Architektur Sie machen den Weg frei

Drei Stockwerke, ein großer Fahrstuhl und viel Eleganz: Maison à Bordeaux des Architekten Rem Koolhaas.

(Foto: OMA)

Wie können Architekten formschön und barrierefrei bauen, damit auch Rollstuhlfahrer keine Probleme haben? Ein paar grundlegende Ideen zum alters- und behindertengerechten Wohnen der Zukunft.

Von Gerhard Matzig

Eine der lustigsten Anfangsszenen im Film "Ziemlich beste Freunde" hat klugerweise auch etwas zu tun mit einem der traurigsten Schlussmomente darin. Gemeint ist der Augenblick, in dem der herzerfrischend mittel- und mitleidlose Ex-Häftling Driss dem vermögenden, gelähmt im Rollstuhl sitzenden und herzerfrischend großbürgerlichen Philippe ins Auto helfen soll. Das Auto ist ein kastenförmiger Renault Kangoo mit Dackelblick, Schiebetüren und jenem Aufkleber, der einem per Piktogramm sagt: "Rolli an Bord".

Driss ist schockiert. Und sagt: "Das lehne ich ab." Er will seinen Pflegefall nicht in ein Auto packen "wie einen Gaul". Deshalb zieht Driss die Schutzplane vom direkt daneben stehenden Maserati und meint begeistert: "Ja, was haben wir denn da?" Doch Philippe widerspricht: "Leider. Wir müssen pragmatisch denken."

Später, und das gehört zu den bitteren Schlussmomenten, rasen sie im schwarzglänzenden Maserati Quattroporte an der Seine vorbei durch das nächtlich illuminierte Paris, befeuert vom Adrenalin, vom Funk aus den Lautsprechern und verfolgt von der Polizei. Ganz nah wohnt hier der hedonistische Spaß an Tempo und Raserei neben der depressiv verstimmten Wahrheit, dass auch ein veloziferisches Lustmobil wie der Maserati nicht über die Tatsache der Behinderung und Immobilität hinwegtäuschen kann.

Allerdings kann man die Szene auch als anregende Fragestellung interpretieren. Nämlich: Ist man als eingeschränkt lebender Mensch eigentlich automatisch zu einem Leben auf der vernünftigen Seite ("leider, wir müssen pragmatisch denken") verdammt? Oder sollte man nicht gerade dann, wenn das Leben einem in Form von Krankheit, Behinderung oder Alter in gewisser Weise leidvoll mitspielt, zu den Umständen sagen dürfen: "Das lehne ich ab." Was lehnt man ab? Gebrechlichkeit und Krankheit, das verdammte Alter? Nein, das wäre naiv, aber man könnte sich gegen den Leid-leider-Automatismus wehren. Gegen den scheinbar logischen Zusammenhang von Gesund-Sportwagen und Krank-Kastenwagen.

Und genau an diesem Punkt wird die Geschichte interessant. Sie wird relevant über eine angenehm mit komplexen Untertönen spielende Filmkomödie hinaus. Das Thema wird alltagstauglich. Denn es geht eigentlich gar nicht um einen Maserati, den sich nur ziemlich vermögende Menschen leisten können oder wollen - es geht im Grunde um das Wohnen und um Fragen von Design, Architektur und Städtebau. Was einen zu einem der seltsamsten Wörter der Gegenwart führt. Zur "Barrierefreiheit".

Klar, das deutsche Behindertengleichstellungsgesetz definiert die Barrierefreiheit (sprachlich nicht gerade barrierearm) so: "Barrierefrei sind bauliche und sonstige Anlagen, Verkehrsmittel, technische Gebrauchsgegenstände, Systeme der Informationsverarbeitung, akustische und visuelle Informationsquellen und Kommunikationseinrichtungen sowie andere gestaltete Lebensbereiche, wenn sie für Menschen mit Behinderungen in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe auffindbar, zugänglich und nutzbar sind." Schon mit Blick auf die Demografie und das Schreckgespenst einer überalterten Gesellschaft bricht nun etwas spät, aber immerhin zunehmend jener Aktionismus aus, der Barrieren dort abräumt, wo man sie unsinnigerweise zuvor errichtet hat. Denn genau das ist eine Barriere im Wortsinn: etwas, was errichtet wird, um den Zugang zu erschweren.

Es ist richtig, wenn sich eine Gesellschaft auch abseits von individuellen Schicksalen um eine Stadt- und Wohnraumgestaltung kümmert, die einer schon altersbedingt eingeschränkten Mobilität entgegenkommt. Prognosen der Wohnungswirtschaft zufolge sind bis zum Jahr 2030 knapp drei Millionen barrierefreie Wohnungen nötig, um den dann über 65-Jährigen, die ein Drittel der deutschen Gesellschaft ausmachen sollen, geeigneten Wohnraum anzubieten. Und man mache sich nichts vor: Die Angebote für Treppenlifte erhält man ja auch nicht zufällig. Gerne auch als Folge der Internetrecherche zum Thema "Barrierefreiheit und Architektur".

Es gibt da übrigens eine bemerkenswerte Analogie zu "Ziemlich beste Freunde" aus dem Reich der ziemlich besten Architektur. Nur dass der Maserati in diesem Fall eine Villa, ist, die sich der Architekt Rem Koolhaas vor zwanzig Jahren bei Bordeaux für einen auf den Rollstuhl angewiesenen (und ebenfalls vermögenden) Bauherren ausgedacht hat. Das Haus besteht aus drei Stockwerken, zwischen denen ein drei mal dreieinhalb Meter großer, so üppig wie elegant und selbstbewusst dimensionierter Fahrstuhl mit leisem Surren vermittelt. Die Türen sind breit, die Duschen bodengleich, der Haupteingang ist schwellenlos ... aber je näher man diese Villa betrachtet, die nicht barrierefrei, sondern smart, elegant und glamourös erscheint, desto mehr stellt man fest: Es sind exakt die Wohnräume der jungen Moderne, die nun für eine immer älter und gebrechlicher werdende Gesellschaft als geeignet erscheinen und für mehr Lebensglück selbst im Leid sorgen könnten.

Das barrierefreie Wohnen, das erst jetzt nachdrücklich gefordert wird, aber oft nur zu funktionalen Lösungen im Sanitätshausstrumpfstil zu führen scheint, gibt es längst. Die fließenden Räume des Ludwig Mies van der Rohe waren im Grunde schon immer barrierearm, wenn nicht barrierefrei - und zwar auch aus Gründen der Ästhetik. An den Wänden des Barcelona-Pavillons von Mies oder an den Scheiben des Glass House von Philip Johnson hätte man eigentlich schon immer das Rolli-Piktogramm anbringen können.

Die Frage ist nur: Muss man reich sein, um auch als eingeschränkt mobiler Mensch eine elegante Immobilie als versöhnliches Das-lehne-ich-ab-Habitat bewohnen zu dürfen? Eigentlich nicht. Die Stilmittel der Moderne haben ja mit Dingen zu tun, die man eher weglässt: Das gilt besonders auch für Barrieren im Raum. Die Less-is-more-Architektur, die im Idealfall auch weniger kostet, ist eine Baukunst räumlicher Klarheit. In diesem Sinne sollte das barrierefreie Bauen auch ein anmutiges, elegantes und schönes Bauen meinen. Möglich ist es.