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WM-Qualifikation:In die Tiefe des Raumes

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Danke, Trainer, danke, Stürmer! Joachim Löw (links) und Timo Werner wissen, was sie aneinander haben.

(Foto: Robin Rudel/imago)

Das fehlende Puzzlestück: Timo Werner beendet beim 6:0 gegen Norwegen endgültig die leidige Stürmerdebatte. Durch seinen speziellen Angriffsstil könnte der junge Leipziger das Spiel der Nationalmannschaft verändern.

Da oben saß er nun also und sah gar nicht furchterregend aus. Timo Werner, schwarzes T-Shirt, schwarze Hose mit Löchern, Bart-Andeutung, schaute recht bescheiden drein in der Pressekonferenz und flankierte diesen Blick mit bescheidenen Sätzen. Kleine Hörprobe: Der Applaus des Publikums bedeute ihm "sehr viel, weil es hier in der Heimat war, wo ich groß geworden bin". Es freue ihn "doppelt, dass ich es so zurückzahlen konnte". Und Deutschland habe "so viele gute Stürmer".

Werner, 21, sah nicht aus, als würde er heucheln, alles in allem wirkte er wie ein junger Mann, bei dem man keine größeren Bedenken haben sollte, wenn die Tochter plötzlich so einen als Freund mitbringt (außer den Löchern in der Hose natürlich). Ein Satz reichte dann aber, um den vorbildlichen Eindruck zu zerstören: Nein, sagte Werner, "als Stürmer Nummer eins würde ich mich nicht bezeichnen".

Und das war nun leider der Beweis: Der junge Mann schwindelt.

Man wird das 6:0 (4:0) der Nationalmannschaft gegen oberligaartige Norweger nicht mal bis in die Tiefe analysieren müssen, um Timo Werner der (selbstverständlich gut gemeinten) Unwahrheit zu überführen. Allein seine Aufstellung war ja ein Statement: Natürlich hätte Bundestrainer Löw gegen die üblicherweise mit robustem Mandat ausgestatteten Norweger auch den körperlich gleichberechtigten Mario Gomez bringen können oder den Gladbacher Lars Stindl, zu dessen Fähigkeiten es gehört, sich listig zwischen robusten Mandatsträgern hindurchzuschleichen.

Wäre wahrscheinlich auch gegangen, einerseits. Andererseits: Warum hätte Löw das tun sollen, wo er doch jetzt diesen bescheidenen Flunkerer hat?

Zwei Tore hat Werner zum hymnischen 6:0 beigesteuert, gegen ein norwegisches Team, das sein Mandat offenbar in der Heimat vergessen hatte. Es ist nach solchen Ergebnissen ja die ewige Frage: Waren die einen so gut oder die anderen so schlecht? In diesem Fall musste die Frage lauten: Führten die Norweger von sich aus keine Zweikämpfe, vielleicht, weil sie plötzlich keine Lust mehr hatten oder ihnen der Teamarzt neuerdings eine Zweikampfunverträglichkeit attestiert? Oder kamen sie gar nicht zum Zweikämpfen, weil unter anderem dieser neue, junge Stürmer mit derart brachialem Tempo über sie hereinbrach?

Deutschland - Norwegen

Er prophezeit Timo Werner eine große Karriere, das hindert ihn aber nicht daran, auch noch selbst zu treffen: Mario Gomez erzielt das 6:0.

(Foto: Andreas Gebert/dpa)

Seit Löw die Geschäfte verantwortet, steht die DFB-Elf grundsätzlich im Ruf des Pedikürefußballs, sie spielt an ihren guten und sehr guten Tagen schnell und effektiv, aber vor allem spielt sie fein und gepflegt. Wer sich DFB-Spiele nur aus solch ästhetischen Gründen anschaut, hat ab sofort zwei Möglichkeiten: Entweder er schaut nur noch auf Mesut Özil. Oder er liest den Beipackzettel, der zu Länderspielen künftig gereicht werden muss: Achtung! Kann Spuren von Brutalität enthalten.

Werner mache "das, was dem Gegner extrem wehtut", schwärmte später der grundsätzlich pazifistisch eingestellte Bundestrainer, "er hat einen brutalen Zug zum Tor und eine brutale Schnelligkeit. Das ist extrem schwer zu verteidigen". Neben der geradezu herausragenden ersten Halbzeit steckten für Löw zwei zusätzliche Freudenbotschaften in diesem Spiel. Erstens dürften sich mit jedem weiteren Entwicklungsschritt, den Timo Werner, vorzugsweise sprintend, zurücklegt, die sogenannten Sturmsorgen zunehmend erledigen. Vor allem aber könnte dieser Spieler im Idealfall mehr werden als nur das letzte fehlende Puzzlestück: Timo Werner könnte das Spiel der Nationalmannschaft verändern.

"Timo wird die nächsten zehn Jahre im Sturm dominieren, wahrscheinlich auch in Europa."

Ein kleiner Rückblick in die 40. Spielminute: Die deutsche Mannschaft hat in der eigenen Hälfte den Ball, links hinten, selbstverständlich ein komplett ungefährlicher Raum. Auf Höhe der Mittellinie - ebenfalls noch ein ungefährlicher Raum - zieht Timo Werner einen Sprint an, den man erstens können, aber zweitens schon auch wollen muss. Tatsächlich erreicht ihn der Ball, Werner kontrolliert ihn, dreht eine Pirouette und spielt rüber zu Joshua Kimmich, der Thomas Müller am rechten Flügel findet. Müller schlägt eine Flanke vors Tor, Höhe Elfmeterpunkt, Timo Werner springt hoch und köpft den Ball zum 4:0 ins Netz.

Wie Timo Werner so schnell von da noch dort gekommen war? So wie er halt meistens von da nach dort kommt: sprintend.

Für Freunde intelligenter Unterhaltung enthielt dieses Tor eine seltene Kostbarkeit, die Flanke von Müller sah aus wie eine ganz normale gelungene Aktion eines ganz normalen Fußballers, das hat man bei diesem schrägen Kerl auch noch nicht oft erlebt. Aber die wahre Geschichte dieses Tores war, dass es sich um ein neues Tor handelte: um eines, das diese Nationalelf bisher nicht geschossen hätte. Hätte Timo Werner am Mittelkreis nicht diesen Sprint angezogen, hätte es weder die darauffolgende Szene noch das Tor jemals gegeben.

"Timo läuft ständig steil und quer, das ist für unser Kombinationsspiel sehr gut", sagt Löw. Werners Art, das Spiel zu spielen, erfrischt auch Spieler wie Mesut Özil neu, die nun "auch wieder Bälle hinter die Abwehr spielen können", wie Löw genüsslich analysierte. Werner ist dabei, eine historische Präposition im DFB-Spiel zu verändern. Aus der Tiefe des Raumes, das war einmal, jetzt spielt Deutschland in die Tiefe des Raumes. Die Elf dürfte dank Werner unspanischer werden, steiler.

"Timo wird die nächsten zehn Jahre in Deutschland im Sturm dominieren, wahrscheinlich auch in Europa, wenn er einfach weitermacht wie bisher", sagt Mario Gomez, der sich offenbar kaum mehr als Rivalen begreift. Stürmer haben ein gutes Gespür für andere Stürmer, und Gomez fühlt wohl, dass da ein junger Kollege kaum aufzuhalten ist. "Bei Timo habe ich keine Bedenken", sagt Gomez, "er ist so klar in der Birne und macht das grandios."

Im Sommer 2016 hat die DFB-Elf ein ästhetisches Spiel gespielt, gegen Frankreich im EM-Halbfinale, aber Gomez war verletzt, es gab keinen Sturm, keinen Druck und am Ende eine Niederlage. Ein Jahr später hat sich für Löw die Welt verändert: Er hat nun plötzlich das komplette Repertoire. Er hat Stürmer für Zwischenräume (Stindl), für hohe Bälle (Gomez) und bald auch wieder für flache Bälle in den Fuß (Mario Götze). Und er hat diesen tiefenscharfen Timo Werner, dem bald egal sein dürfte, wer vor, neben oder mit ihm stürmt.