Volleyball:Hammer, Schorsch!

Frankreich - Deutschland

Abschied mit Schmerzen: Auch Georg Grozer (schwarzes Trikot) konnte bei seinem vorerst letzten Auftritt im Nationaldress nicht verhindern, dass die deutsche Auswahl gegen Frankreich die Olympia-Qualifikation verpasste.

(Foto: Andreas Gora/dpa)

175 Länderspiele sind nicht genug: Georg Grozer gibt bei der Europameisterschaft im September sein Comeback in der Volleyball-Nationalmannschaft - mal wieder.

Von Sebastian Winter, München

Wer Georg Grozer bei seinem letzten Auftritt im Trikot der deutschen Volleyballer erlebte, der verspürte fast ein wenig Mitleid. Im Januar 2020 war das, der "Hammerschorsch", wie sie ihn in der Szene rufen, hatte die DVV-Auswahl mit seiner Urgewalt in Berlin ins Finale der Olympia-Qualifikation geführt, trotz lädierter Wade. Im Entscheidungsspiel gegen Frankreich sprang Grozer gleich zu Beginn auf den Fuß eines Gegners, wand sich am Boden, rappelte sich wieder auf, kämpfte, hatte aber nicht mehr genügend Kraft. Der Traum von Olympia zerplatzte, Grozer trat im Anschluss aus der Nationalauswahl zurück, wie schon nach der EM 2017 einmal, und weinte mit seinen beiden Töchtern. "Danke. Danke, dass er so viele Bälle versenkt hat. Es war mir eine Ehre und Freude, ihm die Bälle zuzuspielen", sagte Kapitän Lukas Kampa damals.

"Ich habe die Jungs bei der Volleyball-Nations-League spielen sehen und sofort wieder das Kribbeln gespürt", sagt Grozer

175 Länderspiele sind aber offenbar nicht genug für den Diagonalmann, dessen harte Sprungaufschläge und Angriffe seit mehr als einem Jahrzehnt ein Hingucker sind, nicht nur im deutschen Team. Und so gibt Grozer, der im November 37 wird, bei der Europameisterschaft im September sein Comeback - mal wieder. "Ich habe die Jungs bei der Nations League spielen sehen und sofort wieder das Kribbeln gespürt", sagte Grozer, die anfangs eher scherzhaften Gespräche mit den früheren Teamkollegen mündeten in immer ernsthaftere Gedankenspiele mit Bundestrainer Andrea Giani. Der Italiener hielt Grozer ohnehin immer für ein entscheidendes Puzzleteil in seinem Team. "Seinen Wert für die Mannschaft kann man gar nicht hoch genug einschätzen", findet auch Sportdirektor Christian Dünnes.

Grozer hat eine enorme Präsenz auf dem Feld, in seinen besten Spielen hat er manche Gegner fast alleine besiegt. Wenn man so will, ist er nach wie vor das einzige deutsche Volleyball-Aushängeschild, eine Figur, mit der sich werben lässt. Längst ist Grozer aus seiner Heimatstadt Moers nach Ungarn gezogen, in ein Haus mit Poker- und Roulettetisch, Spielautomaten und Heimkinoanlage in einem Corvette-Spoiler. Auch eine beleuchtete Regalwand mit 200 Bacardi-Flaschen gibt es dort in seinem Männerzimmer, wie er einmal im SZ-Interview erzählt hat. Ein bisschen Machismo gehörte bei Grozer immer dazu.

Zugleich spielt der Familienmensch, der einst seinem schlaggewaltigen Vater Georg nacheiferte, seit einem Jahrzehnt im Ausland - und gewann auf Klubebene alles, was es zu gewinnen gibt: Nationale Meistertitel und Pokalsiege in Polen, Russland und China waren dabei, mit dem russischen Verein Lokomotiv Belgorod holte er 2014 den Champions-League-Titel und die Klub-WM. Auch der DVV-Auswahl verhalf Grozer zu einigem Ansehen, 2012 wurde er mit ihr Olympia-Fünfter, 2014 WM-Dritter, 2017 EM-Zweiter. Derzeit ist die Mannschaft im Umbruch, in der Nations League im Frühsommer zeigte sie schwankende Leistungen. Sie kann den Haudrauf bei den EM-Gruppenspielen in Estland gegen den Gastgeber, Lettland, Frankreich, die Slowakei und Kroatien also gut gebrauchen.

Die in einer Woche in Kienbaum startende Vorbereitung für die Vier-Länder-Europameisterschaft in Estland, Polen, Tschechien und Finnland macht Grozer noch nicht mit (wie der am Knie operierte Zuspieler Kampa), bei den weiteren Lehrgängen ab dem 5. August ist der Zwei-Meter-Mann aber dabei. Die vergangene Saison bei seinem neuen Verein in Piacenza sei nicht einfach für ihn gewesen, sagt Grozer, im Winter hatte ihn eine Corona-Infektion hart getroffen. "Körperlich muss ich noch zulegen und trainiere aktuell in der Heimat an meinem Comeback. Im August werden wir dann sehen, ob es für die Teilnahme bei der EM reicht." Wer Grozer kennt, weiß, dass ihn wohl nur eine Verletzung bremsen kann.

© SZ/jkn
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