo-Sachen aus dem Schreibwarenladen von nebenan, sondern alles, was edel und am besten handgeschöpft ist oder von antiken, liebevoll restaurierten Druckmaschinen bedruckt wurde. In Großstädten eröffnet eine Papeterie nach der anderen, in Berlin ballen sich diese Läden nicht zufällig in den angesagten Bezirken Mitte und Neukölln. Das sorgfältig kuratierte Angebot: Grußkarten, Notizbücher, Kalender, Geschenkpapier, Schreibutensilien und alle möglichen Accessoires zum Thema.

Wie passt das zusammen? Wer schreibt in einer Zeit, in der Beschleunigung alles ist und deswegen über Whatsapp oder E-Mail kommuniziert wird, bitte schön noch handschriftliche Briefe und Postkarten? Wer hat die Muße, seine Gedanken mit dem Füller in ein eigens dafür angeschafftes Buch zu übertragen? Offensichtlich eine ganze Menge Menschen. Das Comeback des Analogen hat, so komisch es klingen mag, viel mit der Digitalisierung zu tun: Wer täglich über glatte Touchscreen-Oberflächen wischt, sehnt sich irgendwann nach echten Produkten zum Anfassen. Papier eignet sich besonders gut dazu, dieses Bedürfnis zu befriedigen, immerhin ist es einer der ältesten analogen Werkstoffe der Welt.

"Man kann es betrachten, berühren, riechen und sogar hören", sagt Nicola von Velsen. "Papier spricht alle Sinne an, das macht es so großartig."

Eine Berliner Papeterie-Institution seit 2001 ist R.S.V.P. in Mitte. Der elegante Laden in direkter Nachbarschaft zu einigen Mode-Boutiquen lief so gut, dass die Inhaberin Meike Wander vor drei Jahren gegenüber noch einen zweiten aufmachte. Auf der einen Straßenseite gibt es nun alles rund ums Schreiben, auf der anderen geht es ums Verpacken. Nur Geschenkpapiere füllen eine ganze Wand des zweiten Geschäfts, vom günstigen Seidenpapier zu 30 Cent bis zu High-End-Chiyogami-Papier aus Japan für 18,50 Euro den Bogen. Das werde allerdings eher selten gekauft, um damit Geschenke einzupacken, erzählt Meike Wander. Das im Siebdruck-Verfahren bedruckte Papier wird wegen seiner strahlenden Farbigkeit von Hobby-Buchdruckern als Einband benutzt, als Bild gerahmt oder dient als Tapete. "Es ist so widerstandsfähig, dass man es einkleistern kann, ohne dass es sich wellt oder reißt."

Ihre Kundschaft sei bunt gemischt, erzählt sie, von Teenagern und Omis aus der Nachbarschaft bis zu internationalen Bloggerinnen sei alles dabei. "Wir verstehen uns als Tante-Emma-Laden, man muss bei uns kein Vermögen ausgeben."