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TSV 1860 München:Betrieb am Löwenstüberl

TSV 1860 Muenchen v Preussen Muenster - 3. Liga

Möchte gerne ein Jahr länger spielen: Stürmer Sascha Mölders, 35.

(Foto: Sebastian Widmann/Getty Images)

Sportchef Gorenzel fordert einen "Leitantrag" zur Fortsetzung der dritten Liga.

Wenn die Welt in Ordnung ist, das ist zumindest in München gemeinhin bekannt, dann gibt es einen Ort, an dem durstige Löwen zur Tränke laufen können. In den vergangenen Wochen war die Welt alles andere als in Ordnung. Was sich an der Grünwalder Straße 114 daran bemerkbar machte, dass von Berufswegen grimmige Sicherheitsleute den Zugang zum Löwenstüberl versperrten. In seiner Not verfiel dessen Wirt Benedikt Lankes, Nachfolger der legendären Christl Estermann, der Idee, einen Online-Shop für Schutzmasken zu betreiben. Es gehe ums "nackte Überleben", sagte Lankes der Abendzeitung.

Am Montag sperrt Lankes endlich wieder auf. Zunächst nur den Außenbereich, eine Woche später auch das Innere des Stüberls. Aber ob er dann auch Kundschaft haben wird, hängt maßgeblich davon ab, was diese an Programm geboten bekommt: Schwitzende Drittliga-Profis zur Ansicht wären hilfreich. Ob Sascha Mölders und seine Kollegen allerdings auch noch in 14 Tagen trainieren werden, hängt wiederum davon ab, ob sie auch zeitnah Partien austragen dürfen. Ob sie ihren Beruf wieder ausüben dürfen. Wie die Spieler der Klubs der zwei höheren Ligen. Wie Lankes, der Wirt.

Günther Gorenzel, Sportchef des TSV 1860 München, verwies am Donnerstag mal wieder auf Artikel 12 des Grundgesetzes - aus dem sich seiner Meinung nach eine Freiheit der Berufsausübung auch für Fußballprofis in Pandemiezeiten ableiten ließe. Er entsandte einen Appell an alle Verantwortlichen im deutschen Profifußball, speziell jene der dritten Liga, und auch die Politik: "Wir stehen in der Verantwortung, dem unwürdigen Schauspiel, das einige abziehen, ein Ende zu bereiten. Wir müssen weiteren Schaden vom deutschen Fußball abwenden." Dem unwürdigen Schauspiel verdächtig seien die Verantwortlichen jener acht Drittligisten, die sich seit Wochen für einen Abbruch des Spielbetriebs einsetzen. Und die sich mehrheitlich auf Tabellenplätzen befinden, die entweder den Aufstieg versprechen - oder den Abstieg (der dann aber ausgesetzt werden könnte)

. Was Gorenzel nun als politisches Mittel vorschwebt, um eine Fortführung des Fußballbetriebs gegen die Widerstände - vor allem der Ost-Klubs - durchzusetzen, das sei ein "Leitantrag" der Bundesregierung, der den bundesweiten Spielbetrieb in allen Bundesländern erzwinge. Er vermisst so etwas wie Kanzlerin Angela Merkels öffentliche Absegnung von Spielbetrieb und Hygiene-Konzept in der Deutschen Fußball Liga - dem sich der Deutsche Fußball Bund und die von ihm organisierte dritte Liga lediglich nachträglich angeschlossen haben. Für die Politik der Protagonisten des unwürdigen Schauspiels hat Gorenzel wenig Verständnis. "Eine individuelle Interessenslage wirst du immer haben", sagt Gorenzel. Und deshalb gelte es nun ordentlich weiterzuspielen. Vor Geisterkulisse.

Was bei Gorenzel immer leicht theoretisch klingt, bekommt bei Sechzigs Trainer Michael Köllner eine handfeste Note: Falls der Spielbetrieb nicht wieder aufgenommen werde, müssten die Spieler gar nicht mehr trainieren und die Klubs vorübergehend runterfahren auf 100 Prozent Kurzarbeit, argumentiert Köllner. Ein Abbruch sei deshalb "völlig Irrsinn!" rief er. Und fragte, bezogen auf die gesamtdeutsche Kurzarbeitslage: "Wer soll denn am Ende alles bezahlen? Die ganzen Billionen? Ich kann das jedenfalls nicht bezahlen."

Apropos bezahlen: Auch Sechzig werde sich "alle rechtlichen Schritte vorbehalten", sagte Gorenzel, sollte der Verband bei einem Abbruch der dritten Liga womöglich entstehende Schadenersatzforderungen auf die Vereine umlegen wollen.

Am Donnerstag um 14 Uhr stiegen Köllner und seine Spieler dann wieder ins Mannschaftstraining ein. Selbstverständlich war es ein Geistertraining, also unter Ausschluss der Löwenstüberlgäste. Zuvor hätten alle am Spiel mit dem Ball Beteiligten ihre zweite Corona-Testserie absolviert, sagte Gorenzel. Auch Sascha Mölders, der am Vortag seine Befürchtung geäußert hatte, die Pandemie könne ihn um einen standesgemäßen Karriereherbst bringen. "Ich bin am Ende meiner Laufbahn und möchte mich sicherlich nicht so verabschieden. Ich will noch ein Jahr spielen und wenn jetzt abgebrochen wird, sehe ich die Gefahr, dies nicht mehr tun zu können", sagte Mölders.

Dass der 35-Jährige noch ein Jahr dranhängen möchte, das war die Nachricht, die sich viele Löwen schon längst ersehnt hatten. Es wurde verhandelt, dann schwappte die Pandemie nach Deutschland. Oder wie es Gorenzel auf die unvergleichliche Gorenzelweise sagte: "Der Verhandlungszug, in dem Günter Gorenzel und Sascha Mölders saßen, war schon kurz vor der Einfahrt in den Zielbahnhof. Dann wurde er vom SV Corona gestoppt."

© SZ vom 15.05.2020

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