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TSV 1860 München:Kreative Bierokratie

3 . Liga TSV 1860 München -  Kaiserslautern

"Bei 70, 80 Prozent, aber ich habe alles gegeben": Debüt-Torschütze Timo Gebhart mit seinem Sohn nach dem Sieg gegen Kaiserslautern.

(Foto: Stefan Matzke/sampics)

Während die Anhänger des 1. FC Kaiserslautern nach dem 1:3 ihre Spieler und Sportdirektor Bader beschimpfen, machen bei den Löwen Akteure auf sich aufmerksam, die nie jemand beschimpfen würde.

Den TSV 1860 München und den 1. FC Kaiserslautern verbindet nicht nur eine Fanfreundschaft, sondern auch ihr Schicksal: vom deutschen Meister und großen Namen zum Fußball-Drittligisten, der gegen den Abstieg kämpft. Ansonsten sind die beiden Klubs allerdings sehr unterschiedlich: Die Pfälzer haben einen Investor, der investieren darf, den Luxemburger Flavio Becca; die Löwen haben in Hasan Ismaik einen Investor, der nicht investieren darf, jedenfalls nicht so, wie er möchte. Daher soll der Etat des 1. FCK mit sechs Millionen Euro auch in etwa doppelt so hoch sein wie der des TSV 1860. Am Samstag siegten allerdings die Münchner in ihrem Wiesn-Heimspiel 3:1 (1:0), und während ihre Anhänger jubelten, versuchten die Gästefans einen Platzsturm, lösten einen Polizeieinsatz aus und beschimpften ihre teuren Spieler sowie den Sportdirektor Martin Bader, der sie verpflichtet hat.

Bei den Münchnern hingegen machten Akteure auf sich aufmerksam, die niemand beschimpfen würde, nicht einmal, wenn sie sehr schlecht spielten: der 19-jährige Leon Klassen, der den gesperrten Phillipp Steinhart als Linksverteidiger hervorragend vertrat; der ebenfalls 19-jährige Fabian Greilinger als mutiger Flügelstürmer; der bereits 28-jährige, als Rechtsverteidiger allerdings noch in der erfolgreichen Ausbildung befindliche Marius Willsch. All jene "kreativen" Lösungen, deren Findung das Konsolidierungspräsidium forsch von Trainer Daniel Bierofka gefordert hatte, funktionierten drittligatauglich. "Bei so einem Spiel so cool aufzutreten wie Leon und so zu fighten wie Greile, ist nicht selbstverständlich", wunderte sich Bierofka selbst über seine Kreativitätsmonster.

Und dann war da ja noch Timo Gebhart, den sowieso niemand beschimpfen würde, weil er ein echter Löwe ist. Der im Sommer vom Regionalligisten Viktoria Berlin zurückgeholte Regisseur, auch kreativ, mittels Fremdfinanzierung von Ismaik, kam zu seinem dritten Startelfeinsatz und erzielte sein erstes Saisontor. "Man hat ja gesehen, wie ich mich gefreut habe", sagte Gebhart, der der einzige war, der es nicht gesehen haben konnte.

Kaiserslautern schießt zwei Eigentore, aus Sicht von Trainer Boris Schommers sogar drei

Und was man auch gesehen habe: "Es geht nur über den Kampf, wir sind vorne gut angelaufen, haben viele Bälle gewonnen, haben uns das Glück erkämpft." Das Glück, das Gebhart meinte, war: dass Kaiserslautern die ersten beiden Löwen-Treffer selbst erzielte. Nach einem Eckball kam Sascha Mölders zum Abschluss, seinen Versuch parierte Torwart Lennart Grill, aber der Abpraller landete am Bein von Abwehrspieler Dominik Schad und dann im Tor (7.). Auf der Gegenseite rettete Klassen auf der Torlinie die Führung gegen Florian Pick (37.), und kurz nach dem Seitenwechsel folgte in der ausgeglichenen Partie das zweite Lauterer Eigentor: José-Junior Matuwila wollte eine Hereingabe von Benjamin Kindsvater klären, was gänzlich misslang - 2:0 (48.).

"Wir habe uns heute selber geschlagen und aus meiner Sicht drei Eigentore erzielt", meinte Kaiserslauterns Trainer Boris Schommers. Der dritte Treffer, der umgehend nach dem Anschlusstor von Carlo Sickinger (51.) fiel, war zwar laut Spielberichtsbogen ein Treffer von Gebhart; weil eine verunglückte Aktion von Torwart Grill vorausgegangen war, hatte Schommers' Zählweise aber ihre Berechtigung.

Der frühere Nürnberger, der nun einen Zähler aus zwei Partien aufweist, hat einen schweren Stand bei den Anhängern, war sein Vorgänger Sascha Hildmann als echter Roter Teufel doch sehr beliebt bei den Fans. Das ist noch so ein Unterschied zwischen den beiden Klubs: Während die Pfälzer schnell auf Trainerwechsel setzen - erst im Winter war Hildmann auf Michael Frontzeck gefolgt -, bestritt Bierofka gegen Kaiserslautern sein 100. Spiel als 1860-Cheftrainer, und aus diesem Anlass meldete sich Ismaik über Facebook zu Wort: "Ich freue mich auf seine nächsten 100 Spiele. Er ist das Herzstück des TSV 1860." Er sei "überzeugt, dass Daniel und Günther Gorenzel (Sport-Geschäftsführer, d. Red.) unser Team ins nächste Level bringen werden".

Über das nächste Level wird sich Ismaik auch bei seinem Lieblingsspieler Gebhart gefreut haben. Der Regisseur selbst sah sich "bei 70, 80 Prozent, aber ich habe gezeigt, dass es immer besser wird". In der Tabelle stehen die Löwen nach nunmehr zehn Spieltagen mit 14 Zählern im gesicherten Mittelfeld, auf Rang elf. Die alte Weisheit, dass die Tabelle nach zehn Spieltagen aussagekräftig sei, betont Bierofka ja gerne; Gebhart sieht das anders: "Die dritte Liga ist eh die verrückteste Liga", da gehe es ganz schnell nach oben oder unten. "Aber okay", sagte er, "der Trainer hat immer Recht." Es herrscht eben - ein Begriff, den die Bierpartei Österreich in anderem Zusammenhang schuf und der sich nun über die Internet-Löwenforen verbreitet - eine ernstzunehmende Bierokratie in Giesing.