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Turn-WM:Gold für die Abendgymnasiastin

Artistic Gymnastics World Championships - Individual Apparatus Finals

Mit Eleganz und Anmut zum WM-Gold am Schwebebalken: Pauline Schäfer.

(Foto: Minas Panagiotakis/AFP)
  • Pauline Schäfer holt überraschend Gold auf dem Schwebebalken, lange Zeit das Zittergerät der deutschen Turnerinnen.
  • Den deutschen Erfolg komplettiert die 17-jährige Tabea Alt, die auf dem dritten Platz landet.
  • Ihre Trainerin ist so überwältigt, dass sie von sich sagt: "Es gibt keine Steigerung. Eigentlich müsste ich jetzt zurücktreten."

Von Volker Kreisl

Als Erste anzutreten, das muss man auch können. Erste Turnerin zu sein von acht Finalistinnen, bedeutet ja auch, vor dem Nichts zu stehen. Der Schwebebalken steht vor einem, sauber und unberührt, weil im Finale nicht mehr eingeturnt wird. Und nach welcher Taktik soll man turnen? Volle Attacke, um die anderen zu schockieren, aber mit dem Risiko, alles zu verlieren? Oder defensiv, aber sicher, in der Hoffnung, dass sich der nachkommende Rest gegenseitig nervös macht? Pauline Schäfer sagt: "Der Moment, als ich ans Gerät ging, war richtig schlimm."

Der Moment, als alles vorbei war, wurde dann aber auch eher hart. Schäfers Tränen flossen, sie hielt sich die Hände vors Gesicht, die Teamkollegin und Bronzegewinnerin Tabea Alt hielt sich die Hände vors Gesicht, Bundestrainerin Ulla Koch hielt sich die Hände vors Gesicht. Alle zusammen hielten sich dann auch aneinander fest, und später sagte Schäfer in sehr viele Mikrofone, dass sie noch nicht viel sagen könne, "weil ich das erst noch realisieren muss". Weltmeisterin am Schwebalken zu sein als deutsche Abendgymnasiastin, also als eine, die keiner Turn-Drill-Nation entstammt, sondern einem Team, das gerade mal sein altes Schwebebalken-Trauma in den Griff bekommt - das kann eine 20-Jährige zunächst überfordern. Trainerin Ulla Koch fand dann die zusammenfassenden Worte: "Es gibt keine Steigerung. Eigentlich müsste ich jetzt zurücktreten."

WM-Gold gab es zuletzt vor 30 Jahren - im DDR-Trikot

WM-Gold gab es für eine deutsche Turnerin zuletzt vor 30 Jahren am Stufenbarren, Balkengold vor 36 Jahren, Dörte Thümmler und Maxi Gnauck starteten damals für die DDR. Für den Deutschen Turner-Bund (DTB) ist Schäfer nun die erste Weltmeisterin, und was es auch noch nie gab beim DTB, das sind zwei WM-Medaillengewinnerinnen am selben Gerät. Dass derart Bedeutungsschweres entstehen könnte, daran hat Schäfer zuvor nicht gedacht; sie hat gelernt, auf dem zehn Zentimeter schmalen Balken an nichts anderes zu denken, als an den nächsten Schritt.

Nach 30 Jahren Pause

Die deutschen Turn-Weltmeisterinnen

Deutsche Turnerinnen haben in der 83-jährigen Geschichte von Weltmeisterschaften bislang zwölf WM-Titel gewonnen. Davon gingen elf in den Jahren von 1970 bis 1987 auf das Konto des Deutschen Turn-Verbandes (DTV) der DDR. Den ersten WM-Erfolg für den Deutschen Turner-Bund sicherte sich Pauline Schäfer in Montreal.

1970 Erika Zuchold (Leipzig), Sprung; Erika Zuchold (Leipzig), Schwebebalken; Karin Janz (Berlin), Stufenbarren

1974 Annelore Zinke (Berlin), Stufenbarren

1979 Maxi Gnauck (Berlin), Stufenbarren

1981 Maxi Gnauck (Berlin), Sprung; Maxi Gnauck (Berlin), Schwebebalken; Maxi Gnauck (Berlin), Stufenbarren

1983 Maxi Gnauck (Berlin), Stufenbarren

1985 Gabriele Fähnrich (Berlin), Stufenbarren

1987 Dörte Thümmler (Berlin), Stufenbarren

2017 Pauline Schäfer (Chemnitz), Schwebebalken

Und sie hatte sich für Angriff entschieden. Schäfers Übung ist nicht gespickt mit Höchstschwierigkeiten. Dafür aber hat sie ein Element im Programm, das auf der Welt nur sie turnt, weil sie es ja auch selbst in monatelanger Arbeit erschaffen hat: einen Seitwärtssalto mit halber Drehung, den Schäfer-Salto. Bei ihrer WM-Bronzemedaille 2015 hatte sie noch darauf verzichtet, diesmal hob sie ab, wirbelte durch die Luft und landete sicher in entgegengesetzter Richtung auf dem Balken. Als sie nach der Übung wieder unten saß, begann die quälend lange Zeit auf der Wartebank, den sieben Nachfolgenden erging es aber nicht besser: Sie wurden nervös.

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