US-Sport Macht den Untergebenen

Beide sind Helden: Philadelphias Quarterback Nick Foles und Trainer Doug Pederson.

(Foto: Richard Mackson/USA TODAY Sports)

Doug Pederson, Gregg Popovich, Steve Kerr: Zahlreiche Trainer im US-Sport übertragen ihren Akteuren mehr Verantwortung - und widersprechen einem Trend.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Doug Pederson wartet zwei Sekunden, dann sagt er: "Yeah, let's do it!" Es ist der wichtigste Moment im wichtigsten Spiel des Jahres, und der Trainer der Philadelphia Eagles überlässt die Wahl des Spielzugs seinem Aushilfs-Spielmacher Nick Foles. Der schlägt kurz vor der Halbzeitpause im Super Bowl gegen die New England Patriots nicht irgendwas vor, sondern den kniffligen, riskanten Trickspielzug Philly Special. Pederson sieht Foles kurz verdutzt an, blickt auf sein Taktikblatt und nickt: "Ja, lass uns das mal tun!"

Sie haben lange darüber diskutiert in den Vereinigten Staaten, wem die Rolle des Heroen in dieser Geschichte gebührt: Foles, der in diesem Moment nicht nervös herumeiert, sondern, so nennen das manche in den USA, Eier aus Stahl präsentiert - oder Pederson, der die womöglich bedeutsamste Entscheidung seiner Karriere nicht autoritär an sich reißt, sondern vertrauensvoll seinem Untergebenen überlasst. Die für US-Sportdebatten überraschend einstimme Antwort: Beide sind Helden.

"Das ist nicht meine Mannschaft, sondern die der Spieler."

Es tut sich gerade was im US-Sport, in diesem Biotop aus egozentrischen Spielern und sich selbst viel zu wichtig nehmenden Trainern. Am vergangenen Montag trieb Steve Kerr das Prinzip des Loslassens auf die Spitze: Der Trainer des Basketballklubs Golden State Warriors übergab bei der Partie gegen die Phoenix Suns die Verantwortung komplett seinen Spielern. Andre Iguodala übernahm das Einwerfen, JaVale McGee die Videoanalyse, Steph Curry und David West die Ansprache vor der Partie. Der verletzte Draymond Green gab den Trainer während der Partie, Kollegen wie David West entwarfen während der Auszeiten (bisweilen gar schreckliche) Spielzüge. Das Ergebnis: Die zuletzt eher lustlos wirkenden Warriors gewannen 129:83.

"Ich habe die Spieler in letzter Zeit nicht mehr erreicht", sagte Kerr nach der Partie: "Die können meine Stimme nicht mehr hören. Ich kann meine Stimme nicht mehr hören. Was man als Trainer kapieren muss: Das ist nicht meine Mannschaft, sondern die der Spieler. Die bestimmen letztlich, was passiert. Sie müssen Verantwortung übernehmen - das können sie aber nur tun, wenn man ihnen Verantwortung überlässt."

Wie viele Trainer auf der Welt so etwas wohl sagen?

Es ist wichtig zu wissen, dass Kerr nicht in der Reihe gestanden hat, an deren Ende die Natur sogenannte Eier aus Stahl verteilte - wahrscheinlich deshalb, weil er gerade zum zweiten Mal dort anstand, wo Basketball-Intelligenz vergeben wurde. Er ist ein Trainer, der über die beiden Titel in den vergangenen drei Spielzeiten sagt: "Diese Mannschaft kann jeder trainieren, die wahre Arbeit machen ohnehin meine Assistenten." Er ist ein Trainer, der selbst ein herausragender Drei-Punkte-Werfer war und nun seinem Starspieler Steph Curry gesteht: "Was ich an Dir mag: Du triffst nur zwei von elf Würfen - und haust einen Versuch aus 20 Metern raus. Ich wünschte, ich hätte Dein Selbstvertrauen."

Gewiss, es hat in der Geschichte des Sports schon immer Spielversteher und Spielerversteher gegeben, autoritäre Generäle und geduldige Zuhörer. Es hatte jedoch in den vergangenen Jahren den Anschein, als tue sich ein tiefer Graben zwischen Akteuren und Trainern auf: Der Spieler muss zur Sicherung seiner Spielzeit die Klappe halten, darf jedoch unter Zuhilfenahme der immer einflussreicheren Spielerberater einen Wechsel forcieren und sich danach heftig über den ehemaligen Vorgesetzten beschweren. Das war beim Ablauf der Wechselfrist in der NBA zu beobachten, als knapp 100 Prozent aller Fortgeschickten noch einmal gegen den einstigen Trainer nachtraten.

Die Entscheidungen von Pederson und Kerr sind keine Einzelfälle: Gregg Popovich, Mentor von Kerr, holte am Samstagabend beim Spiel seiner San Antonio Spurs gegen die Warriors den Spieler Patty Mills und drei Assistenten zu sich: "Wer glaubt, dass Mills es schafft, sich nicht gleich ein drittes Foul abzuholen, der möge die Hand heben." Vier Hände gingen nach oben, Popovich sagte: "Okay, Du bleibst drin." Die Antwort von Mills: "Danke für das Vertrauen, Leute." Mills leistete sich in der gesamten restlichen Partie nur noch ein Foul.

Und es gibt Gerard Gallant, Trainer der kürzlich gegründeten Eishockey-Franchise Las Vegas Golden Knights. Der meidet die Umkleidekabine wie der Teufel das Weihwasser, damit die Spieler dort unter sich sind und etwaige Probleme selbst lösen. Und sollte sich jemand wundern, warum die vier besten Außenstürmer Jonathan Marchessault, James Neal, Reilly Smith und David Perron jeweils auf den für sie eher ungünstigen Flügeln spielen, dem antwortet Gallant: "Die Spieler haben darum gebeten, also haben wir es probiert." Die Golden Knights brechen gerade sämtliche Rekorde für neue Mannschaften in der NHL, haben die zweitmeisten Punkte in der gesamten Liga und gelten als ernstzunehmender Titelkandidat.

Vielleicht würden sich Profisportler bisweilen weniger wie Kinder benehmen, wenn man sie wie erwachsene Menschen behandeln und sie in wichtige Entscheidungen einbinden würde. Wenn man wie Kerr sagt: "Man kann Spieler in die richtige Richtung schubsen, darf sie aber nicht kontrollieren." Einen Versuch ist es, wie der Erfolg all dieser Trainer zeigt, auf jeden Fall wert.