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Dem Geheimnis auf der Spur:Gleich drei Rätsel

Das ungewöhnliche Werk war seiner Zeit weit voraus. Dass "Die Gesänge des Maldoror" nach dem Tod ihres blutjungen Autors doch noch entdeckt wurden, grenzt an ein Wunder.

Von Josef Schnelle

Dieses, sagen wir, verfemteste aller Bücher hat sofort drei Geheimnisse zu bieten, die bis heute ungelöst sind. "Die Gesänge des Maldoror" - man kann den Namen der bitterbösen Hauptfigur als abgeleitet von "Aurore du mal", Morgenröte des Bösen lesen -, vollendete nach fünfjährigem Schaffen ein junger Mann von gerade mal 20 Jahren mit dem Künstlernamen Comte de Lautréamont, den er sich frisch zugelegt hatte. Sie lesen sich jedoch wie das Vermächtnis eines zynischen alternden Dichters, der vom prallen Leben enttäuscht zum letzten Schlag ausholt. "Meine Dichtkunst wird nur darin bestehen, den Menschen dieses Raubtier, mit allen Mitteln anzugreifen und mit ihm den Schöpfer, der ein solches Ungeziefer nicht hätte erzeugen sollen", erklärt der Autor in der 4. Strophe des 2. Gesangs sein poetisches Programm.

Der Text ist voller Bezüge zum Leben im Paris des zweiten Kaiserreichs, das von September 1870 an von Preußen belagert wurde. Lautréamont muss den drohenden Kanonendonner noch gespürt haben, bevor er im November 1870 mit nur 24 Jahren in einem Pariser Hotel, vermutlich an Schwindsucht erkrankte und starb.

In Wahrheit hieß der Autor Isidor Lucien Ducasse und hatte 1868 auf eigene Kosten anonym den ersten Gesang des Cantus in nur wenigen Exemplaren selbst herausgebracht. So sind wir schon beim zweiten Geheimnis angelangt, dass dieses außergewöhnliche Stück Literatur überhaupt überdauert hat. Lautréamonts belgischer Verleger Albert Lacroix, der auch Herausgeber der Fortsetzungsgeschichten Eugène Sues war, hatte die kompletten sechs "Gesänge des Maldoror" bereits drucken lassen, verweigerte aber aus Angst vor der Pariser Zensur die Auslieferung an die Buchhändler. Die kleine Auflage des Buchs, prall gefüllt mit grausamen Details, mit Mord, Weltekel und Vergewaltigung, eine wahre Apokalypse ohne Trost, verschwand in einem Gebirge bibliografischer Kuriositäten, und nur ein außergewöhnlicher Zufall konnte sie wieder zu Tage fördern. Vielleicht wäre ohne eine kleine "Ode an die Mathematik" im zweiten Gesang aus der tatsächlichen Wiederentdeckung der Gesänge des Maldoror nichts geworden.

Hatten ihnen die Grausamkeiten des Ersten Weltkriegs die Augen geöffnet?

Ausgerechnet in der mathematischen Abteilung eines kleinen Antiquariats in der Nähe seines Lazaretts am Rive Gauche entdeckte der Kriegsverletzte Philippe Soupault 1917 den Text. Sofort waren ihm dessen Bezüge zu seiner eigenen gerade entstehenden Literaturrichtung des Surrealismus überdeutlich. Er reichte das Buch an den Freund André Breton weiter, mit dem er ein kleines Literaturmagazin herausgab. So begann der Siegeszug des Comte de Lautréamont als eines der "poétes maudits", der verfluchten Dichter, unter denen er fortan dezidiert als "Großvater des Surrealismus" gefeiert wurde. Breton und Soupault glaubten bei Lautréamont sogar Elemente und Techniken des automatischen Schreibens (écritures automatiques) zu entdecken, bei denen Gedanken, Bilder und kühne poetische Tabuverletzungen unbewusst aufs Papier fließen sollten. Das war genau das, was sie mit der neuen Bewegung anstrebten.

Besonders die bildenden Künstler ließen sich von den "Gesängen des Maldoror" anregen. Man Ray schnürte einen unförmigen Klotz in Samt und stellte damit das "undurchdringliche Geheimnis des Isidor Ducasse" dar. Salvador Dali, Max Ernst, Yves Tanguy, Joan Miró und René Magritte ließen sich inspirieren durch Sätze und Formulierungen aus Lautréamonts Großgedicht. In einem Zitat aus dem 6. Gesang sah Max Ernst sogar die Grundstruktur des surrealistischen Bildes gegeben. Da wird die Schönheit eines Jünglings so beschrieben: "Er ist schön wie das zufällige Zusammentreffen einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch!" Das bleibt bis heute der meistzitierte Satz aus Lautréamonts Text, der weiterhin immer wieder Künstler etwa Georg Baselitz angesteckt hat. Die Filmregisseurin Agnes Varda widmete dem Satz eine denkwürdige Kunstinstallation.

Wie kam es aber dazu, dass ausgerechnet die Surrealisten rund 50 Jahre nach Lautréamonts Tod die Modernität des rätselhaften Einzelgängers und seines einzigen Werkes erkannten? Hatten die Grausamkeiten und die Barbarei des Ersten Weltkriegs ihnen die Augen geöffnet? Plötzlich schien alles in der Realität möglich, was erste Leser der "Gesänge de Maldoror" noch als abgehobene satanisch-böse Fantasie eines Verrückten empfanden. Hatten alle Zufälle der Editionsgeschichte nur dazu gedient, die besondere Sprengkraft der "Zeitkapsel", die dieses Büchlein darstellte, für eine Zukunft zu erhalten, die sie besser begreifen konnte? Oder gehörte Lautréamont einfach zu jenen Gestalten, die zur Unzeit geboren, sowieso erst von der Nachwelt verstanden werden können? Schon wie er geschrieben hat, von Maldoror, vor dem selbst Satan wegen dessen elementarer Bosheit erzittert, davon berichtet der Verleger Léon Genonceaux: er habe nur nachts am Klavier geschrieben, "wo er laut deklamierte, wild in die Tasten schlug und zu den Klängen immer neue Verse heraus hämmerte." Als nahezu musikalische Komposition erschließt sich das sperrige Gedicht besser.

Es ist kaum etwas bekannt über das wahre Leben des Isidore Ducasse alias Comte de Lautréamont. Als fünfjähriger hatte er in Montevideo die grausame Belagerung im uruguayischen Bürgerkrieg hautnah miterlebt. Sein Vater war dort hoher Beamter am Konsulat. Er las die Lyriker, die das Böse eher poetisch besangen wie Byron, Shelley, Milton und Baudelaire und war dann geschlagen mit einer Begabung, die ihn erschlug, wie Wolfgang Koeppen das in seinem Essay "Die elenden Skribenten" beschrieb, und erschuf inmitten des Chaos Ende des 19. Jahrhunderts in Paris die mächtigste Gewaltphantasie, die auch heute noch schwer zu lesen ist. Immerhin hatte er schon versprochen nach seiner "Phänomenologie des Bösen" schließlich in einem nächsten Werk "das Gute" besingen zu wollen, ebenso rein wie zuvor das Böse. Zu mehr als einer Art Vorwort, den Poesien I und II, reichte es aber nicht. Aber vielleicht wartet in den Untiefen bibliophiler Sammlungen noch ein viertes Geheimnis auf uns.

© SZ vom 06.03.2021
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