Uruguay:Der Tröster im Maracanã

"Wir sind ein Land, das Fußball atmet": Uruguay fordert mit Angreifer Edinson Cavani den Titelverteidiger Chile bei der Copa América heraus. Kraft schöpft das Team aus der eigenen Geschichte.

Von Javier Cáceres, Rio de Janeiro

Es gab ein Leben vor dem 7:1 der deutschen Nationalelf in Belo Horizonte gegen Brasilien, ein Jahrfünft ist es her. Und es gab in diesem Leben ein Spiel, das sich in das Gedächtnis der Menschen mindestens ebenso eingebrannt hat wie der Halbfinalsieg des Weltmeisterteams von 2014. Sogar ein Wort schöpfte dieses Spiel: "Maracanazo", weil es sich, im Juli 1950, im Estádio Maracanã zutrug und eine gewaltige Menschenmenge in Stille erstarren ließ. "Nur drei Menschen haben das Maracanã zum Schweigen gebracht: der Papst, Frank Sinatra und ich", pflegte Alcides Ghiggia zu sagen, der in jener letzten Partie der WM 1950 (es gab damals kein Endspiel, sondern eine Endrunde), das 2:1-Siegtor erzielte. Uruguay entriss Brasilien damit den sicher geglaubten WM-Titel und generierte einen makabren Vergleich in einer brasilianischen Zeitung: "Unser Hiroshima."

Am Montag kehrt Uruguay in das Maracanã zurück. Diesmal geht es nicht um eine WM, sondern um ein Gruppenspiel der Copa América; der Gegner heißt nicht Brasilien, sondern Chile; kurzum: Es dürfte, wie das Spiel auch ausgeht, für kaum einen Menschen der Welt einen Anlass geben, in der Geschichte der Massenvernichtungswaffen nach Analogien zu suchen. Und dennoch ist es etwas Besonderes, wenn ein uruguayisches Team das Stadiontor des Maracanã kreuzt. Man konnte es im Gesicht von Stürmer Edinson Cavani ablesen, als er vor dem Spiel zur Pressekonferenz erschien. "Wenn man über das Maracanã spricht, füllt sich der Kopf mit einem besonderen Gefühl", sagte Cavani. "Es ist die Geschichte unseres Landes. Und unseres Fußballs!"

Copa America Brazil 2019 - Group C - Uruguay v Japan

Der Mann mit der Mähne eines Guerilleros : Edinson Cavani grätscht, auch wenn das Spiel wie jenes gegen Japan längst gewonnen ist.

(Foto: Ueslei Marcelino/Reuters)

Chiles Trainer Reinaldo Rueda hält Uruguay für das beste Team Südamerikas, und das ist alles andere als Koketterie vor dem Duell, in dem es um den Sieg in der Gruppe C der Copa América geht. Diese Stärke erwächst auch aus dem Geschichtsbewusstsein der Uruguayer, aus den Geschichten und Legenden, die sich aus bislang 15 Copa-América-Titeln speisen (letztmals 2011), aus zwei Weltmeisterschaften (1930 und 1950) und aus olympischem Gold, als die Spiele noch WM-Charakter hatten (1924, 1928). Und Cavani steht für eine Generation, die die atemberaubende Geschichte eins Landes, das kaum mehr Einwohner hat als Berlin, fortsetzen will.

Gegen Chile wird Cavani sein 113. Länderspiel bestreiten und damit an Diego Forlán vorbeiziehen, dem besten Spieler der WM 2010. Mehr Tore als Forlán (36) hat Cavani schon länger: Gegen Ecuador erzielte er bei seinem vierten Copa-América-Einsatz seinen 47. Länderspieltreffer. Seine Tore schoss Cavani allesamt unter dem seit 2006 amtierenden Trainer Óscar Washington Tabárez, der wirklich mal der "Maestro" war, als der er bis heute angesprochen wird: ein Lehrer. Auch, weil er die Geschichte lebendig hält, die in Uruguay mit der Muttermilch aufgenommen wird.

Kantersieg mit Firmino-Tor

Gastgeber Brasilien hat bei der Copa América als Sieger der Gruppe A das Viertelfinale erreicht. Im "Endspiel" um den Spitzenplatz kam die Seleção gegen Peru in Sao Paulo zu einem 5:0 (3:0)-Kantersieg. Die Peruaner rutschten noch hinter Venezuela, das 3:1 gegen Schlusslicht Bolivien gewann, auf Platz drei zurück. Damit steht auch Venezuela sicher im Viertelfinale, Peru könnte als einer der beiden besten Gruppendritten ebenfalls dabei sein. Für Brasilien, das zuvor nur 0:0 gegen Venezuela gespielt hatte, trafen Casemiro (12.), der Liverpooler Roberto Firmino (19.) und Everton (32.) vor der Pause, sowie Dani Alves (53.) und Willian (90.). Gabriel Jesus (90.+3) vergab am Ende noch einen Elfmeter. SID

"Das erste, was einem eingetrichtert wird, sobald man Leidenschaft entwickelt, den Fußball lieben lernt, ist die Geschichte unseres Landes", sagt Cavani. "Wir sind ein Land, das Fußball atmet. Und Turniere wie die Copa América sind Momente, in denen alle vereint sind, wo es nichts gibt, was uns trennen könnte, keine Politik und keine Farben. Und die Geschichte des Maracanã ist etwas, das dabei besonders unterstrichen wird."

Diese stete Erinnerung an das Einstige mag auch der Grund dafür sein, dass die Uruguayer sich etwas bewahrt haben, was an die Wurzeln des Sports zurück und zu einem nachgerade rührenden Aufopferungswillen führt: Es war erstaunlich, wie Cavani, der Stürmer mit der Mähne eines kubanischen Guerilleros, sich beim 4:0 gegen Ecuador in der Defensive aufrieb, als der Sieg längst sicher war. Die kriselnden Argentinier beschweren sich bei der Copa América über den Zustand des Rasens? Nicht Cavani: "Wir spielen hier nicht auf Bolzplätzen, auf denen wir alle mal angefangen und Schwierigkeiten überwunden haben, sondern in Stadien mit Historie." Nähe zu den Fans, die bei der Copa América von den meisten Teams gemieden wird, als röchen die Anhänger nach Schwefel? Kein Problem für Cavani: "Es ist eine Form von Dankbarkeit für die Wertschätzung." Am Samstag erzählte er, warum er beim 2:2 gegen Japan, bei dem er einen Elfmeter herausholte, sein Trikot einem Jungen schenkte, die Szene ging in Südamerika viral, wie man heutzutage sagt. Der Bub hatte als Einlaufkind vor Aufregung geweint; Cavani versprach ihm das Jersey, falls er aufhöre, Tränen zu vergießen. Zur Pause machte Cavani an der Tribüne Halt und löste sein Versprechen ein.

Von anderen Dingen lässt sich Cavani weniger leicht ablenken. Zum Beispiel von Spekulationen um seine Zukunft. Sein Vertrag bei Paris St.-Germain läuft im Sommer 2020 aus, das generiert natürlich Gerüchte über einen möglichen Wechsel nach England oder Brasilien - nach einer Saison, die für PSG "nicht so gut war wie erhofft". Trotz eines Trainers namens Thomas Tuchel, der "großen Ehrgeiz und Lust zeigt, dem Klub zu dem Wachstum zu verhelfen, das er anstrebt", wie Cavani findet.

Ob das auch auf Cavanis PSG-Kollegen Neymar Jr. zutrifft, ist die Frage. Er habe in Paris oft mit dem affärengeplagten Brasilianer gesprochen und diesen, so klang es jedenfalls, wohl gewarnt, dass er auf dem falschen Weg sei: "Das Beste wäre nun, den Ball wieder auf den Boden zu holen, durchzuatmen und nachzudenken, was vor sich geht, und dann eine Lösung zu finden. Es ist eine schwierige Lage für ihn. Aber er hat das Charisma und die Fähigkeit, um herauszukommen." Und um dann vielleicht sein Talent weiter auszuschöpfen, Kontinuierlichkeit und Beharrlichkeit zu zeigen. Denn, so hat es Cavani gelernt: "Geschichte schreibt man nur mit der Zeit."

© SZ vom 24.06.2019
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