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TSV 1860 München:Erst wenn die Spatzen pfeifen

SC Verl v TSV 1860 Muenchen - 3. Liga

Trainer und Torschütze: Michael Köllner tröstet Stefan Lex, dessen Treffer für 1860 nicht zum Sieg reichte gegen den SC Verl.

(Foto: Christof Koepsel/Getty)

Die Neun-Punkte-Woche hat bisher zwei Zähler gebracht: Trainer Michael Köllner übernimmt dennoch die ausgerufenen hohen Ambitionen.

Von Philipp Schneider

"Für einen Toptrainer ist es von Bedeutung, alle Ebenen der Kommunikation zu beherrschen. Verbal, nonverbal und natürlich mit allen unterschiedlichen Gruppen, die für die eigene Arbeit relevant sind. Die Herausforderung dabei ist es, zu wissen, wann man welche Ebene wählen muss, wann man mit wem auf welche Weise kommuniziert. Ein sehr guter Trainer zeichnet sich durch eine klare und deutliche Kommunikation aus." (Auszug aus: Michael Köllner, "Führen, Coachen & Managen im Fußball", Handbuch für Trainer und Vereinsverantwortliche, Meyer & Meyer, 2020, 296 Seiten, Seite 234.)

Grau ist bekanntlich alle Theorie. Aber da stand nun der Fußballtheoretiker Michael Köllner vor diesem leibhaftigen und frechen Reporter von Magenta Sport. Der entschuldigte sich zwar für seine Frage. Er wollte aber doch wissen, ob der Eindruck täusche, oder Köllner in der Tat ein wenig innerlich bebe angesichts des soeben beendeten Fußballspiels seines TSV 1860 München beim Sportclub Verl? In der Frage schwang mit: Der Reporter hatte wie die meisten Zuschauer einem, wie es so schön heißt, leistungsgerechten 1:1 beigewohnt.

Tja, antwortete Köllner dem leider auch für seine Arbeit relevanten Reporter. "Ich will jedes Spiel gewinnen! Und wenn ich jedes Spiel gewinnen will und wir spielen 1:1, dann bin ich nicht zufrieden!" Und dann fügte er an: "So san wir unterwegs!" Das war klar und deutlich. Auf einer herrlichen Ebene. Mithin eine Antwort wie aus seinem eigenen Lehrbuch.

Allerdings mit einer Einschränkung: Wer genau ist wir? Wer ist so unterwegs, dass er immer gewinnen will? Also außer Michael Köllner, von dem man ja weiß, dass er lieber in dieser Saison als in der kommenden in die zweite Liga aufsteigen würde. Und der in diese Englische Woche in der dritten Liga mit einer mutigen Ansage gestartet war: Neun Punkte solle die Mannschaft holen in drei Spielen. Damit der Plan noch aufgeht, müssen am Samstag beim Derby gegen den ambitionierten Stadtrivalen Türkgücü München sieben Punkte her.

An der Grünwalder Straße 114 kippt die Stimmung bekanntlich schneller als ein betrunkener Seemann auf Deck eines Schiffs im Orkan. Da spielt Köllners Mannschaft zweimal nacheinander unentschieden, 0:0 gegen Uerdingen, 1:1 gegen Verl, steht Dienstagabend auf Platz drei einer (zugegeben sehr verzerrten) Tabelle - und schon werden in den einschlägigen Internetforen Radikalkuren gefordert: neuer Trainer, neue Spieler, neue Schulden. Hier und da wird auch mal wieder für eine Abschaffung der 50+1-Regelung plädiert, die Investoren vom unkontrollierten Geldverbrennen im Fußball abhalten soll. Passend dazu ließ Sechzigs Mehrheitsgesellschafter Hasan Ismaik am Mittwoch über seine von wem auch immer gepflegte Facebook-Seite ausrichten, gegen Türkgücü sollte doch bitteschön ein Sieg her: Es sei jetzt "an der Zeit, ein Zeichen zu setzen und den Fans im Derby einen Sieg zu schenken".

Es lässt sich also sagen: Hasan Ismaik und Michael Köller san gemeinsam unterwegs! Genau wie ein weiterer Akteur bei 1860, der im Sommer vom Aufstieg sprach: Hauptsponsor "Die Bayerische". Die Versicherung hatte gegen Ende der Transferperiode ihre Beteiligung um eine Million Euro erhöht und so den Etat eines Abstiegskandidaten in den eines Mittelklasseteams verwandelt. Marketing-Chef Joachim Zech sagte auf der anlässlich des Geldregens abgehaltenen Pressekonferenz: "Es wäre ein Traum, wenn 1860 wieder in der zweiten Liga spielen würde." Und er gab zu, dass die von seinem Unternehmen erworbenen "Marketing-Werte in der zweiten Liga für uns wertvoller" seien. Von der Vereinsführung, den Präsidiumsmitgliedern des e.V., sind keine sportlichen Vorgaben überliefert.

Der selbstauferlegte Stress, dem sich Köllner bei 1860 mit Forderungen nach "Neun-Punkte-Wochen" aussetzt, verwundert. Er tut, was Trainer selten tun - und sein Vorgänger Daniel Bierofka erst recht nie getan hätte. Er schreit nicht nach neuen Spielern und folgt trotzdem den allerorts ausgerufenen hohen Ambitionen, die einem Trainer auf die Füße fallen können.

In einer dritten Liga der Saison 2020/21, in der gefühlt jede zweite Partie zur Spitzenpartie ausgerufen wird, was nur möglich ist, weil es in Wahrheit keine einzige Spitzenmannschaft gibt, dürfte sich erst zeigen, welche Klubs überhaupt am Aufstiegskampf teilnehmen, wenn auf dem Gärtnerplatz schon wieder die Spatzen pfeifen und hoffentlich auch wieder Menschen die Terrassen der Cafés bevölkern.

Bis dahin hilft zur Aufmunterung vielleicht, was Michael Köllner in seinem Lehrbuch auf Seite 226 schreibt: "Die Niederlage besitzt eine Würde, die der Sieg nicht kennt."

© SZ vom 26.11.2020
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