bedeckt München
vgwortpixel

Deutsche Turner bei der WM:Es droht eine unangenehme Maßnahme

Auch musste er sich jeden Trainingseinsatz am Barren überlegen, damit er seine Dauerwunde in der Handfläche nicht wieder reizte - jene offenen Risse, die ihm seit Jahren zu schaffen machen. Der Barren ist im Grunde Nguyens bester Freund, doch zurzeit ist es eher ein Zweikampfgegner, auch weil sich Nguyen im Trainingslager noch eine Fingerverletzung hinzugezogen hatte.

Abwägen musste auch Reckspezialist Bretschneider, ob er seine Barrenübung doch noch verfeinert, oder ob er besser seinen Ringfinger schont. Die beiden sind nicht die Einzigen, die zwischen Erholung und Übung hin- und hergerissen waren - und Hirsch, der die Verantwortung fürs Ganze hat, musste abwägen, ob das alles überhaupt Sinn ergibt.

Doch die Alternative, jetzt langsamer zu machen und auf einen Nachrückerplatz für Rio zu setzen, wurde schnell verworfen. "Das will ich auf keinen Fall", sagt Nguyen. Denn damit würde eine weitere Kettenreaktion in Gang gesetzt, die in gewisser Weise auch schmerzt. Man müsste schon im Dezember das Training aufnehmen für den Testwettkampf, in dem sich im März jene Mannschaften messen, die in Glasgow nicht unter die besten Acht kommen. Weitere vier Nationen können sich im März qualifizieren, doch dann lohnt sich bis zu den Spielen keine Erholungsphase mehr, die Athleten wären wahrscheinlich erst recht geschlaucht. Und schließlich droht eine Maßnahme, vor der allen graut.

"Kienbaum statt Tannenbaum"

Im abgeschiedenen Sportzentrum Kienbaum, das irgendwo fern von Berlin im flachen brandenburgischen Hinterland liegt, würde bereits an Weihnachten trainiert, der Urlaub über die Feiertage entfiele. Turner fassen diese Situation unter dem Schlagwort "Kienbaum statt Tannenbaum" zusammen.

Damit es nicht so weit kommt, müssen die Athleten des Deutschen Turnerbundes in Glasgow früh in Topform sein. Sonst spitzen sich Weltmeisterschaften ja auch im Turnen erst mit den Finals zu, ein Jahr vor Olympia ist es umgekehrt. Außer den Topnationen wie Japan, China und Russland schielen alle auf die Olympia-Qualifikationstage zu Beginn. Für die deutschen Frauen ist es der Freitag, für die Männer der Sonntag: Kommen sie unter die besten acht Nationen der Qualifikation, dann sind sie in Rio mit je fünf Athleten dabei. Der Rest von Glasgow, zum Beispiel eine Medaille, ist nur Zugabe.