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TSV 1860 München:Sieg der Sicherheit

Erik Tallig 8 (TSV 1860 Muenchen), Kai Bruenker 9 (FC Magdeburg), TSV 1860 Muenchen vs. 1. FC Magdeburg, 3. Liga, 26.09

Obenauf: Zugang Erik Tallig (Mitte) erzielte am Samstag sein erstes Drittligator für die Sechziger.

(Foto: imago images/kolbert-press)

Nach dem 1:1 gegen Magdeburg fragen sich die Löwen, ob sie genug Risiko eingegangen sind - für ihren Trainer Michael Köllner ist es ein "Wechselbad".

Von Christoph Leischwitz

Für Marco Hiller kam dieser erste Wintereinbruch zu einem äußerst ungünstigen Zeitpunkt. Der Torwart des TSV 1860 bewegte sich am Samstagnachmittag im kalten Nieselregen oft zwischen dem Mittelkreis und dem eigenen Sechzehner - bei seinen verzweifelten Versuchen, sich warmzuhalten. Der Gegner jedenfalls, der 1. FC Magdeburg, hatte es überhaupt nicht darauf abgesehen, den Münchner Torwart zu beschäftigen. "Kompakt stehen war das Ziel", bekannte hernach auch Magdeburgs Abwehrspieler Raphael Obermair ganz offen, ein ehemaliger Spieler des FC Bayern II übrigens. Und dieses "kompakt" bezieht sich bekanntlich ja immer auf die eigene Spielhälfte.

Wobei es ausgerechnet dem Außenverteidiger Obermair gelang, bei einem Konter ein Tor zu schießen (56.), weshalb die Sechziger hernach irgendwie sogar mit einem 1:1-Unentschieden dank des Ausgleichs von Erik Tallig (76.) zufrieden waren. Oder sein mussten, oder irgendetwas dazwischen. "Es fühlt sich ein Stück weit wie eine Niederlage an", sagte der Bauch von Sechzigs Trainer Michael Köllner. Aber der Kopf sagte: Etwas Schlimmes passiert ist nach einem Sieg und einem Remis zum Saisonstart nun auch wieder nicht.

Die dritte Fußball-Liga ist fast schon traditionell ausgeglichen, oft kann ein Tabellenzehnter selbst nach 30 Spieltagen immer noch auf- oder absteigen. Und so sind die ersten Partien, das legen auch Spiele auf anderen Plätzen nahe, geprägt von der Sorge, erst einmal nicht in den Tabellenkeller zu rutschen. Köllner spricht von einem "Wechselbad zwischen Sicherheit und Risiko", bei dem die Sicherheit momentan obsiege. Und so geschah am Samstagnachmittag relativ wenig, was dem Münchner Trainer die Hände aus den Hosentaschen reißen konnte. Den Sechzigern fehlte in den ersten Spielminuten noch die defensive Ordnung, doch als diese gefunden war, dominierten sie das Spiel mit ungewöhnlich viel Ballbesitz.

Allerdings sprangen dabei nicht mehr als drei Großchancen heraus. Denn sich herauslocken lassen, um mit Überzahlspiel die eigene Abwehr zu entblößen, das wollte man bis zum 0:1 eben auch nicht. Der einzige Aufreger der ersten Spielhälfte war ein Doppelpass zwischen Stefan Lex und Sascha Mölders, der aber auch nur mit einem zur Ecke geblockten Torschuss endete (19.). Gelegentlich versuchten es die feldüberlegenen Sechziger mit Distanzschüssen, denen aber jegliche Genauigkeit abging. Im Wortsinn das Highlight dieses zunächst so tristen Nachmittags war der Moment, als zur Pause das Flutlicht angeschaltet wurde. Zuvor hatte Stadionsprecher Stefan Schneider auch schon mit einer gewissen Tristesse in der Stimme festgestellt, dass ja nun schon wieder keine Zuschauer zugelassen seien; eigentlich hätte man jene Spieler, die im Sommer den Verein verlassen hatten, unter Applaus verabschieden wollen. Jetzt wurden ihre eingerahmten Bilder auf der Haupttribüne ausgebreitet. Besser spät als nie, sollte das wohl heißen.

Das galt dann in gewisser Weise ja auch für die Torgefährlichkeit. Die Sechziger wurden mit Obermairs Flachschuss durch die kalten Beine Hillers zu mehr Risiko gezwungen. Nun tat sich vor allem Stefan Lex hervor, der mit Sololäufen versuchte, die Magdeburger Abwehr auseinander zu reißen. Nur zehn Minuten nach dem Rückstand entstand so die beste Chance des Spiels: Lex dribbelte sich in den Strafraum und legte quer auf Mölders, der aber nur den Torwart anschoss (66.). Magdeburg schien auch nun ein wenig erschöpft, ein weiterer Lex-Antritt brachte den 20-jährigen Tallig in Position. Der zog aus rund 20 Metern ab - und traf einen Magdeburger Unterschenkel so perfekt, dass der Ball noch einmal aufsetzte und unhaltbar ins rechte Kreuzeck flog. Somit hatte ein neuer Spieler ein wichtiges Tor erzielt. Ab der 79. Minute konnte auch noch Zugang Martin Pusic seine Gefährlichkeit zumindest andeuten, Köllner meinte anschließend über den 32-jährigen Österreicher: "Der kann ein wertvoller Spieler werden."

Hernach blieb die Frage, ob das denn nun genug Risiko war. Ob die Sechziger in so einem Fall nicht eher auf Sieg spielen sollten. Es ist noch gar nicht so lange her, da waren es meist die Löwen, die gerne so berüchtigt kompakt standen. Der Sechzig-Trainer hätte sich so angehört wie Magdeburgs Coach Thomas Hoßmang nach dem Spiel: "Erstmal akzeptabel" fand der das 1:1. Doch die Ansprüche, sie sind bei einigen Anhängern des Münchner Traditionsklubs ganz traditionell schon wieder gestiegen.

© SZ vom 28.09.2020
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