Süddeutsche Zeitung

Kreativität:Befallen von der Liebe zum Papier

Lesezeit: 5 min

Notizbuch, Kalender, Geschenkpapier: In den Großstädten eröffnet eine Papeterie nach der anderen. Und befriedigt damit das Bedürfnis nach Produkten zum Anfassen.

Von Jenny Hoch

Als die Inhaber des Berliner Papierladens Luiban auf Facebook posteten, die japanischen Hobonichi Techo-Kalender für 2018 seien eingetroffen, waren sie wenige Stunden später bereits ausverkauft. Das war im Oktober. Nachschub gibt es nicht. Wer eines der raren Büchlein mit dem schwarzen Einband, den eingeprägten goldenen Schriftzeichen und semitransparenten Seiten aus Tomoe River Papier kaufen will, muss sich bis zum nächsten Jahr gedulden.

Im Pop Up Papier-Store in Köln wiederum fragten neulich junge, schick gekleidete Leute nach Produkten von Letterpress. Hierbei handele es sich, erklärten sie der verblüfften Inhaberin Nicola von Velsen, um ein neues Druckverfahren aus Amerika. Deren Hinweis, "Letterpress" sei das englische Wort für Buchdruck und diese in der Tat revolutionäre Technik habe ein gewisser Johannes Gutenberg bereits um das Jahr 1450 herum in Mainz erfunden, ließen sie nicht gelten. Nichts da, die Sachen von Letterpress seien total up to date, alles Unikate, in kleinen Manufakturen hergestellt. Das habe man auf Instagram gesehen.

Digital vernetzte Hipster zwischen Brooklyn und Berlin haben das Papier für sich entdeckt. Natürlich nicht die Normalo-Sachen aus dem Schreibwarenladen von nebenan, sondern alles, was edel und am besten handgeschöpft ist oder von antiken, liebevoll restaurierten Druckmaschinen bedruckt wurde. In Großstädten eröffnet eine Papeterie nach der anderen, in Berlin ballen sich diese Läden nicht zufällig in den angesagten Bezirken Mitte und Neukölln. Das sorgfältig kuratierte Angebot: Grußkarten, Notizbücher, Kalender, Geschenkpapier, Schreibutensilien und alle möglichen Accessoires zum Thema.

Wie passt das zusammen? Wer schreibt in einer Zeit, in der Beschleunigung alles ist und deswegen über Whatsapp oder E-Mail kommuniziert wird, bitte schön noch handschriftliche Briefe und Postkarten? Wer hat die Muße, seine Gedanken mit dem Füller in ein eigens dafür angeschafftes Buch zu übertragen? Offensichtlich eine ganze Menge Menschen. Das Comeback des Analogen hat, so komisch es klingen mag, viel mit der Digitalisierung zu tun: Wer täglich über glatte Touchscreen-Oberflächen wischt, sehnt sich irgendwann nach echten Produkten zum Anfassen. Papier eignet sich besonders gut dazu, dieses Bedürfnis zu befriedigen, immerhin ist es einer der ältesten analogen Werkstoffe der Welt.

"Man kann es betrachten, berühren, riechen und sogar hören", sagt Nicola von Velsen. "Papier spricht alle Sinne an, das macht es so großartig."

Eine Berliner Papeterie-Institution seit 2001 ist R.S.V.P. in Mitte. Der elegante Laden in direkter Nachbarschaft zu einigen Mode-Boutiquen lief so gut, dass die Inhaberin Meike Wander vor drei Jahren gegenüber noch einen zweiten aufmachte. Auf der einen Straßenseite gibt es nun alles rund ums Schreiben, auf der anderen geht es ums Verpacken. Nur Geschenkpapiere füllen eine ganze Wand des zweiten Geschäfts, vom günstigen Seidenpapier zu 30 Cent bis zu High-End-Chiyogami-Papier aus Japan für 18,50 Euro den Bogen. Das werde allerdings eher selten gekauft, um damit Geschenke einzupacken, erzählt Meike Wander. Das im Siebdruck-Verfahren bedruckte Papier wird wegen seiner strahlenden Farbigkeit von Hobby-Buchdruckern als Einband benutzt, als Bild gerahmt oder dient als Tapete. "Es ist so widerstandsfähig, dass man es einkleistern kann, ohne dass es sich wellt oder reißt."

Ihre Kundschaft sei bunt gemischt, erzählt sie, von Teenagern und Omis aus der Nachbarschaft bis zu internationalen Bloggerinnen sei alles dabei. "Wir verstehen uns als Tante-Emma-Laden, man muss bei uns kein Vermögen ausgeben."

Luiban, ein paar Straßen weiter, ist eine Adresse für den Connaisseur. Drapiert auf alten Apotheker-Schränken und in eigens angefertigten minimalistischen Regalen finden sich zum Beispiel Hefte und Karten, die im Risographie-Verfahren bedruckt wurden, einer umweltfreundlicheren japanischen Kalt-Druck-Technik, bei der Sojawachse zum Einsatz kommen. "Wir mögen die wolkigen, leicht verschmierten Effekte, die dabei herauskommen", sagt Kai-Stefan Luithardt, einer der beiden Inhaber.

Der 50-Jährige - kariertes Vintage-Sakko, tannengrünes Hemd, John-Lennon-Brille - leitete früher den IT- und Security-Bereich eines mittelständischen Unternehmens in Nürnberg. Als er kurz vor dem Burn-out stand, kündigte er und fand seine Berufung: feine Papierwaren. Er deutet auf Hefte des polnischen Herstellers Papierniczeni und sagt sehr andächtig: "Die Einbände werden von Hand mit Farbtupfern besprenkelt." Seine Finger streifen sachte über pastellige Blöcke aus ultradünnem 30-Gramm-Papier des japanischen Labels 365: "Schauen Sie, dieser Farbverlauf, ist der nicht wunderbar?" Dann nimmt er ein eher unscheinbares Notizbuch mit Stoffeinband für 29,90 Euro in die Hand: "An dieser Entwicklung für unsere Haus-Marke Kami haben wir zwei Jahre lang getüftelt."

Das Naturleinen für den Einband stamme noch aus DDR-Beständen, erzählt er und rückt seine Brille zurecht. Das Seitenverhältnis betrage 21:13, das entspreche dem Goldenen Schnitt. Die Zahlen seien darüberhinaus aus der Fibonacci-Folge, also aus der unendlichen Folge von Zahlen, die sich ergeben, wenn man zwei aufeinanderfolgende addiert. Das Büchlein habe einen runden statt eckigen Rücken, der eigens ausgehämmert werden müsse, und einen kupferfarbenen Schnitt. Das griffige 90-Gramm-Papier stamme aus Europa, hergestellt werde das Notizbuch von Hand und in einer sozialen Werkstatt in Berlin.

Spätestens hier dämmert dem Laien: Papier und alles, was dazu gehört, ist ein weites Feld, das unendlich viele Stufen der Verfeinerung zulässt. Aus diesem Grund ist es auch ein optimales Distinktions-Accessoire. Wer edle Karten verschickt oder besondere Kalender oder Notizbücher besitzt, beweist damit Individualität und Wertschätzung - für sich selbst und andere. Schließlich hat man nicht nur Geschmack und Geld, sondern auch Zeit investiert, das wertvollste Gut überhaupt. Kai-Stefan Luithardt formuliert es so: "Die Suche nach dem richtigen Papier und dem richtigen Stift ist immer auch ein Selbstfindungsprozess."

Eher nichts für strenge Puristen sind die Produkte des inzwischen von Berlin nach München umgezogenen Labels Pleased to Meet. Die Designs der Geschäfts- und Lebenspartner Daniela Könn und Marcel Hornung sind verspielt und farbenfroh, ohne dabei kitschig zu sein - ideal für junge Großstadtfamilien mit einem Faible für Bio-Essen, Altbauten und Mid-Century-Möbel: Alle Karten, Kalender oder Babybücher sind FSC-zertifiziert und werden von lokalen Druckereien auf hochwertigem Papier aus EU-Ländern bedruckt. "Ich mache nur, was mir persönlich gefällt", sagt die Grafikdesignerin Daniela Könn, "und natürlich inspirieren mich dabei auch unsere zwei Kinder."

Zum Papier kamen die beiden eher zufällig. Sie führten Anfang der Nullerjahre eine Designagentur in New York und hatten ab und zu Anfragen von Klienten für Weihnachtskarten. "In den USA war der Markt schon viel weiter", erzählt Marcel Hornung, "damals kauften die Amerikaner jede Menge alte Druckmaschinen aus Deutschland, die waren unfassbar günstig, weil sich bei uns niemand dafür interessierte." Doch als das Paar 2004 nach Berlin zog, merkten sie schnell, dass die Nachfrage nach geschmackvoller Papeterie wuchs. "Das, was es damals gab, war gruselig", erinnert sich Daniela Könn, "also habe ich angefangen, meine Entwürfe in kleinen Auflagen in Papier-Geschäften zu verkaufen." 2010 setzte das Paar dann - buchstäblich - alles auf eine Karte und konzentrierte sich ganz auf das eigene Label. Mit Erfolg, inzwischen bringen sie zwei Kollektionen pro Jahr heraus und verkaufen sie online und in mehr als 500 Geschäften weltweit.

Papier hat eine besondere Magie, davon ist Nicola von Velsen, die Kölner Papier-Expertin, überzeugt. Im März erscheint bei Prestel ihr Buch "Papier. Material, Medium und Faszination" über diesen speziellen Kosmos, das sie zusammen mit Neil Holt herausgibt. Ein aufwendig gestalteter Band, den sie als "Bilderbuch über eine Kulturtechnik" verstanden wissen will. Denn Papier, gibt sie zu bedenken, sei ja nicht nur schön, sondern auch ein Werkstoff, auf dem all das stattgefunden habe, was für unsere Kultur von Bedeutung ist: "Darauf werden Verträge geschlossen, Romane geschrieben und Musik komponiert."

Doch auch für sie steht das Gefühl im Mittelpunkt: "Ich bin jedes Mal wieder sprachlos, wie emotional meine Kunden darauf reagieren." Befallen von der Liebe zum Papier seien übrigens Frauen wie Männer gleichermaßen, erzählt sie. Wer hätte das gedacht? Papier ist ein Alleskönner, der alle Wünsche, die den modernen Menschen umtreiben, auf sich vereint: Es ist Luxusgut, Gebrauchsgegenstand, Gedankenspeicher, Gefühls-Trigger und Hightech-Objekt in einem. Da kommen kein Laptop und kein Smartphone mit. Oder doch? Schließlich schreit der Besuch in einer Papeterie nach einem Selfie. Der passende Hashtag für den Instagram-Feed ist schon mal klar: #paperlove.

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Quelle:
SZ vom 23.12.2017
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