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Tennis:Winkelzüge in malerischem Umfeld

Tennis

Besonderer Erfolg: Ugo Humbert schlägt Daniil Medwedew.

(Foto: WITTERS)

Dem Franzosen Ugo Humbert glückt eine Überraschung beim Tennisturnier am Hamburger Rothenbaum.

Von Thomas Hürner, Hamburg

Die Sonne schimmerte rötlich auf den Center Court, die feingliedrige Dachkonstruktion warf sanfte Schatten auf den Sandplatz und die Zuschauertribünen. Ein lauer Herbstabend, der Himmel blau und klar, es war ein malerisches Ambiente für den Turnierstart des personifizierten Höhepunkts bei den Hamburg Open. Daniil Medwedew, 24, Nummer fünf der Weltrangliste, vor zwei Wochen Halbfinalteilnehmer bei den US Open in New York, betrat unter großem Beifall den Platz, allerdings nicht unter den Augen des Unternehmers und Mäzens Alexander Otto, der seinen Logenplatz am Spielfeldrand kurz verlassen hatte. Otto hat die Kleinigkeit von acht Millionen Euro für Renovierungsarbeiten beigesteuert, damit der traditionsreiche Hamburger Rothenbaum nicht nur wieder ein bisschen schmucker aussieht, sondern eben auch wieder Tennisgrößen wie Medwedew anlockt.

Pünktlich zum zweiten Satz war Otto zurück - und Medwedew wenig später raus. Nach einer Stunde und 22 Minuten verlor der Russe am Dienstagabend 3:6, 4:6 gegen Ugo Humbert, Nummer 41 der Weltrangliste. Dem Turnier kam also schon früh eine Attraktion abhanden, ein wenig schmerzhaft für die Organisatoren. Andererseits sind es ja Geschichten wie die von Humbert, weshalb die Menschen überhaupt Sport gucken, egal welchen. Die Zuschauer jedenfalls - 1300 von maximal 2300 möglichen waren auf dem Areal unterwegs - fanden Gefallen daran, wie der Außenseiter sich gegen den Favoriten zur Wehr setzte. Sie hatten anfangs noch eindeutig zu Medwedew gehalten, am Ende gab es Ovationen für Humbert.

Die Aufgabe von Benoît Paire sorgt für Verwirrung

Medwedew hatte während der Partie nie seinen Rhythmus gefunden. Als er beim Stand von 3:3 im zweiten Satz von Humbert ans Netz gelockt wurde, mit darauffolgendem Punktgewinn für den Profi aus Metz, da pflügte er aus Frust mit zwei harten Schwüngen den Sandplatz des Center Courts. Humbert hatte fast immer eine Antwort auf die Tempowechsel des Kontrahenten, der Linkshänder überzeugte mit einer präzisen Rückhand, Stopps und versiertem Winkelspiel. Für den 22-Jährigen, der im Alter von zwölf Jahren in die Tennisakademie in Poitiers zog, war es der "größte Sieg meiner Karriere". Kein Wunder: Seine Tenniskarriere war schon in der Schwebe gestanden. Wegen Wachstumsverletzungen musste Humbert eineinhalb Jahre pausieren, jetzt hatte er erstmals einen Top-Ten-Spieler geschlagen. "Es war großartig vor euch zu spielen", sagte Humbert noch nach der Partie in Richtung der Zuschauerränge, wo auch seine Mutter saß.

Der an Nummer zwei gesetzte Grieche Stefanos Tsitsipas blieb dem Hamburger Publikum indes erhalten, der Weltranglistensechste schlug zum Auftakt den Briten Daniel Evans 6:3, 6:1. Für Verwirrung hingegen sorgte mal wieder der Auftritt von Benoît Paire. Der Franzose gab gegen den Norweger Casper Ruud beim Stand von 4:6 und 0:2 auf, offensichtlich aus Erschöpfung. Als Begründung wurden Magenschmerzen genannt. Später teilte der 31-Jährige mit, dass seine ersten beiden Corona-Tests in Hamburg positiv ausgefallen waren und er dann aber am Dienstag wieder ein negatives Ergebnis vorliegen hatte. Turnierarzt Volker Carrero präzisierte anschließend das Prozedere um Paire. "Dieses Wechselspiel zwischen positiven und negativen Tests ist nicht ungewöhnlich. Die ersten beiden Tests waren positiv, aber die Testperson war nicht infektiös. Der dritte Test war dann negativ", erklärte der Arzt dem Sportinformationsdienst. "Ich verstehe das alles nicht mehr", wurde Paire von der Agentur dpa zitiert. "Ich bin einfach nur müde." Das Merkwürdige: Bei den US Open hatte Paire schon für Schlagzeilen gesorgt, als er - bereits sich in der Blase des Turniers befindend - positiv auf Covid-19 getestet worden war; er konnte daraufhin nicht am Wettbewerb teilnehmen. Ob er bei den French Open in Paris mitwirken kann, ist noch fraglich.

Aus deutscher Sicht dünnte sich das Feld weiter aus, am Mittwoch unterlag der 28 Jahre alte Karlsruher Yannick Hanfmann dem Chilenen Cristian Garin 2:6, 6:7 (3). Zum Auftakt waren schon Philipp Kohlschreiber (an Fabio Fognini) und Jan-Lennard Struff (an Karen Chatschanow) gescheitert.

© SZ vom 24.09.2020

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