Tischtennis:Gewohnte Dekoration

WARSZAWA 27.06.2021 INDYWIDUALNE MISTRZOSTWA EUROPY W TENISIE STOLOWYM FINAL DEBEL MEZCZYZN MISTRZOWIE EUROPY LEV KATSMA

Erfolg in Warschau: Maksim Grebnev (vorne) wurde im Juni mit dem Neu-Ulmer Lev Katsman Europameister im Doppel.

(Foto: Marcin Szymczyk/Newspix/imago)

Der TSV Bad Königshofen geht mit einem kaum veränderten Kader in die Saison. Teammanager Andreas Albert erwartet, dass es in der noch ausgeglicheneren Bundesliga diesmal einen heißen Abstiegskampf geben wird.

Von Andreas Liebmann

"Der Franzose runter, der Russe rauf", sagt Teammanager Andreas Albert schmunzelnd, während er an seiner Brotzeit sitzt. Ganz einfach. Und nun hängt er also da, der Neue, seit zwei Wochen schon: Maksim Grebnev, 19, cooler Blick, Arme verschränkt, überlebensgroß unter der Hallendecke im unterfränkischen Städtchen Bad Königshofen. In der vergangenen Saison prangte dort an der roten Ziegelwand der Schulturnhalle noch das Porträt des französischen Routiniers Abdel-Kader Salifou, doch der hatte nicht übermäßig viel Glück in seinem einzigen Jahr für den TSV, das für ihn mit einer Corona-Infektion begann und mit einer ernüchternden Bilanz endete.

Dass die Vorbereitungen auf die neue Saison zumindest in Sachen Hallendekoration überschaubar blieben, sagt schon einiges aus über den unterfränkischen Tischtennis-Erstligisten TSV Bad Königshofen. Er kann und will sich nicht wild durch die Liga kaufen, hier zählt solide Beständigkeit. Die Porträts von Bastian Steger, Kilian Ort und Filip Zeljko sind einfach für ein weiteres Jahr hängengeblieben, allenfalls wurden sie ein bisschen abgestaubt. Zeljko und Ort spielen sowieso schon länger hier, als es diese Plakate in der Sporthalle überhaupt gibt. Zeljko war schon vor dem Aufstieg dabei, Ort wurde in diesen Verein hineingeboren.

Die wenigen Unwägbarkeiten beim bisherigen Personal sind deshalb dieselben wie vor der vergangenen Saison. Wird Steger, der sich im selben Alter wie Timo Boll befindet, auch mit 40 noch sein Niveau halten können? Und werden sich Ort und Zeljko, die mit 25 und 24 Jahren noch nicht am Ende ihrer Möglichkeiten angelangt sind, weiter steigern können? In der vergangenen Saison war das dem Kroaten Zeljko vor allem in der Hinrunde gelungen, Ort sogar während der gesamten Spielzeit, wobei ihm immer wieder eine Anfälligkeit für kleinere und größere Blessuren im Weg stand. Auch vor dem Ligastart habe er Fußprobleme gehabt, berichtet Albert, dann aber schon beim WTT Contender in Budapest überaus stark gespielt, die Doppelkonkurrenz an der Seite von Tobias Hippler sogar gewonnen und im Einzel das Finale erreicht, nach Siegen unter anderem gegen den Weltranglisten-14. Liam Pitchford (England). Altmeister Steger wiederum, der soeben bei den deutschen Meisterschaften Zweiter wurde, hatte lediglich zu Beginn der vergangenen Runde mal nicht ganz so überragend gepunktet wie gewohnt, doch dann zeigte er eindrucksvoll, dass weiterhin fest mit ihm zu rechnen ist.

In Mühlhausen gewann Zugang Grebnev das Auftakteinzel und mit Ort das Schlussdoppel zum 3:2-Erfolg

Bleiben zwei weitere Fragen: Wie hat sich die Liga rund um den kleinen TSV-Kader im Sommer verändert - und welche Entwicklung wird der 19-jährige Grebnev hier nehmen, gerade im Vergleich mit Salifou?

Die erste Frage ist leichter zu beantworten. Die Liga - da herrscht weithin Einigkeit - gilt als noch ausgeglichener als in der vergangenen Saison, in der bis kurz vor Schluss noch eine Handvoll Teams inklusive Bad Königshofen Chancen auf den letzten Playoff-Platz hatten. Düsseldorf und Saarbrücken um die Nationalspieler Timo Boll und Patrick Franziska dürften auch diesmal für die Playoffs gesetzt sein, dahinter sei alles offen, glaubt Albert. Der erste Gegner Ochsenhausen kann den Weggang seines Spitzenspielers Hugo Calderano wegen eines Wechselfehlers erst zur Rückrunde durch Can Akkuzu kompensieren, was ihn bis dahin angreifbarer macht - dennoch unterlagen ihm die Unterfranken zum Auftakt vor Wochenfrist 2:3. Die im vergangenen Frühjahr noch abgeschlagenen Teams aus Grenzau und Bad Homburg dagegen haben sich ordentlich verstärkt. Der Spannung ist das zuträglich, zugleich ist es auch eine beunruhigende Nachricht. Denn Teammanager Albert erwartet, dass es diesmal Aufstiegsinteressenten aus der zweiten Liga gibt - und deshalb in der TTBL einen heißen Abstiegskampf.

An diesem Dienstag kommt Rekordmeister Borussia Düsseldorf zu Besuch, voraussichtlich mit seinem Star Timo Boll

Die zweite Frage betrifft Grebnev: Der hatte es im Vorjahr in Bad Homburg schwer, trotzdem gilt der Doppel-Europameister (zusammen mit Neu-Ulms Lev Katsman) als hochveranlagt und könnte nicht nur für das Doppel eine Verstärkung sein. Zuletzt hatte er den Verantwortlichen Sorgen bereitet, weil er im Sommer plötzlich "einen Ruhepuls von 180" aufwies, wie Albert berichtet. Nach sechs Wochen Sportverbot und medikamentöser Einstellung sei das Phänomen im Griff, doch die Suche nach Ursachen blieb ohne Ergebnis. "Wir würden da gerne auf Nummer sicher gehen", sagt Albert, dem es Grebnevs Temperament und Kampfgeist angetan haben. "Manchmal hat er sogar zu viel Energie", sagt Dmitrij Mazunov, der Grebnev in der Trainingsgruppe des TTC Neu-Ulm ausbildet, und scherzt: "Vielleicht ist dieser Puls bei ihm normal, weil er so hyperaktiv ist." Dennoch - ernster gesprochen - mache es den Teenager natürlich unsicher, nicht genau zu wissen, was eigentlich los war.

Erste sportliche Aufschlüsse haben die ersten beiden knappen Partien bereits geliefert: Gegen Ochsenhausen wurde Grebnev nicht eingesetzt, Ort bezwang in Simon Gauzy gleich den nächsten Top-20-Spieler, am Ende reichte es nicht ganz. In Mühlhausen gewann Grebnev das Auftakteinzel und mit Ort das Schlussdoppel zum 3:2-Erfolg. Zeljko blieb Zuschauer, Steger gewann wie schon zum Auftakt eins seiner zwei Einzel. "Für uns ein Vierpunktespiel", urteilte Albert erleichtert. Damit ist der Druck etwas gesunken vor diesem Dienstag (19 Uhr), an dem Rekordmeister Borussia Düsseldorf zu Besuch kommt, voraussichtlich mit seinem Star Timo Boll. Die Zuschauerzahl ist auf etwas mehr als 300 begrenzt, was Albert natürlich schmerzt, weil ein Duell mit Düsseldorf vor der Pandemie auch schon mal 1300 Zuschauer angelockt hatte. Impf- und Testnachweise, Sperrbereiche - organisatorisch ist all das dann doch etwas schwieriger zu handhaben als das Aufhängen eines neuen Spielerporträts.

© SZ/lein
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