Wolfsburg Grätscher verzweifelt gesucht

Karambolage: Die Wolfsburger schenkten sich das dritte Gegentor gegen Hoffenheim selbst ein. Torwart Casteels (in gelb) schaut entgeistert.

(Foto: Alex Grimm/Bongarts/Getty Images)

Der VfL wirkt nach dem 0:3 in Hoffenheim zunehmend hilflos. Ein Trost: Das Team steht knapp noch auf Tabellenplatz 15.

Von Tobias Schächter, Sinsheim

Nach seinem Debüt als Trainer des VfL Wolfsburg vor zwei Wochen in Mainz (1:1) analysierte Bruno Labbadia: "Wir dürfen jetzt nicht rumspinnen, ich unterschätze die Situation nicht. Ich weiß, dass wir keine Mannschaft für den Abstiegskampf haben. Wir müssen mehr dagegenhalten. Das müssen wir hinbekommen, obwohl wir nicht die Spielertypen dafür haben." Nach 16 Monaten Pause wirkte Labbadia noch optimistisch und frisch.

Aber 14 Tage beim VfL Wolfsburg zehren an Kräften und Seele. Bei seinem Heimdebüt verlor Labbadias Team in der Vorwoche 1:2 gegen Leverkusen, der Trainer wurde sogar von VfL-Fans verhöhnt. Und am Samstag, nach dem 0:3 in Hoffenheim, wirkte Labbadia schon gealtert, obwohl er gerade mal drei Wochenenden dabei ist. Statt Aufbruchsstimmung herrscht auch unter Labbadia Angst vor dem Absturz. Die wenigen mitgereisten Fans hängten in Hoffenheim schon zehn Minuten vor dem Abpfiff ihre Banner ab, nach dem Abpfiff warteten sie, bis sich Spieler und Trainer zu ihnen in die Kurve aufmachten - um diesen dann den Rücken zuzukehren und das Stadion zu verlassen.

"Wenn man über das Fußballspielen kommt, verliert man eher das Selbstvertrauen, als wenn man über das Zweikampfverhalten kommt", sagt Labbadia. "Das Problem dieser Mannschaft ist, dass viele Spieler über das Fußballspielen kommen, da kann man jetzt nicht anfangen rumzugrätschen." Der Trainer will "Ruhe bewahren" und "klar bleiben", was auch immer das nun heißen mag. Wer das Grätschen nicht beherrsche, so Labbadia, müsse über Ordnung und mannschaftliche Geschlossenheit kommen.

Doch in Hoffenheim lieferte die teuer zusammengestellte Mannschaft den Beweis, dass sie ein Rückstand sofort aus der Bahn wirft. Nach Nico Schulz' frührem Tor (18.) verlor sie komplett die Ordnung und bot dem Gegner Räume wie bei einem Trainingsspiel. Dass es in der ersten Halbzeit nur 0:1 stand, war aus Hoffenheimer Sicht ein schlechter Witz: Serge Gnabry scheiterte erst an der Latte (32.) und kurz danach an VfL-Kapitän Paul Verhaegh, ebenso wie Andrej Kramaric (33.).

Die letzten 30 Minuten der ersten Halbzeit zeigten eindrücklich, dass der Begriff mannschaftliche Geschlossenheit und der VfL Wolfsburg gerade eher wenig miteinander zu tun haben. Zwar stehen womöglich starke Einzelspieler auf dem Platz - aber keine Mannschaft. Er habe mit sich gekämpft, aber dann doch eine "unliebsame Auswechslung" noch vor der Pause getätigt, erzählte Labbadia. Die Leistung von Divock Origi wird von Woche zu Woche schlechter, den vom FC Liverpool ausgeliehenen Belgier holte Labbadia drei Minuten vor der Halbzeit runter.

Die Entscheidung von Sportdirektor Olaf Rebbe, Mario Gomez im Winter zum VfB Stuttgart ziehen zu lassen und auf Origi im Angriff zu setzen, wirkt in diesen Tagen immer absurder. Seltsam äußerte sich Rebbe zur Leistung Origis: "Das war nicht das, was wir mit ihm unter der Woche vereinbart haben", sagte Rebbe, dem ansonsten nur Durchhalteparolen über die Lippen kamen. Rebbe will nun "die Dinge hinter verschlossenen Türen ansprechen". In Wolfsburg wirken alle hilflos: der Trainer, die Spieler und der Sportdirektor, der diese Mannschaft zusammengestellt hat.

Es passte zum Wolfsburger Auftritt in Baden, dass der für Origi eingewechselte Josip Brekalo schon in Minute 54 wieder verletzt vom Feld musste (Verdacht auf Gehirnerschütterung). Dabei brachte der Kroate kurzfristig Belebung ins träge Spiel. Doch nach dem 2:0 des starken Gnabry (77.) war die Partie entschieden. Das dritte Gegentor war dann die slapstickartige Zuspitzung des Wolfsburger Auftritts: Statt zu klären, schoss Robin Knoche den Kollegen Josuha Guilavogui an - der Ball prallte vom Franzosen ins eigene Tor.

Der einzige Trost für den VfL ist momentan, dass er wegen des besseren Torverhältnisses gegenüber Mainz 05 immer noch auf dem 15. Tabellenrang steht. Schon im Vorjahr gelang der Klassenverbleib erst nach zwei Relegationsspielen gegen Braunschweig. Es kann gut sein, dass es für den VfL erneut zwei Zusatzpartien braucht. Labbadia gibt sich nach drei Spielen mit nur einem Punkt und wenig hoffnungsvollen Eindrücken keinen Illusionen hin, er sagt: "Wir müssen uns unsere Erfolgserlebnisse hart erarbeiten." Nächste Woche, gegen die Ergebnispragmatiker vom Tabellenzweiten aus Schalke, wird das sehr schwer.