Alta Moda in Italien:Eine Woche Arbeit für einen Ärmel

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Zurück ins Scala-Atelier. In den Gängen hängen die Outfits für die Show in endlosen Reihen bereit, Schneiderinnen in weißen Kitteln mit gehäkeltem Kragen dämpfen ein ausladendes Kleid aus unendlich vielen Tüllbahnen, besetzt mit pinkfarbenen Blüten. "Fassen Sie das an, Mode muss man anfassen", ruft Dolce bei jedem zweiten Look. Er streicht vorsichtig über die Ärmel eines Kleides, gemacht aus unzähligen Lagen feinster Seide. Eine Woche Arbeit für so einen Ärmel, der sich jetzt aufplustert wie ein eleganter, schwarzer Vogel. Genäht wird in einem Haus weit weg vom Firmensitz. "Diese Schneiderinnen und Schneider sind Künstler", schwärmt Dolce, "sie brauchen Ruhe!"

Neben dem Kleid hängen kiloschwere Mäntel aus strassbesetztem Brokat und ein Sweatshirt aus Pelz, das zusammen mit einer verschwenderisch bestickten Jeans getragen werden soll. "Wir haben die Töchter unserer Kundinnen gefragt, was sie sich wünschen", erzählt Gabbana, der Entertainer und Instagram-Profi. "Es ist ja so: Als Designer muss man die junge Generation verstehen, nur so kann auch die Alta Moda überleben". Die jüngste Kundin ist süße 18.

Dolce berichtet von einer jungen Chinesin, die gern Gothic-Look trägt und unbedingt in einem schwarzen Kleid heiraten wollte. Ihr Papa sei darüber sehr unglücklich gewesen. Dolce also riet: "Trag doch einfach Weiß, damit er zufrieden ist. Und nach der Trauung ziehst du dich um." Zwei Kleider auf einen Schlag! Die hohe Handwerkskunst und big Business gehen bei Dolce & Gabbana immer hübsch Hand in Hand.

Seit jeher sind sie Opern-Liebhaber. Die Scala fördern sie seit 2016, 20 Tänzerinnen finanzieren sie im Jahr die Ausbildung. Man kann inzwischen von einer Win-win-Situation sprechen: Für die neue Kollektion hat sich Dolce einfach im hiesigen Atelier Hilfe geholt, als ein Umhang aus schwerem Samt einfach keine dramatische Bühnenbewegung machen wollte. "Ich habe diesen Schnitt nicht alleine hingekriegt", gesteht er nonchalant. "Und die Schneider der Scala haben mir verraten, wie man Drama in so ein Cape bringt."

Für die Show am Abend ist die meterlange Tafel aus Viscontis Film "Der Leopard" nachgebaut worden. Sie quillt über von Obst und Blumen und allerfeinstem Porzellan. Den eintreffenden Gästen wird zum Aperitivo Lardo-Speck auf Blini gereicht. Sie zücken sofort ihre Smartphones, machen Selfies. Sie kommen aus Japan, Angola, Dubai, Amerika. Eine charmante Brasilianerin im schlichten schwarzen Kleid und mit riesigem Diamantcollier erklärt, niemand mache die Frauen so schön wie das italienische Duo. Ihr Mann besitzt in Brasilia Shopping Malls und ein Bauunternehmen. Brasilia sei wunderschön, aber kriminell, sagt sie. Mit ihren Diamanten könne sie unmöglich auf die Straße gehen. Hier schon.

Es ertönen Opernklänge, die Models schreiten eine blumengeschmückte Treppe hinunter. Dramatische Kopfbedeckungen erzählen vom Schicksal der berühmtesten Opern-Helden. An Anzügen und Kleidern schimmert der Goldbrokat, an einer bodenlange Samtrobe strahlt eine weiße Spitzenborte. Dann das schwarze Samtcape: Es bewegt sich nicht einfach nur so mit seiner Trägerin mit, sondern formt jede ihrer Bewegungen zu einer eleganten Geste. Nichts versucht hier cool zu sein, wie bei einer normalen Modenschau, wo sich Modeprofis betont gelangweilt geben und mit ernster Miene darüber reden, wie nah die Kollektion doch am Zeitgeist ist.

Das hier ist nicht einfach nur irgendeine Modenschau. Es ist ein Fan-Event

Als Dolce und Gabbana rauskommen, um Champagner an die Gäste zu verteilen, gibt es stehende Ovationen. Das hier ist keine Modenschau. Es ist ein Fan-Event.

Auf die Schau folgt ein Dinner, natürlich traditionell, mit Risotto Milanese und Cotoletta. Die Tische sind geschmückt mit kleinen Bäumen und Blumen. Marpessa ist da, die wunderschön gealterte, botoxfreie und unbeirrt rauchende Muse aus den Anfangszeiten. Auch das gehört ja zum Märchen von Italien: einmal Famiglia, immer Famiglia. Die Kundinnen werden dann in den nächsten Tagen im Showroom ihre sündhaft teure Order platzieren.

Zum Abschluss dieses Luxusmarathons, bei der Alta-Sartoria-Show, also der Maß-Kollektion für Männer, hat man sich schon fast an die Parallelwelt gewöhnt. Auch jetzt tragen viele Frauen wieder ihre Kronen zur Schau. Warum in aller Welt tut man das bloß, sind wir nicht im 21. Jahrhundert? Eine Italokongolesin aus Dubai hat darauf folgende Antwort: "Dolce & Gabbana schaffen es für einen Moment, dass du machen kannst, was du willst, dass du sein kannst, wer du willst."

Sehr richtig - wenn man denn kann, sprich das Geld auf dem Konto liegen hat. Wo sie ihr Schmuckstück trage? "Nicht in Dubai, aber hier! Wo denn sonst?" Eben. In Italien, dem märchenhaftesten Land der Welt.

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