Architektur Die Raumwandlerin

Kennern war der Name der Architektin schon länger ein Begriff. Nun ist Ester Bruzkus mit dem "Best of Interior"-Preis ausgezeichnet worden.

Von Ann-Kathrin Eckardt

Dass Sockelleisten sie einmal zum Weinen bringen würden, hätte Ester Bruzkus auch nie gedacht. Wie die meisten Menschen schenkte sie diesen Dingern zwischen Boden und Wand früher keinerlei Beachtung. In Haifa als Tochter russisch-jüdischer Auswanderer geboren und in Berlin-Charlottenburg aufgewachsen, wollte sie als Kind eigentlich Modedesignerin werden, "aber ich hab mir mit elf schon gedacht, dass das nicht sicher genug ist." Also studierte sie Hochbauarchitektur in Berlin und Paris - um sich danach einzureihen in das Hauptstadtheer der arbeitslosen Architekten. Bauanträge für Balkone sicherten ihre Miete. Und kleinere Umbauten, zum Beispiel der eines Brillenladens, Low-Budget, aber trotzdem irre wichtig. Sollte ja ihr erstes Aushängeschild werden. Weil am Ende das Geld knapp war, besorgte der Bauherr die Sockelleisten selbst. 15 Zentimeter hoch, sehr dünn und aus Edelstahl sollten sie sein. Doch als Bruzkus den Laden nach ein paar Wochen wieder betrat, umrahmten fünf Zentimeter hohe Leisten den Raum. Bruzkus kamen die Tränen.

Das Bad ihrer Berliner Wohnung ließ sie ganz mit Terrazzo-Platten auskleiden.

(Foto: Jens Boesenberg)

Heute, 16 Jahre später, zählt die 43-Jährige zu den gefragtesten Innenarchitekten Deutschlands. Vom Callwey-Verlag wurde sie kürzlich beim "Best of Interior"-Award, einer der wichtigsten Auszeichnungen für Innenarchitektur, mit dem ersten Platz geehrt. Für Kunden auf der ganzen Welt entwirft Bruzkus mit ihren 14 Mitarbeitern den Innenausbau von Praxen, Kunstgalerien, Bars oder Restaurants, zum Beispiel das ganz in Rot getauchte "Dragonfly" von Tim Raue in Dubai.

Vor allem aber hat sich die Berlinerin als Hoteldesignerin international einen Namen gemacht. Mehr als 500 Zimmer hat Bruzkus schon designt, in Wladiwostok, Moskau, Leipzig, St. Petersburg, und natürlich auch in ihrer Heimatstadt Berlin. Hier tragen zum Beispiel das Amano oder das Mani-Hotel ihre Handschrift. Die ist gerne opulent, aber immer auch puristisch. Kontraste sind eines ihrer Lieblingsthemen. Sichtachsen ein anderes. "Wir kämpfen oft für Dinge, bei denen der Bauherr sagt: Sieht man doch sowieso nicht." Zum Beispiel, dass alle Höhen und Achsen in Einklang stehen, dass die Fluchten eingehalten werden oder eben auch, dass die Sockelleisten passen. Sie designt deshalb immer von innen nach außen, der Grundriss bestimmt die Fassade. Das schaffe Harmonie, die man spüre, als Laie aber nicht unbedingt sehe. "Man kommt einfach in einen Raum und hat das Gefühl, dass alles stimmt."

Wie ein "Raum fließt", das hat Bruzkus vor allem während eines Erasmus-Jahres an der École d'Architecture in Paris gelernt. "In Berlin waren wir im Studium sehr frei, in Paris war von der Bleistiftstärke bis zur Papierart alles vorgegeben." Wochenlang zeichneten sie eine Stütze, deren Proportionen und Schattenfall.

Wobei das, was man sieht, immer nur ein Teil ihrer Arbeit ist, denn Bruzkus richtet keine Räume ein, sie "macht" Räume, wie sie selbst sagt. Wenn sie ein neues Projekt zum ersten Mal betritt, interessiert sie sich vor allem dafür, was hinter dem Trockenbau liegt, wo Wasserleitungen und Lüftungsschächte verlaufen. Meistens lässt sie dann erst mal alles rausreißen. "Der schönste Moment ist für mich, nach dem Abriss zum ersten Mal auf der Baustelle zu sein."

Vergangenes Jahr erlebte sie diesen Moment in ihrer eigenen Wohnung in Prenzlauer Berg. Hier lebt sie zusammen mit ihrem Lebenspartner, der auch ihr Arbeitspartner ist. In einem Bau von Wolfram Popp, einem ihrer ehemaligen Professoren, hatte sie sich zwar gerade erst eine 80-Quadratmeter-Wohnung designt, doch als dieselbe Wohnung im sechsten Stock frei wurde, wollte sie unbedingt nach oben. Die Dachterrasse war der eine Grund. Der andere: ihre Freude am Experimentieren. "Ich wollte ein paar neue Dinge ausprobieren, bei denen meine Kunden erst mal abwinken würden." Also machte sie wieder Tabula rasa, zeichnete für denselben Grundriss noch mal Dutzende Entwürfe. Ihr Motto: das Gleiche noch mal, aber diesmal ganz anders.

Herausgekommen ist ein Mix aus Beton und Samt, der die Fachwelt so verzückte, dass Bruzkus' Wohnzimmer nun das Cover des aktuellen "Best of Interior"-Buches ziert. In der Begründung der Jury heißt es: "Rosa und Hellgrün, Samt und Fransen, Beni-Ourain-Teppich und Terrazzo - angesagter geht es kaum." Das Bad beispielsweise erinnert eher an eine Skulptur als an ein gewöhnliches Badezimmer. Bruzkus ließ es samt Badewanne komplett mit Terrazzoplatten auskleiden. Aus demselben Material sind auch Arbeitsplatte und Waschbecken in der Küche. Die Kanten der Einbauschränke ließ sie innen bunt streichen. In der Garderobe leuchten sie gelb, in der Bibliothek dunkelblau, im Schuhschrank mintfarben, im Kleiderschrank hellrosa.

Und natürlich sind die Türen raumhoch. Auf Sockelleisten verzichtete sie ganz, ebenso wie auf manch andere Dinge. "Als mein Vater die Wohnung zum ersten Mal sah, sagte er: ,Ach je, du musst ja noch die ganze Decke verspachteln'", erzählt Bruzkus und lacht. Die ist nämlich aus Sichtbeton, der Boden aus Zement. Dazwischen schimmert ein rotes Samtsofa mit Fransen im Sonnenlicht, ein Eigenentwurf der Hausherrin. Auch den pastellgrünen Esstisch "Memphis Melon" designte Bruzkus selbst. Die Tischplatte ist außen dünn und wird nach innen dicker. Kanten sind noch so ein Spleen von Bruzkus.

Ihr ganzer Stolz aber ist die Dachterrasse: 360-Grad-Blick über Berlin. Ein Holzpodest mit bunten Polstern dient als Liegefläche, daneben biegt sich ein Apfelbaum unter der Last seiner Früchte. In großen, extra angefertigten Pflanzenkästen baut Ester Bruzkus Kartoffeln, Tomaten, Salate und Brokkoli an. Erst tags zuvor hat sie wieder ein Kilo Kartoffeln geerntet.