bedeckt München

Duft:Der Parfümeur aus der Stinkhöhle

Genial müsse man nicht sein, sagt Parfümeur Geza Schön: "Das ist ein Beruf, den jeder lernen kann."

Geza Schön ist der Mann hinter einigen der spannendsten Düfte unserer Zeit. Mit seinem neuesten Projekt stellt er die Branchen-Regeln endgültig auf den Kopf.

Von Anne Backhaus

Der erste Atemzug fühlt sich in etwa so gut an wie ein heftiger Schlag auf die Nase. Der zweite ebenfalls. Dann tränen die Augen. In dem nur wenige Quadratmeter großen Raum ohne Fenster wabert viel zu viel Geruch. Der Zuviel-Duft beißt so lange zu, bis die Nase einfach abschaltet und gar nichts mehr riechen kann. Sogar die Luft scheint dicker zu sein, als würden sich die Essenzen in ihr um den besten Platz drängeln. "Ich versuche möglichst, nicht lange hier drin zu sein", sagt Geza Schön.

Viele kennen ihn nicht

Sein Labor in Berlin-Kreuzberg nennt er spöttisch "Stinkhöhle". Schön, 47 Jahre alt, ist erstaunlich unprätentiös dafür, dass er als einer der spannendsten Parfümeure der Welt gehandelt wird. Wer ihn kennt, legt höchstwahrscheinlich eines seiner Parfüms namens "Escentric Molecules" auf. Viele kennen ihn aber nicht. Denn Schön macht sogenannte Nischenparfüms. Die werden nicht von großen Konzernen auf den Markt geworfen, und es gibt sie auch nicht überall zu kaufen. Er ist ein Nischen-Star.

Und das, obwohl oder gerade weil er die Regeln der Parfümindustrie nicht allzu ernst nimmt. In Jeans und schwarzem T-Shirt mischt er in dem Flakonchaos eben schnell einen Duft zusammen. Um ihn herum stapeln sich auf einer schmalen Arbeitsplatte unzählige braune Fläschchen. Auch die Regale sind voller Glasflakons, die weißen Deckel schwarz beschriftet. Darin befinden sich zum Beispiel flüssige Parfüm-Rohstoffe aus Sandelholz, Zitrusfrüchten oder Moschus. Dazwischen verstecken sich Schöns Kreationen. "Esc04 33" steht auf einer. Die Abkürzung für den vierten Duft aus der Escentric-Reihe. "33" bezeichnet die Duft-Base. Dreiunddreißig Mal hat er sie ausgemischt, mit jedem Öl experimentiert. Inhaltsstoffe zugefügt. Optimiert.

Es gibt an die zweitausend Rohstoffe, die für Parfüms genutzt werden, sie stellen eine Art Geruchsalphabet dar. Die Stile besonderer Parfümeure werden auch als Handschrift bezeichnet. "Genial muss man aber nicht sein", sagt Schön. "Das ist ein Beruf, den jeder erlernen kann. Zumindest jeder, der sich mit seiner Nase beschäftigen mag." Nun murmelt er Zahlen vor sich hin, fügt penibel eine Alkohol-Wasser-Lösung einem dickflüssigen Öl zu, füllt alles in eine Glasflasche. Schüttelt die Schlieren weg. Fertig. "Raus hier."

Das Labor ist eine Kammer

Alles ziemlich unaufgeregt, Schön wirkt eher abgeklärt als feingeistig. Und das Labor ist eigentlich eine Kammer. Hier hat er die Parfüms kreiert, die Kate Moss angeblich kistenweise bestellt und auch Fußballstar Lionel Messie so gerne trägt. "Inzwischen kauft eine riesige VIP-Meute bei mir", sagt Schön. "Dabei habe ich nie Werbung gemacht. Das hat sich unter Schauspielern, Models, Designern und Musikern so rumgesprochen. Die haben meinen Duft an ihren Freunden gerochen und wollten ihn dann selber haben."

Molecule 01 ist der Duft, mit dem er bekannt geworden ist. Ein Parfüm, wie es noch nie eines zuvor gab. Es besteht nur aus einem einzigen Riechstoff. Revolutionär wird Schön dafür genannt, denn Parfüms setzen sich sonst aus Dutzenden Inhaltsstoffen zusammen. Seine Kreation ist dagegen der Minimalismus schlechthin. Das Parfüm der Parfüms?

"Totaler Schwachsinn", sagt er. "Streng genommen ist es überhaupt kein Parfüm. Iso E-Super ist ein synthetischer Riechstoff, den ich in Flaschen gefüllt habe. Ich bin begeistert davon, weil er geil riecht. Alle anderen auch. Das ist alles." Er hat recht, auch wenn er, der Meister der Effekte, die Kunst der gezielten Untertreibung beherrscht. Denn sein Erfolg ist alles andere als selbstverständlich - und zu diesem gehören weit mehr Düfte als das schlichte erste Molecule. Er hat auch den Geruch Berlins in Flaschen gefüllt und die mentale Stärke der Primaballerina Polina Semionova als Essenz umgesetzt. Schön ist eine Art Bad Boy der gehobenen Geruchsproduktion. Für ihn existieren keine Regeln.

Auf dem lukrativen Duftmarkt gibt es heute kaum noch selbständige Parfümeure. Weltweit ein paar Hundert, in Deutschland sei er wohl der einzige wirklich unabhängige Parfümeur, sagt Schön. Die meisten, die das Parfüm-Handwerk beherrschen, arbeiten als Angestellte bei einer der großen Duftstofffirmen.

So hat der Mann auch angefangen. Er lernt in Holzminden bei Haarmann und Reimer, dem heutigen globalen Geruchsstoffunternehmen Symrise, und bleibt anschließend als Parfümeur dort. Einige Jahre später kündigt er. Die Kollegen erklären ihn für verrückt. Wie will er durchkommen, ohne den Apparat einer großen Firma hinter sich? Irgendwie geht das schon, denkt Schön. Er lässt sich nicht abschrecken, legt einfach mal los und schafft dann den Durchbruch - gleich mit dem ersten Duft, der nach seinen Maßstäben nicht mal ein echtes Parfüm ist.

"Das riecht alles gleich"

Dieser Erfolg hat auch damit zu tun, dass inzwischen ein Großteil der Parfümproduktion für den Massenmarkt konzipiert ist. Jährlich kommen Hunderte neue Düfte auf den Markt, werden wie verrückt beworben und verschwinden dann oft wieder nach kurzer Zeit. Nur wenige Parfüms haben das Zeug zum Longseller, die Großkonzernen über Jahrzehnte hinweg die Margen sichern. Früher war das anders. Vor 1980 gab es nur wenige exklusive Düfte, zum Beispiel von Firmen wie Givenchy und Guerlain. Man konnte riechen, wer welchen trug - das Parfüm war ein Statement. So wie der Klassiker Chanel N⁰ 5. Es kam bereits 1921 auf den Markt und gilt noch immer als der weltweit erfolgreichste Damenduft.

Inzwischen schmücken sich jedoch alle großen Marken mit eigenen Parfüm-Kollektionen. Nicht selten angepriesen als das Lieblingsprodukt eines Hollywood-Stars oder angeblich kreiert von irgendeinem It-Girl. "All diese Lancierungen, die bei Douglas oder im Duty Free im Regal stehen, kann nicht mal ein erfahrener Parfümeur blind auseinanderhalten", sagt Schön. "Das riecht alles gleich." Er wollte nicht so produzieren. Und seine Kunden wollen nicht riechen wie alle anderen. Das ist das zarte Versprechen der Nischenparfums: individueller Geruch fern vom Massenmarkt.

Hinzu kommt die Qualität der Düfte, hergestellt aus hochwertigen Naturstoffen und intelligent konzipiert. An seiner neuesten Kreation hat Schön fast zwei Jahre gearbeitet. Natürlich mit Pausen, aber er ging immer wieder an die Rezeptur, stellte um, nahm eine Essenz raus, fügte eine andere hinzu. Er ist sogar mit einer Variante in den Urlaub gefahren, denn in anderen Ländern würden Düfte anders riechen. "Keiner weiß, woran es genau liegt, aber da riecht man an etwas in Paris und fällt fast vom Stuhl, so viel Neues fällt einem plötzlich auf."

Eine Kampfansage an die Industrie

Vor wenigen Wochen hat er die Produktion abgeschlossen. Schön läuft durch den Wohnbereich seines Dachgeschoss-Lofts und sucht nach den neuen Flakons. Hier sieht es mehr nach einem Labor aus als in seiner Kammer. Auf dem Esstisch und am Boden stehen antike Glaslampen, gefüllt mit roter Flüssigkeit, die ähnlich wie Lavalampen blubbern und glühen. "Ist das nicht toll?" Er legt drei silberne Kühlschrankmagneten vor sich auf den Tisch. Jeweils ein Cowboykopf mit Hut und Pistolen unterm Kinn, um ein Haupt windet sich eine Schlange. Die Gesichter sind Karikaturen. Eines zeigt Geza Schön, die anderen beiden Mark Buxton und Bertrand Duchaufour. Die beiden anderen sind ebenfalls selbständige Parfümeure, allerdings in Paris. Gemeinsam haben sie "Project Renegades" entwickelt: drei Parfüms, jedes mit persönlicher Note - kreiert von den Abtrünnigen der Branche.

"Wir drei wollten gemeinsam etwas Exzellentes machen", sagt Schön. "Buxton riecht total schwül, aber auch geil, so rauchig süß. Und Bertrand gewohnt frisch, maskulin und würzig. Mein Duft ist subtil, sehr grün und holzig balsamisch, der darf leise sein."

Seine Nase hat nie Feierabend

Wenn Schön über den Aufbau von Parfüms spricht, wird sein Gesicht weich; Geruch hat plötzlich eine Farbe, einen Ton oder ein Geschlecht. Geht es um Aufmachung und Vermarktung, wird er fast schon angriffslustig. Die drei Duft-Profis inszenieren sich nicht ohne Grund als Kerle aus dem Wilden Westen, mit ihren Magnet-Köpfen vorne auf dem Flakon. Eine ironische Kampfansage an die Industrie. Schön schmunzelt. "Von all den Nischendüften da draußen sind bestimmt zwanzig bis dreißig Prozent unsere Kreationen. Unsere gemeinsame Marke ist längst überfällig." 100 ml Renegades-Parfüm kosten 195 Euro. Ein stolzer Preis, den kostbare Inhaltsstoffe rechtfertigen sollen. Laut Schön finden sich "fünfunddreißig Prozent Natur" im Flakon.

Im Nebenraum fiept es. Schön springt sofort auf. Die Waschmaschine. "Ich muss drei Hosen aufhängen, sonst fangen die gleich an zu müffeln."

Bei Geruch ist er unerbittlich. Seine Nase hat nie Feierabend. Er riecht einfach alles um sich herum. Am schlimmsten sind für ihn ungewaschene Wintermäntel, manchmal auch Parfüms von Konkurrenten. Wie Chanel N⁰ 5, über das er gerne lästert. Oder der Verkaufsschlager "Angel" von Thierry Mugler. "Das ist der ultimativ schlechte Geschmack in der Flasche", sagt er. "Trotzdem ziehe ich vor der genialen Rezeptur den Hut." Seine Sätze sind oft hart, aber niemals bitter.

© SZ vom 30.04.2016/tamo
Zur SZ-Startseite