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Mode:In Reih' und Glied

Früher tantenhaft - jetzt cool: Brillenkette von Skadie.

(Foto: skadie.chains/skadie.chains)

Einfach nur Sonnenbrille tragen: Fehlt da nicht etwas? Schmuckketten sind das Accessoire dieses Sommers - am besten schwergliedrig und schön bunt.

Von Anne Goebel

Wie geht es weiter mit der Maskenpflicht, nach dem Virenbeschleuniger Wembley und nach der Ferienpause? Das ist die große Sommerfrage, eher ein Randaspekt dabei: Sollte irgendjemand besorgt sein, dass sich die ungewohnte Leere im Gesichtsbereich seltsam anfühlen könnte - zumindest wer eine Sonnenbrille trägt, muss sich keine Gedanken machen. Mit einer Brille ist es nämlich in dieser Saison nicht getan, es gehört unbedingt die begleitende Kette dazu, befestigt an den Bügeln. Und wie beispielsweise das grundsätzlich nicht zur Zurückhaltung neigende Model Bella Hadid kürzlich bei einer Modenschau in Paris demonstrierte: Dabei bitte auf Nummer sicher gehen. Hadid sah aus, als müsste sie ihre "Sunnies" mit schwerem Metall vor einer Straßengang aus Caracas schützen.

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Model Bella Hadid mit Monsterbrillenkette.

(Foto: Francois Durand/Getty Images)

Klar ist es auch praktisch, die Brille immer am richtigen Platz zu wissen, nämlich entweder auf der Nase oder per Kette um den Hals gehängt. Aber hier geht es in erster Linie um eine modische Spielerei, die bereits spätestens vor einem Jahr hätte Fahrt aufnehmen sollen dank schwergliedriger Modelle von Balenciaga, Gucci, Fendi et alii. Nur hieß der traurige Toptrend 2020 leider Mund-Nasen-Schutz, das ließ eher wenig Raum für die elegant zur Schau gestellte Luxusbrille plus Zubehör. Jetzt, im Sommer der Lockerungen, zeigt sich, dass das Accessoire die Winterpause offenbar blendend überstanden hat und immer noch da ist. Wäre ja auch noch schöner: In die Bänder, ob filigran oder wuchtig, lässt sich schließlich sehr vorteilhaft ein Firmenlogo integrieren. Das V von Valentino zum Beispiel, der verschnörkelte Anfangsbuchstabe von Loewe oder die Initialen des britischen Labels Linda Farrow. Je mehr Markenpräsenz, umso besser nach den schwierigen Pandemiemonaten.

Manche Brillenketten sind auch Maskenhalter

Inzwischen haben Fast-Fashion-Firmen wie Asos, H&M oder Zara längst nachgezogen und günstige Alternativen im Programm. Aber egal ob vom Billiganbieter oder aus edlem Haus: Bei getragener Brille sieht jede Kette eindeutig lässiger aus, wenn sie in schönem Bogen vom Ohr zum Kinn baumelt und das Gesicht gemeinsam mit den Brillengläsern zusätzlich einrahmt und damit akzentuiert - macht sich natürlich auch auf Instagram gut. Wenn hingegen die Ray Ban oder das Modell von Persol an den Bändern hängend auf der Brust ruht: Dieser Anblick hat nach wie vor etwas leicht Tantenhaftes an sich, man denkt unwillkürlich mehr an Sehhilfe als an einen Sommerabend auf der schönsten Terrasse der Stadt.

Kleine Hersteller von Ketten gibt es auch im deutschsprachigen Raum, Shadeloops aus Graz etwa vermarktet seine Modelle in Doppelfunktion als "Brillenketten&Maskenhalter". In Leipzig hat Josephin Hemken vor ziemlich genau einem Jahr ihr Label Skadie gegründet. Weil sie sich, sagt die 31-Jährige, "ein bisschen gelangweilt hat" in der Elternzeit. Auf die Idee, Ketten für Sonnenbrillen zu entwerfen, kam die Marketing-Expertin durch einen befreundeten Optiker und das "sehr biedere Angebot" auf dem deutschen Markt, zumindest außerhalb des Luxusbereichs. Den Entschluss fasste Hemken jedenfalls mitten in der Corona-Krise, im Juli 2020. Und doch genau zum richtigen Zeitpunkt: In vielen Modemagazinen tauchte die Wiederentdeckung der "sunglass chains" auf - auch wenn echte Trendsetter darauf schwören würden, dass es spätestens ein Jahr früher losging mit dem Revival.

Diana Skiing Switzerland

Voll verspiegelt und mit Nylonbändchen: Prinzessin Diana 1988 sonnenbebrillt in Klosters.

(Foto: Tim Graham/Tim Graham Photo Library via Getty Images)

Schon in den Achtzigern und frühen Neunzigern waren die Bänder en vogue, damals auch gern in der schlichten Nylonvariante. Entsprechende Fotos zeigen Prinzessin Diana mit verspiegelten Gläsern samt schmalem Bändel auf der Skipiste, oder ein klobiges Chanel-Modell von 1992, bei dem sich die goldenen Metallglieder noch auf dem Brillensteg fortsetzen. Josephin Hemken bezieht sich bei den Retro-Namen für ihre Entwürfe bewusst auf die Popkultur jener Epoche. Ihre Ketten heißen Madonna, Britney S. oder Mariah C. Die neuen Exemplare aus leichtem Acryl sind überzogen mit Gummi und fühlen sich samtig an. Schön grell sind sie alle, "Swimmingpool" in Türkis oder die dreifarbige "Manhattan". "Ich mag es gerne laut", sagt Hemken. "Und das passt zu diesem Sommer. Wir haben alle viel nachzuholen." Ein Modell von Skadie kostet um die 30 Euro. Auch Drogeriemärkte wie dm sind auf den Zug aufgesprungen und haben die praktischen Kettchen für die breite Masse ins Sortiment genommen.

So neu, wie man meinen mag, ist das Phänomen der Brillen-Accessoires übrigens nicht. Queen Victoria soll im Alter ihre runden Lesegläser an einem Band aufbewahrt haben. Und schon vom frühen 19. Jahrhundert an galt das Monokel oder die Lorgnette als unverzichtbares Zubehör für weltgewandte Damen und Herren. Die dazugehörigen Befestigungen kann man als Vorläufer der heutigen Modelle betrachten. Übertreibung inbegriffen: Der Maler Dominique Ingres malte 1826 eine Gräfin der Pariser Gesellschaft, schmuckbehängt, samt feingliedriger Brillenkette - bis zur Taille.

© SZ
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