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WM 2011 und die Folgen:Ballack, der Helfer des Frauenfußballs

Schafft es der Frauenfußball nach dieser WM-Inszenierung, sich durchzusetzen? Wahrscheinlich nicht, denn ihm fehlt etwas Entscheidendes: das Gedächtnis. Er hat keine Klassiker, keine Mythen, keine Helden. Doch ausgerechnet eine Entwicklung im Männerfußball gibt Anlass zu Hoffnungen.

"The beautiful side of 20eleven", die schöne Seite des Jahres 2011, so lautete der Slogan, den der Weltverband Fifa und das deutsche Organisationskomitee für die gerade zu Ende gegangene Weltmeisterschaft konzipiert hatten. Mehr als zehn Stunden sollen die überwiegend männlichen Experten aus den Vorstandsetagen des Fußballs übrigens getagt haben, um ein Motto zu finden, das in der Lage ist, "den einzigartigen Charme des Frauenfußballs zu übermitteln", wie DFB-Präsident Theo Zwanziger sagte.

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Dem gegenwärtigen Frauenfußball täten einige Führungsfiguren mehr (im Bild Deutschlands Sechserin Simone Laudehr) durchaus gut. Doch dass heutzutage selbst im Männerfußball "Leitwölfe" wie Michael Ballack nur noch eine unbedeutendere Rolle als früher spielen, ist für den Frauenfußball eine gute Nachricht.

(Foto: AFP)

Der Slogan hat eine verstecke Botschaft: Wie in anderen typischen Männer-Sportarten auch, dem Boxen etwa, wird von fußballspielenden Frauen erwartet, ihre Weiblichkeit zu bewahren. Zwar versuchen Klubmanager seit den neunziger Jahren, den Fußball als geschlechtsneutral zu etikettieren, um ihren Kundenkreis zu erweitern. Jedoch muss man weiterhin Frauenfußball sagen, wenn man den von Frauen gespielten Fußball meint. Wer von Fußball spricht, bezieht sich selbstredend auf den Männersport.

Vor diesem Hintergrund hatte es die Frauen-WM ohnehin schwer, zum erhofften zweiten Sommermärchen zu werden - unabhängig vom Abschneiden der deutschen Mannschaft. Dennoch markiert dieses Ereignis einen wichtige Schritt in der Geschichte des Frauenfußballs: Wenn favorisierte Teams bereits in der Vorrunde (Norwegen) oder im Viertelfinale (Deutschland) gegen vermeintliche Außenseiter scheitern, ist das eine neue Qualität. Der Frauenfußball ist unberechenbarer geworden.

Auch deshalb begeisterte sich das Publikum für dieses Turnier, als die deutsche Elf schon ausgeschieden war. Es wird sich aber zeigen, ob es sich dabei um ein bloßes Eventpublikum handelte. Im Kontrast zum WM-Spektakel nämlich sieht nicht nur der Alltag in der deutschen Frauen-Bundesliga trist aus. Selbst bei der Übertragung des Finales in der Champions League der Frauen zwischen Turbine Potsdam und Olympique Lyon im Mai dieses Jahres blieben die Fußballkneipen leer. Liegt die weibliche Zukunft des Fußballs, die Fifa-Boss Sepp Blatter einst kühn visionierte, in weiter Ferne?

Eine vielzitierte Ausnahme ist der aktuelle WM-Zweite und Weltmeister von 1991 und 1999 USA. Ähnlich wie in China und Norwegen konnte sich der Frauenfußball hier frühzeitig etablieren, weil die Fußballmänner in der nationalen Sportkultur ohnehin nur eine zweitrangige Rolle spielten - neben den "großen Vier" des nordamerikanischen Sports: Baseball, American Football, Basketball und Eishockey. Die Frauen besetzten also eine Nische. Allerdings gibt es keinen erfolgreichen professionellen Ligabetrieb. Nur einige prominente Spiele des Nationalteams lassen sich dem amerikanischen Publikum auch weiterhin gut verkaufen.

Die fehlende Zutat

In unserer westeuropäischen Sportkultur, in der Fußball derart im Zentrum steht und mit Männlichkeit assoziiert ist, wird es der Frauenfußball noch schwerer haben, sich durchzusetzen. Ihm fehlt ein entscheidende Zutat: Er hat keine eigene Kultur des Zuschauens und des Mitleidens, er ist ohne Klassiker und eigene Mythen, er besitzt kein eigenes Gedächtnis.

Das Spielgeschehen des Männerfußballs gehört zu einer symbolischen Welt voller Andeutungen, Erzählungen und Geschichten. Große Fußballspiele fügen sich in einen Raum kollektiver Erinnerungen, die von Spielernamen und Spielstätten, Spielzügen und Gesten wachgerufen werden können. Fußballpartien sind stets mehr als Ergebnisse. Sie zeigen den Fans immer auch etwas, das nicht mehr ist, etwas Unsichtbares, Verborgenes, das bereit steht, um jäh heraufbeschworen zu werden.

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