VfB Stuttgart:Zwei Meter über Normalnull

1:1 Sasa Kalajdzic (VfB Stuttgart), der VfB jubelt / 1. BL; VfB Stuttgart - Bayer 04 Leverkusen, 3. Spieltag, Saison 20

Hoch gewachsen, hoch gesprungen: Der Österreicher Sasa Kalajdzic beim 1:1-Ausgleich für den VfB.

(Foto: Eibner/imago images)

Die Aufsteiger haben im wahrsten Sinne des Wortes ein Riesen-Talent in ihren Reihen: Nun darf auch die Bundesliga Stuttgarts österreichischen Angreifer Sasa Kalajdzic kennenlernen.

Von Christof Kneer, Stuttgart/München

Sein erstes Tor in der Bundesliga war sein schönstes bisher. Sasa Kalajdzic zog einen Sprint an und riss eine Lücke in die Abwehr des SC Freiburg, Daniel Didavis Steilpass traf die Lücke genau, und Kalajdzic hob den Ball aus 16 Metern über den heraus eilenden Torwart, mit links. Das war vor zwei Wochen. Sein zweites Tor in der Bundesliga erzielte er mit rechts, gegen Mainz stoppte er sich den Ball mit der Brust aus der Luft herunter, drehte sich und traf ins Eck. Das war vor einer Woche. Bei seinem dritten Tor kam ein seitlicher Freistoß in den Strafraum geflogen, Kalajdzic sprang hoch und musste fast ein wenig den Kopf einziehen, um an den Ball zu kommen - ist ja alles nicht so einfach, wenn man zwei Meter groß ist. Sicherheitshalber köpfte er den Ball dann mal ins Tor (76.). "In Richtung zweite Stange" sei er eigentlich gelaufen, sagte der Österreicher, "und dann ist mir der Ball perfekt auf den Kopf gefallen." Das war an diesem Wochenende, beim 1:1 des VfB Stuttgart gegen Bayer Leverkusen.

Die Bundesliga hat schon viele interessante Spieler erlebt, auch am Traditionsstandort Stuttgart, wo sie sich auf Aufzucht und Hege spannender Exemplare durchaus mal gut verstanden haben (es gab allerdings auch Zeiten, da haben sie erhebliche Teile des Vereinsvermögens für Spieler namens Kuzmanovic, Pogrebnjak oder Marica aufgewendet). Unter dem aktuellen Sportchef Sven Mislintat haben sich die Stuttgarter nun aber wieder so demonstrativ aufs Perlentauchen verlegt, dass man mit den Perlen mitunter ganz durcheinander kommt. So raste gegen Leverkusen plötzlich der 19-jährige Franzose Tanguy Coulibaly rührend übereifrig den Flügel auf und ab, ein Talent, das in der Zweitliga-Saison keinerlei Rolle gespielt hatte. Die Woche zuvor war Mateo Klimowicz aufgefallen, auch er kam in der ersten Liga bisher besser zur Geltung als gegen Wehen in der zweiten. Das wird eine der vielen Herausforderungen für Trainer Pellegrino Matarazzo werden: die noch recht kuriosen Entwicklungs- und Formkurven der vielen Talente so zu moderieren, dass immer die jeweils Richtigen spielen.

Aber der Außergewöhnlichste von allen ist gewiss Sasa Kalajdzic, und das beginnt schon mit der Frage, in welche Gruppe er eigentlich gehört: Ist er mit 23 noch ein Talent, weil er in der vorigen Saison aufgrund einer schweren Knieverletzung mindestens ein Karrierejahr verloren hat? Oder gehört er bereits zu jenen Jüngstroutiniers, die sich fürs Spiel verantwortlich fühlen müssen, wie der Torwart Gregor Kobel, 22, wie die Verteidiger Marc-Oliver Kempf, 25, und Waldemar Anton, 24, oder wie der Flügelspieler Silas Wamangituka, bald 21, der schon viel zu prägend fürs Spiel sein kann, um noch ein reines Talent sein zu dürfen?

Beim VfB waren sie selbst nicht ganz sicher, was sie Kalajdzic schon zutrauen und zumuten können, und natürlich ist den Verantwortlichen daran gelegen, dass jetzt keine irren Hochrechnungen angestellt werden. Dass Kalajdzic nach drei Spieltagen drei Tore geschossen hat, heißt nicht, dass es nach 34 Spieltagen 34 sein werden. "Seine Qualitäten tun uns gut", sagt Mislintat, "aber er ist noch jung, er war ein Jahr raus. Er kann nach der langen Verletzungszeit noch nicht bei voller Leistungsstärke sein."

Wie weit das mit Kalajdzic noch geht, ist auch deshalb so schwer einzuschätzen, weil es mit so einem Spielertypen so wenig Erfahrungen gibt. Das gibt es nicht so oft: riesenhafte Mittelstürmer, die gute Techniker und eigentlich eher Vorbereiter als Torjäger sind; die Tore mit rechts, links und dem Kopf erzielen; die zwei Meter hohe Bälle mit der Brust weiterpassen; die sich ducken müssen, um Flugbälle zu erreichen, nach denen andere springen müssen.

Vor einem Jahr hat Mislintat sehr um Kalajdzic gekämpft, er hat ihn trotz Konkurrenz für 2,5 Millionen aus Mödling geholt. Der Plan war, dass das Riesen-Talent den VfB in die erste Liga schießt. Dann kam die Verletzung. Jetzt soll Kalajdzic zwei Meter über Normalnull dazu beitragen, dass der VfB in dieser ersten Liga bleibt.

© SZ vom 05.10.2020
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