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TSV 1860 München:"Es ist kein böses Wort gefallen"

Vor 30 Jahren verspielte 1860 gegen Schweinfurt den Zweitliga-Aufstieg. Horst Schmidbauer über ein legendäres Spiel - und seine Gegenwart als Weltenbummler.

Am 11. Mai 1990, genau vor 30 Jahren, fand im Grünwalder Stadion ein Spiel statt, das kein älterer Löwe je vergessen wird: Der TSV 1860 München empfing den 1. FC Schweinfurt 05. Letzter Spieltag in der Fußball-Bayernliga. Zweiter gegen Erster. Volle Hütte. Dauerregen. Flutlichtspiel. Sechzig musste gewinnen, um sich für die Aufstiegsrunde zur zweiten Bundesliga zu qualifizieren; Schweinfurt reichte ein Unentschieden. Das Spiel endete 3:3. "Die zweiten 45 Minuten gehörten zum Dramatischsten, was Fußball-München seit Jahrzehnten erlebt hatte", schreiben die Autoren des Löwen-Buchs "Legenden in Weiß und Blau". Horst Schmidbauer, heute 55, stürmte damals für den TSV 1860.

SZ: Herr Schmidbauer, dieses Spiel gegen Schweinfurt war voll von Szenen, die erinnerungswürdig sind. Woran denken Sie als Erstes?

Horst Schmidbauer: An die Stimmung im Stadion, das trotz des strömenden Regens restlos ausverkauft war. Und an die Szene mit unserem Libero Walter Hainer. Es stand 2:2, wir brauchten den Sieg, wir machten Druck und alle waren weit aufgerückt. Dann kam ein langer Ball in unsere Hälfte. Hainer stand kurz vor der Mittellinie und verpasste den Ball, der Stürmer war durch und erzielte das 2:3.

Hainer hatte kurz vor der Pause das 1:0 erzielt, mit einem Elfmeter.

Ja, er war einer unserer besten Spieler und hat in jener Saison die meisten Tore geschossen. Ich hatte mit Walter ein sehr gutes Verhältnis, wir waren bei Auswärtsspielen Zimmerkollegen.

Außerdem stammen Sie beide aus Dingolfing.

Ja, wir kannten uns schon vage von der Kindheit. Mein Vater war in Dornwang, einem Dorf in der Nähe von Dingolfing, der Fußballtrainer von Walters älteren Brüdern Otto und Herbert ...

... dem heutigen Bayern-Präsidenten Herbert Hainer.

Genau, beide waren gute Fußballer. Aber Walter war damals in der Gegend bekannter, weil er schon mit 18 oder 19 Jahren zu Sechzig gegangen ist.

Sie waren zunächst bei der SpVgg Landshut und bei Türk Gücü München und wechselten 1989 zu den Löwen. Diese wollten nach acht Jahren in der Bayernliga unbedingt zurück in den Profifußball.

(lacht): Ja, dazu habe ich eine schöne Anekdote. Beim ersten Treffen des neuen Kaders saß ich neben dem Torwart Bobby Dekeyser. Leicht angefressen erzählte er mir, die Verantwortlichen hätten ihm gesagt, sie würden einen tollen Kader mit lauter bekannten Spielern zusammenstellen. Dann zeigte er auf die Liste mit Neuzugängen und sagte: "Und dann holen die Leute von Türk Gücü." Als er merkte, dass ich das war, zögerte er kurz und dann haben wir beide gelacht.

Kriegen Sie die Löwen-Feldspieler noch zusammen, die am 11. Mai 1990 gegen Schweinfurt dabei waren?

Acht oder neun kann ich aufzählen: Kneißl, Maurer, Hainer, Windsperger, Störzenhofecker, Wolf, Peuker, Meisl, ich. Und Thomas Miller? Nein, der war noch nicht da.

Doch, der kam auch 1989. Wie Sie.

Ach, richtig.

1860 lag gegen Schweinfurt zweimal in Führung und war zweimal auf Platz eins gesprungen: nach Hainers 1:0 und nach Kneißls Hackentor zum 2:1...

Sechzig geht in Führung: Horst Schmidbauer (links) beobachtet Roland Kneißls Hackentor zum 2:1

(Foto: TSV 1860/oh)

... und dann gab es eine Unterbrechung.

Kneißl war kurz an der Seitenlinie, weil ihm beim Torjubel die Kontaktlinse verrutscht war.

Jedenfalls hatten wir dann Einwurf, der landete beim Gegner und plötzlich stand es 2:2.

Nach dem 2:3, das Hainer verschuldet hat, glich Maurer noch zum 3:3 aus, aber es reichte nicht. Die Fans haben die Mannschaft nach dem Schlusspfiff dennoch gefeiert.

Die haben halt auch gewürdigt, dass wir mit dem neuen Trainer Karsten Wettberg, der im Winter für Willi Bierofka gekommen war, eine fulminante Aufholjagd hingelegt hatten. Wir waren ja schon sieben Punkte hinter Schweinfurt und haben dann 16:2 Punkte in Serie geholt.

Was geschah danach in der Kabine?

Karsten Wettberg ...

... der sehr emotional sein konnte.

(lacht): Ja, die Szene, wie er den Regenschirm zertrümmert, kennt jeder. Ich glaube, dass er nach Hainers 1:0 auch ausgeflippt ist und einen Purzelbaum geschlagen hat.

Wie war er nach dem Spiel in der Kabine?

Ruhig. Es ist kein böses Wort gefallen. Er sagte, diesmal habe es nicht geklappt, aber wir müssten nach vorne blicken. Wir sind ja tatsächlich ein Jahr später aufgestiegen. Wir hatten in der Zeit auch eine Serie von, ich glaube, 37 ungeschlagenen Spielen.

Verraten sie uns noch einige Anekdoten aus dieser Zeit?

Das meiste muss in der Kabine bleiben, aber eine Sache mit Reiner Maurer kann ich schon erzählen. In der Stadionzeitung wurden damals immer Fragebögen mit uns Spielern abgedruckt. Ich habe den Fragebogen von Maurer ausgefüllt, lauter Käse reingeschrieben und auf einen Stoß gelegt. Irgendwann wurde er dann gedruckt, ich wusste ja nicht, dass sie so blöd sind, das zu machen. Unter Lieblingsverein stand bei Maurer "Bayern München". (lacht). Und bei bevorzugte Filmfiguren "Bruder Tack" von Robin Hood ...

... weil Maurer die gleiche Frisur hatte?

Genau. Diese Tonsur. Reiner hat es mit Humor genommen, aber seine damalige Frau wollte eine Gegendarstellung in der Stadionzeitung. Die hat sie aber nicht gekriegt.

Haben Sie noch Kontakt zu den Spielern von damals?

Zu Walter Hainer habe ich keinen mehr, was mich bedrückt. Niemand hat mehr Kontakt zu Walter, er war auch auf keinem Treffen von ehemaligen Spielern. Er hat sich aus irgendwelchen Gründen zurückgezogen. Allerdings hat man ihm bei 1860 auch übel mitgespielt. Er bekam nach dem Aufstieg 1991 keinen Vertrag mehr - und man hat ihm das sehr spät gesagt. Das war eine wenig ehrbare Tour.

Kam vor bei 1860. Haben Sie zu anderen Spielern noch Kontakt?

Ja, zum Beispiel zu Kneißl, Maurer, Miller, Hinterberger, Zeiler, Berg oder Schmitz. Bis vor zwei Jahren hatten wir eine Stammtischrunde bei Rosi Kraft in der Zirbelstube im Hotel Eden Wolff. Rosi ist ein großer Sechzig-Fan. Aber vor zwei Jahren ging sie in Pension und jetzt werden die Treffen auf privater Basis selbst organisiert. Die Rosi hatte mich früher immer "Professor" genannt, weil ich studiert und auch anderes als Fußball im Kopf gehabt habe. Die Hälfte der Mannschaft hat nur Fußball gespielt, Billard gespielt, Karten gespielt, Videos geschaut. Das war nicht so meine Erfüllung. Mein Bezugskreis waren eher Hainer, Dekeyser, Zeiler und Kneißl, die selbst auch neben dem Fußball gearbeitet oder studiert haben.

Corona-Rückholaktion: Für Horst Schmidbauer ging es von den Fidschi-Inseln nach Dingolfing.

(Foto: oh)

Als die Löwen 1991 aufstiegen, standen Sie kurz vor Ihrem Ersten Staatsexamen.

Ja, und in der Zweitligasaison habe ich mein Referendariat gemacht. Sechs Uhr aufstehen, nach Ingolstadt in die Schule fahren, um 15 Uhr zum Training, abends den Unterricht vorbereiten.

1860 hat das akzeptiert?

Ja, vielleicht auch deshalb, weil ich geblieben bin. Ich hatte nach dem Schweinfurt-Spiel ein Angebot von Kaiserslautern. Wäre ich dorthin gegangen, hätte ich übrigens ein Jahr später deutscher Meister werden können. Und 1991 hatte ich ein Angebot von Stuttgart, die 1992 Meister geworden sind ...

Bereuen Sie das?

Überhaupt nicht. Ich wollte eigentlich nie Fußballprofi werden. Ich wollte immer nur Sportlehrer werden. Das Studium hatte immer Vorrang. Außerdem hat mir 1860 getaugt, auch wegen der Fans, die man für bekloppt hält, wenn man mit einer gegnerischen Mannschaft dort antritt; die man aber als 1860-Spieler sehr schnell lieb gewinnt. Und der Trainer, Karsten Wettberg, hat mir Vertrauen geschenkt.

Sie sind dann Sportlehrer geworden, zunächst an einem Gymnasium in Markt Schwaben, später am Theodolinden-Gymnasium in München, wo Sie Koordinator für die Leistungssportklassen waren.

1999, ein Jahr nach der verkorksten Weltmeisterschaft, haben der Bayerische Fußballverband, die Topvereine Bayern, Sechzig und Unterhaching, das bayerische Staatsministerium und die Schulen dieses Projekt der Leistungssportklassen ins Leben gerufen; man konnte Sport als Kernfach wählen und es wurden Vormittagstrainingseinheiten in den Stundenplan integriert. Ich hatte zum Beispiel die früheren Sechziger Dominik Stahl (heute Unterhaching, Anm. d. Red.), Christopher Schindler (Huddersfield) und Julian Baumgartlinger (Leverkusen) in meiner Klasse. Tolle Menschen, tolle Schüler, tolle Fußballer.

Mittlerweile sind Sie nicht mehr am Gymnasium.

Ich habe 2018 zunächst ein Sabbatical genommen und bin seit 2019 für fünf Jahre beurlaubt, um mein drittes Leben zu führen. Im ersten Leben war ich Student und Fußballer, im zweiten Lehrer, und beides war schön. Aber jetzt gehe ich auf Reisen, um etwas von der Welt zu sehen, manchmal alleine, meistens mit meiner spanischen Freundin. Es geht oft nach Südamerika oder in die Südsee. Meine Reiseberichte über Südamerika, die Fidschi-Inseln, Tonga, Samoa und Vanuatu sind bei Amazon als E-Book erhältlich. Ich bin nicht verheiratet und ich habe keine Kinder, und das Wichtigste im Leben ist nicht die Arbeit. Es muss nicht immer der mitteleuropäische Trott sein. Das Leben kann auch anders funktionieren. Mein heutiges Lebensmotto heißt: Anstatt das Haben zu vermehren, vermindere ich das Müssen.

Momentan sind Sie aber in Dingolfing.

Ja, ich war gerade auf den Fidschi-Inseln, als Corona so richtig ausgebrochen ist. Ich habe dann das Angebot des Auswärtigen Amtes angenommen, das Deutsche aus dem Ausland zurückholte. Momentan wohne ich bei der Familie meines Bruders in Dingolfing und bin froh, dort so toll aufgenommen worden zu sein. Aber sobald man wieder reisen kann, will ich mit meinem Camper, einem James Cook Sprinter, nach Spanien fahren. Meine Freundin ist momentan in Madrid.

© SZ vom 11.05.2020

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