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Extremsportler Jonas Deichmann:In 120 Ironmans um die Welt

Jonas Deichmann Triathlon Abenteuer

Vorbereitung auf die Extreme: die sibirische Kälte von minus 25 Grad Celsius simulierte Deichmann in einer Kältekammer der Bahn.

(Foto: OH)

450 Kilometer Schwimmen, 20 000 Kilometer mit dem Rad, 5000 Kilometer Laufen: Jonas Deichmann reist via Triathlons um die Erde. Seine Liebe zu Schokolade hilft bei den Strapazen.

Von Nadine Regel

Wind und trockene Kälte auf dem Fahrrad hielt Jonas Deichmann noch gut aus. Erst als die Anlage kristallines Wasser auf ihn sprühte, fühlten sich die minus 25 Grad in der Kältekammer der Deutschen Bahn in Minden richtig "frisch" an, sagt der 33-Jährige. Das Wasser bildete in Sekundenschnelle eine Eisschicht auf dem Lenker, den Speichen, an seiner Skibrille und dem Kunstfell seiner Mütze. Deichmann testete sich und seine Ausrüstung für einen besonderen Rekord. Der Langstreckenradler will in 120 Ironman-Distanzen per Triathlon um die Welt reisen. Ein Wegabschnitt könnte pandemiebedingt sogar Sibirien werden. 450 Kilometer Schwimmen, 20 000 Kilometer mit dem Rad, 5000 Kilometer Laufen und zwei Segelpassagen - das hat bisher noch kein Mensch probiert.

Ende September ist Jonas Deichmann am Odeonsplatz in München gestartet. 70 Menschen verabschiedeten ihn in sein bisher größtes Abenteuer. Er lebt seit drei Jahren auf dem Fahrrad und verdient sein Geld als Abenteurer. Das ist wohl familiär bedingt: Sein Opa war Schlangenfänger in Afrika. Bis auf seine Fahrradausrüstung hat alles, was Deichmann besitzt, in einem Koffer Platz. Und der steht an seiner "Basis" München. Für seine Weltreise veranschlagt er zwölf bis 14 Monate. Um einen Zeitrekord gehe es ihm aber nicht. Dafür sei die Situation aktuell zu ungewiss.

Jonas Deichmann Triathlon Abenteuer

Vom Münchner Odeonsplatz aus einmal um die Erde: Jonas Deichmann absolviert seit Ende September als erster Mensch einen globalen Triathlon.

(Foto: OH)

Deichmann sieht aus wie einer, der es wissen will. Er ist groß, hat wache, grün-braune Augen, eine athletische Figur, als gebürtiger Stuttgarter noch einen leicht schwäbischen Dialekt und einen Vollbart. "Den lass' ich wachsen, bis ich wieder zurück bin", sagt er. Man stellt sich unweigerlich vor, wie sich der Bart zum langen Eiszapfen bildet, wenn Deichmann mit seinem vollbepackten, 20 Kilogramm schweren Fahrrad durch Sibirien tourt. Eigentlich wollte er schon viel früher starten und eine Route wählen, die ihn durch Indien und Pakistan führt. Dann kam Corona - und nun gibt es verschiedene Routenoptionen. Derzeit schwimmt er 450 Kilometer durch die Adria, dann steigt er wieder auf das Rad, um im November die Türkei zu durchqueren. Was dann ist, weiß Deichmann noch nicht. Sein Anspruch auf ein Businessvisum erleichtere ihm zumindest die Einreise in Länder, in die Touristen aktuell nicht reisen dürften. Die Weltumrundung gilt als Geschäftsreise.

In der Sahara kam ihm die Idee für seine jetzige Tour, sagt Deichmann

Bekannt ist Deichmann für drei Kontinentaldurchquerungen auf dem Rad in Rekordzeit. Die 14 000 Kilometer durch Eurasien gelangen ihm 2017 in 64 Tagen. Damals war er noch in einem Münchner IT-Unternehmen angestellt, sein Chef genehmigte ihm die Auszeit. Nach der Tour kündigte Deichmann. Dann folgte die Panamericana und vergangenes Jahr fuhr er vom Nordkap bis nach Kapstadt. Vor allem die letzte Tour war herausfordernd: "Da ging jeden Tag etwas schief." Er verbrachte eine Nacht im Gefängnis, durchlitt drei Lebensmittelvergiftungen und wurde von einem Löwen überrascht. "Langdistanzen sind 95 Prozent Kopfsache", sagt er. Je länger es geht, desto mehr muss man sich selbst motivieren. In der Sahara sei ihm dann die Idee für seine jetzige Tour gekommen.

Seine Triathlon-Tauglichkeit hat Deichmann bereits im August getestet, als er einmal rund um Deutschland getourt ist - inklusive einer Durchquerung des Bodensees. Schon da verursachte sein Neoprenanzug wunde Stellen am Körper. Wie sich das im Salzwasser verhält, weiß er nicht. Olympische Langstreckenschwimmer legen jedenfalls nach jedem Tag im Wasser eine Pause ein - auch für ihre Haut. Deichmann baut auf Vaseline, wenn er täglich bis zu 15 Kilometer von Rijeka nach Dubrovnik zurücklegt. Ähnlich optimistisch hält er es mit der Bora, einem tückischen Landwind, der mit halbstündiger Vorankündigung alles auf die Adria hinausfegt, das nicht verankert ist. Bei Split muss Deichmann die sichere Küstennähe verlassen. Kommt die Bora, schiebt er sich bäuchlings auf das kleine Floß mit seiner Ausrüstung, das er hinter sich herzieht. "So treibe ich entweder auf eine der Inseln oder bis nach Italien", sagt er und lacht.

Deichmanns Liebe für Schokolade kommt ihm gelegen

Nach dem Salz kommt die Kälte. Die bis zu minus 50 Grad kalten Nächte in Sibirien will er in seinem Zelt mit Daunenschlafsack und mehreren Daunenjacken überstehen. Reifenwechsel bei minus 25 Grad Celsius hat er schon in Minden geübt. Deichmann benötigt in der Kälte dann 7000 bis 8000 Kilokalorien täglich. "Ich muss den ganzen Tag essen", sagt er. Seine Liebe für Schokolade komme ihm da ganz gelegen. Bei seiner Streckenführung orientiert er sich deswegen entlang der Zivilisation: Tankstellen, Supermärkte, kleine Orte. Zudem trägt er einen GPS-Tracker bei sich. Dieser sendet alle 15 Minuten seinen Standort an seine Website und hat einen integrierten Notfallknopf. Drückt er diesen, wird Hilfe mobilisiert. Ob das klappt, habe er aber noch nicht ausprobiert, sagt er. Zur Not rufe er seinen Vater via Whatsapp an. Der navigiert ihn zur nächsten Tankstelle. Das Netz sei ja in Sibirien besser als in Oberbayern. Für ihn gebe es ohnehin nur einen Grund, überhaupt aufzugeben: "Wenn ich langfristig Schäden davontragen würde."

Je nach Routenverlauf legt der Abenteurer entweder in Wladiwostok oder Shanghai mit dem Segelboot ab und fährt an die Westküste der USA. Von dort rennt er 5000 Kilometer "auf den Spuren von Forrest Gump" bis nach New York. Auf diesem Abschnitt macht er sich lediglich Gedanken über den Zustand seiner Gelenke. Ansonsten freue er sich auf die endlosen Straßen. Einsam? Nein, einsam fühle er sich in der Wildnis nie. Im Gegenteil. "In der Anonymität der Großstadt ist man mehr alleine als draußen", sagt Deichmann. Man sei zwar von Millionen Menschen umgeben, aber wenn man mal krank ist, helfe einem trotzdem keiner. Draußen, da spürt er die Freiheit. Und die große Gastfreundschaft der Menschen. Die Zeit ohne Familie darf aber nicht zu lange werden. Mit seinem Vater will er eine der Segelpassagen über den Pazifik oder den Atlantik absolvieren. Sein Bruder begleitet ihn auf dem Rad auf der letzten Etappe von Portugal nach München. Von den Strapazen erholt sich Deichmann dann wie immer: in einer Hängematte in Brasilien.

© SZ vom 24.10.2020/tbr
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