Tischtennis:Der Verschmähte

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Tischtennis: Umgebogen: Kay Stumper hat einige Mühe im Spiel gegen Bad Homburgs Cedric Meissner, am Ende aber wird er seiner Favoritenrolle gerecht.

Umgebogen: Kay Stumper hat einige Mühe im Spiel gegen Bad Homburgs Cedric Meissner, am Ende aber wird er seiner Favoritenrolle gerecht.

(Foto: Jürgen Kessler/imago)

Kay Stumper ist in dieser Saison ein Sieggarant für den Bundesligisten TTC Neu-Ulm. Trotzdem wird der 19-Jährige fast nie eingesetzt. Sein Weggang zum Saisonende steht bereits fest.

Von Andreas Liebmann

Man konnte nur rätseln, was in diesen Momenten in Kay Stumpers Kopf vorging, aber die Geschichte um seine Person beim TTC Neu-Ulm ist ja ohnehin ein einziges Rätsel. Der 19-Jährige weist eine hervorragende Bilanz in der Tischtennis-Bundesliga auf, in der Champions League ist er ungeschlagen, im Juli wurde er U19-Europameister - doch seit Mitte September war er einfach nicht mehr eingesetzt worden von seinem Klub. Saß mal als Ersatz hinter der Box, kam mal überhaupt nicht zu den Spielen. Trat nicht mehr in Erscheinung, obwohl er fit und in guter Verfassung war.

Am Sonntag stand Kay Stumper erstmals seit Langem wieder in einem Ligaspiel am Tisch, und dieses Match war für ihn nun keineswegs dazu angetan, befreit aufzuspielen. Da war die Bürde des Favoriten, denn die Zahlen waren ja eindeutig: Null Siege aus fünf Matches hatte sein Kontrahent Cedric Meissner, 21, bislang in der Tischtennis-Bundesliga gesammelt für den Tabellenletzten TTC Obererlenbach Bad Homburg. Stumper, zum Vergleich, hatte vier seiner fünf Einzel in der Vorrunde gewonnen, eines sogar gegen Mattias Falck, den WM-Zweiten von 2019. Dazu nun Stumpers lange Wettkampfpause, während Meissner gerade erst beim WTT-Turnier in Düsseldorf groß aufgespielt hatte. Und schließlich eben dieses unausgesprochene Problem, das ganz offensichtlich zwischen Stumper und seinem aktuellen Klub besteht. "Die Stimmung ist nicht gut", bekennt er offen.

Klubchef Ebner erklärt knapp, dass Stumper eben nicht "Teil der Trainingsgruppe" sei

Am Sonntag führte Meissner, auf dem Papier der klare Außenseiter, 1:0 in Sätzen und 3:0 im zweiten Durchgang. 4:1. 7:4. 9:6. Immer wieder prügelte der Linkshänder Meissner seine Topspins in Stumpers offene Vorhandseite zu direkten Punktgewinnen. Doch dieser blieb unbeeindruckt. Als er den zweiten Satz mit 12:10 umgebogen hatte, entfuhr ihm ein gelöster Schrei. Dann holte er sich mit 11:9 und 11:5 auch die restlichen Sätze. "Es war kein gutes Spiel von mir, aber ein sehr gutes von ihm", sagte Stumper danach, umso erleichterter sei er, dass er es doch noch gewonnen habe. Die Gesamtsituation sei schon belastend, sagte Stumper, aber am Tisch könne er seine Leistung trotzdem abrufen. In seinem Kopf war offenbar gut aufgeräumt.

Die restliche Partie in Bad Homburg ist schnell erzählt. Die Gastgeber waren in Personalnot. Ihr Japaner Yuta Tanaka hatte nicht einreisen dürfen wegen der Pandemie, Rares Sipos fehlte coronapositiv, Lubomir Jancarik mit einer Knöchelverletzung. 3:0 hieß es am Ende für Neu-Ulm. Auch Stumper war wohl nur aufgeboten worden, weil seine Teamkollegen Lev Katsman und Ioannis Sgouropoulos angeschlagen waren. Fragt sich nur: Warum ist das so? Und: Wie soll es weitergehen?

Beides ist nicht ganz einfach zu beantworten. Er wisse selbst nicht, warum man nicht mit ihm plane, sagt Stumper und verweist auf seine 8:1-Saisonbilanz in TTBL und Champions League. An der Leistung könne es nicht liegen. Der TTC hatte ihn 2019 als jungen Hoffnungsträger geholt und aufbauen wollen, nun, sagt er, setze Trainer Dmitrij Mazunov nicht mehr auf ihn. Vielleicht setze er die anderen eben lieber ein, vielleicht sei der Verein auch "sauer", weil er vor der Saison Neu-Ulms Trainingsgruppe verlassen hatte, um am Leistungszentrum Düsseldorf zu trainieren. Klubchef Florian Ebner erklärt ebenfalls nur knapp, dass Stumper eben nicht "Teil der Trainingsgruppe" sei.

Anfang Januar hieß Ovtcharov Stumper via Instagram bereits in Düsseldorf willkommen

Der Verein arbeitet mit einem Mentaltrainer zusammen, mit einem Ernährungsberater, hat gerade ein neues Trainingszentrum bezogen. Stumper dagegen wird nicht müde, von den Bedingungen in Düsseldorf zu schwärmen, wo er die besten Trainingspartner und Ausbilder habe und man sich sehr um ihn kümmere. "Ich bin ihnen unglaublich dankbar", sagt Stumper, 90 Prozent seines Leistungssprungs im vergangenen Jahr habe er dem Training in Düsseldorf zu verdanken. Dass es noch andere Gründe gibt für Stumpers missliche Lage, will von Neu-Ulms Verantwortlichen niemand näher erläutern. Zu hören ist, dass es Spannungen im Team gab. Trotzdem versicherte Coach Mazunov vor Kurzem, ihn gerne weiterhin dabeizuhaben.

Worauf all das hinausläuft, ist klar. Ebner, der Stumper durchaus eine große Karriere zutraut, ging schon vor Wochen vom Weggang des Youngsters nach der Saison aus. Der Teenager bestätigt nun, dass er auf jeden Fall wechseln wird. "Die paar Monate überstehe ich noch." Ob es dann zum Rekordmeister Düsseldorf geht, wie allgemein vermutet, dürfe er nicht sagen, aber "zum Spaß" werde er dort sicher nicht so intensiv unterstützt. Der Sohn des ehemaligen Erstligaspielers Rudi Stumper und der ehemaligen chinesischen Nationalspielerin Bao Di gilt nicht erst seit seinem EM-Sieg als großes deutsches Versprechen. Auch von Borussia Düsseldorf kommt keine Bestätigung. Anfang Januar hatte der deutsche Weltranglistenneunte Dimitrij Ovtcharov Stumper via Instagram bereits für die kommende Saison im Düsseldorfer Team willkommen geheißen.

Am Dienstag jedenfalls weilte Kay Stumper in Düsseldorf, als er am Telefon über seine Zukunft sprach. Er würde gerne öfter spielen, versicherte er. Sein Neu-Ulmer Team hatte sich bereits tags zuvor ins Flugzeug gesetzt zum Rückspiel an diesem Mittwoch im Champions-League-Viertelfinale gegen Jekaterinburg - wieder ohne Stumper.

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