Tennis Zwei Zeilen für den Trainer des Jahres

Zwei Grand-Slam-Titel zusammen und doch die Trennung: Naomi Osaka und Sascha Bajin galten als starkes Duo.

(Foto: Mark Baker/AP)

Die neue Weltranglisten-Erste Naomi Osaka trennt sich wie aus dem Nichts von ihrem Coach Sascha Bajin - und bestätigt damit einen Trend im Frauentennis.

Von Gerald Kleffmann

Um 21.59 Uhr deutscher Zeit am Montag meldete sich Naomi Osaka, 21, mal wieder bei Twitter zu Wort. Die Japanerin hat die vergangenen beiden Grand-Slam-Turniere im Tennis gewonnen, die US Open und die Australian Open. Sie ist nun die Nummer eins der Weltrangliste, medienmäßig hat sie intensive Monate hinter sich, kaum ein Branchenblatt, das sie nicht groß ablichtete. Lifestyle-Magazine entdeckten sie. Auf der Titelseite von Time war sie, eine Auszeichnung von globaler Bedeutung, die ihren Aufstieg dokumentierte. Begleitet auf diesem rasanten Weg hatte sie ein Münchner, Sascha Bajin, den sie Big Sascha nennen. Auch auf ihn fiel Ruhm ab. Als Trainer 2018 wurde er auf der WTA Tour ausgezeichnet, Ende Januar lächelte er auf einem Foto, das Osaka und ihr Team zeigte nach dem Triumph in Melbourne.

An diesem Montagabend aber schrieb Osaka etwas Überraschendes: "Hallo alle, ich werde nicht länger mit Sascha arbeiten. Ich danke ihm für seine Arbeit und wünsche ihm für die Zukunft das Beste." Wenn man berücksichtigt, wie kauzig zwar, aber doch auch nett Osaka stets auftritt und sich die beiden als Einheit präsentierten, irritieren diese Zeilen zutiefst - sie wirken ja eindeutig wie ein Rauswurf.

Es scheint ein Trend zu sein: Im Frauentennis zerbrechen Allianzen unübersehbar schneller als im Männertennis.

Dass Bajin, 34, sich bei ihr auch noch höflich im Internet bedankte für die "Reise" und ebenfalls das Beste wünschte, revidiert den Eindruck nicht, dass da offenbar Gravierendes vorgefallen sein muss. Eine Erklärung wurde nirgends bislang nachgereicht, auch Indizien für tief greifende Probleme lagen nicht vor, weshalb auch jetzt wieder flächendeckend die gleichen Medienmechanismen einsetzten: globales Staunen und Rätselraten ob dieses Endes. Ein Trend allerdings setzte sich fort: Im Frauentennis zerbrechen Allianzen, selbst erfolgreiche, unübersehbar schneller als im Männertennis.

Die neueste Nachricht zementiert gar einen skurrilen Fakt: Jene drei Spielerinnen, die die aktuellen Titel der vier Grand Slams halten, arbeiten nicht mehr mit ihrem jeweiligen Coach zusammen, der sie dorthin geführt hat. Im Juni 2018 hatte die Rumänin Simona Halep endlich ihren ersten Grand-Slam-Sieg errungen, bei den French Open - der Australier Darren Cahill stieg von sich aus im November aus, private Gründe, hieß es. Angelique Kerber reüssierte im Juli erstmals in Wimbledon, dem Ort ihrer Kindheitsträume - der Belgier Wim Fissette, der Kerber wenige Monate zuvor übernommen und aus einem Tief geholt hatte, musste vor den WTA Finals im November gehen. Die Gründe wurden nur schwammig vermittelt, es ging offensichtlich ums Geld und die Frage, auf welcher Basis man zusammen weiter arbeiten sollte. Da sich zudem unverhältnismäßig viele andere Spitzenspielerinnen in den vergangenen zwei Jahren neue Trainer verpflichtet oder zuvor schon einmal bei ihnen angestellte reaktiviert hatten, drängt sich das Bild auf, dass diese speziellen Arbeitsverhältnisse doch eher kompliziert gelebt werden. Wie unberechenbar die Situation ist, verdeutlicht ein bemerkenswertes Gegenbeispiel: Wahrscheinlich führen die Spanierin Garbiñe Muguruza und der Franzose Sam Sumyk die verrückteste Profi/Trainer-Beziehung, inklusive Grand-Slam-Siegen und dann wieder gegenseitiger Beschimpfungen auf dem Platz, die im Internet Kultcharakter besitzen - ausgerechnet die zwei halten seit 2015 loyal zusammen.

Von außen betrachtet, scheinen jedenfalls erstaunlich oft nicht die sportlichen Entwicklungen Anlass zu Trennungen zu geben. Sabine Lisicki erlebte ihren größten Erfolg 2013 mit dem Erreichen des Wimbledon-Finales, nur Monate danach musste Fissette gehen. Von diesem Karussell profitieren aber auch immer wieder andere, die ihrerseits Chancen erhalten und aufspringen können. So war es bei Bajin. Weil ein Hitting Partner von Serena Williams ausfiel und er einsprang, gehörte er, ein Zweitligaspieler vom MTTC Iphitos München, mit gerade mal 23 Jahren zum Team der erfolgreichsten Spielerin der Profi-Ära. Er arbeitete dann auch Viktoria Asarenka, Sloane Stephens und Caroline Wozniacki zu, ehe er Ende 2017 Cheftrainer von Osaka wurde. Die Kandidaten, die als Nachfolger für ihn nun in Fragen kommen könnten, sind überschaubar. Sven Groeneveld, Ex-Trainer von Maria Scharapowa, wäre frei. Oder aber Osaka wartet etwas: Hält der Trend an, wird sicher bald jemand verfügbar sein.