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Tennis:Raffinierte graue Maus

TuS Sennelager ist das Überraschungsteam der Tennis-Bundesliga. Nach sieben Aufstiegen in Serie bietet sich dem kleinen Klub am letzten Spieltag dank des Team-Gedankens immer noch die Chance auf den Klassenerhalt.

190602 PARIS June 2 2019 Xinhua Antoine Hoang of France serves during the men s singles; Hoang

Gut entwickelt: Der Franzose Antoine Hoang verstärkt seit längerem Sennelagers Tennisteam – bei den French Open stand er jüngst in Runde drei.

(Foto: imago)

Ralf Hämmerling ist ein Macher. Wenn seine Sekretärin einen Anruf notiert, wartet er nicht immer ab, bis der Anrufer sich wieder meldet. Der Unternehmer ruft selbst an. "Wir versuchen hier immer einen Schritt voraus zu sein", sagt der 62-jährige, der mehr als 550 Angestellte verantwortet in der Hämmerling Group, spezialisiert auf Reifenhandel und Logistik. Ehrgeiz ist seiner Stimme am Telefon sofort zu entnehmen, aber anders geht es auch nicht, ohne eine innere Antriebskraft: mal eben aus einem Ein-Mann-Betrieb aus einer Garage heraus einen Konzern aufbauen. Und diese bemerkenswerte Geschichte mit der Tennismannschaft des TuS Sennelager? Ende 2010 hatte sich in dem winzigen Verein in Paderborn das erste Männerteam entschieden, sich abzuspalten. Da beschloss der dort aktive Hobbyspieler Hämmerling zusammen mit Marc Renner, der mal in der zweiten Liga aufschlug: "Jetzt zeigen wir es den anderen!"

Tja. Und dann stieg TuS Sennelager, 80 Mitglieder, drei Plätze, keine Halle, in einem Waldstück gelegen, wo die britische Army stationiert war, auf - aber nicht einmal, nicht zweimal. Sondern siebenmal in Serie. Bis man Erstligist war und in der höchsten Klasse in den vergangenen Wochen antreten durfte. "Wir haben gehofft, nicht sang- und klanglos abzusteigen", sagt Renner, der nun als Sportlicher Leiter operiert. Der Fall ist nicht eingetreten. Am letzten Spieltag an diesem Wochenende könnte der TuS (sechs Punkte) die Liga halten, auch wenn Kurhaus Aachen (Sa./zuhause) und Rot-Weiss Köln (So./auswärts) schwere Gegner sind; Blau-Weiss Aachen ist schon abgestiegen. "Der Klassenverbleib wäre höher einzustufen als die sieben Aufstiege", sagt Coach Marius Kur, der als Spieler an vier Aufstiegen mitgewirkt hat.

Natürlich hat diese Geschichte auch damit zu tun, dass jemand Geld fließen ließ und Möglichkeiten schuf. Hämmerling bestätigt, dass er von dem Etat (100 000 Euro) die Hälfte stemmt. In den Anfängen war sein Beitrag anteilig noch höher. Aber: Verglichen mit anderen Klubs ist Sennelager tatsächlich, wie Hämmerling sagt, "eine graue Maus - und bleibt es". Respekt erntet er trotzdem. "Das ist eine sensationelle Geschichte", sagt Christopher Kas; der frühere Doppelspezialist ist Trainer von Mona Barthel - und verantwortet Sennelagers Konkurrenten TC Großhesselohe.

Hämmerlings Projekt, das in der Bezirksklasse begann, erzählt viel darüber, wie Klubs mit Wettbewerbsnachteilen den Erfolg finden können, wenn sie strategisch und raffiniert vorgehen. Hämmerling ist im Übrigen stellvertretender Aufsichtsratschef bei den in die Bundesliga zurückgekehrten Fußballern des SC Paderborn. Er sieht Parallelen zwischen beiden Klubs. "Wenn ich eines gelernt habe, dann dass Geld keine Tore schießt und Tennis nicht automatisch nach vorne bringt", sagt Hämmerling, "aber mit Begeisterung und Leidenschaft kann man eine Menge erreichen." Für ihn ist dieser Ansatz einer der Gründe, warum der SC Paderborn nach Abstiegen die Kurve gekriegt hat zum Positiven. Die fleißige, zupackende Art der Westfalen sollte man nie unterschätzen.

Der Unternehmer Ralf Hämmerling unterstützt seit Jahren den TuS Sennelager. Der 62-Jährige sitzt dazu auch im Aufsichtsrat des Fußball-Erstligisten SC Paderborn.

(Foto: hg-logistic.com / oh)

Wie viel gedankliche Vorarbeit hinter jedem der sieben Aufstiege des TuS Sennelager steckte, machen Renner und Kur klar. Ihr Projekt vom Reißbrett basierte auf zwei Herausforderungen, die sie stemmen mussten: "Es muss menschlich einfach passen", sagt Kur zum Thema Spieler-Verpflichtung. Jede Saison haben sie ja zwei, drei Spieler dazu geholt, weil sie sich doch verstärken mussten. Natürlich tauchte mal der Vorwurf auf, der TuS habe nur Legionäre geholt. "Unsere Spieler, das war uns immer wichtig, identifizieren sich sehr mit unserem Projekt, und es endet auch nicht, wenn die vier verrückten Bundesligawochen vorbei sind", betont Renner. "Junge, ausländische Spieler, die hungrig sind, sind nun mal preiswerter als deutsche Ranglistenspieler", sagt Hämmerling. Das Scouting ist für Sennelager umso wichtiger, sie sind daher auch stolz darauf, "dass wir ein ganz gutes Auge haben", wie Kur sagt. Bei den meisten Bundesliga-Klubs tummeln sich viele Top-100-Spieler. Manche kassieren angeblich um die sechsstellige Summen. Sennelager holte den Franzosen Arthur Rinderknech, der als Weltranglisten-319. über sich hinauswuchs und schon Top-100-Spieler in der Liga schlug.

Die zweite Herausforderung war, Strukturen zu schaffen. Die kleine Anlage kann vieles nicht bieten. Die Verantwortlichen fanden kreativ Lösungen. Die Heimspiele trägt das Team beim Paderborner TC Blau-Rot aus, 1000 Zuschauer kamen im Schnitt. Dort freut man sich sogar über Mitgliederzuwachs. Wenn es eng wird, können Spieler beim TC Schloß Neuhaus üben. Oder in der Tennis-Base von Kur in Münster. Ein Haus hat Hämmerling auch organisiert, in dem die Profis wohnen können. "Wir wollen den Spielern helfen auf ihrem Weg", sagt Kur. Antoine Hoang etwa ist seit längerem im Team. Der 23-jährige Franzose stand bei den French Open im Frühjahr in der dritten Runde und ist 104. im ATP-Ranking. Dass er in den USA ist und fehlt an diesem Wochenende, sehen sie nicht als Problem, sondern als Teil ihres Modells an. "Jeder im Kader soll mal spielen", sagt Renner, der den "Multikulti-Charakter" des Teams hervorhebt. Man sei das ganze Jahr über in Kontakt und immer für die Spieler da, wenn etwas anliege. So wurde der kleine TuS Sennelager auch für den Slowaken Josef Kovalik, der vor einer Verletzung 80. der Welt war, zu einer sportlichen Heimat.

Unabhängig des Liga-Ausgangs will Hämmerling in zwei Wochen intern über die Zukunft beraten. Es gilt zu klären, ob nicht doch der Bau einer eigenen Halle möglich wäre. Oder der Bau weiterer Plätze. Man ahnt: Hämmerling, Renner und Kur wird was einfallen.

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