Tennis Freiraum für die Anarchistin

Aus in Runde zwei: Laura Siegemund, 2017 Siegerin in Stuttgart, hatte diesmal eine Wildcard erhalten.

(Foto: Alex Grimm/Getty Images)

Laura Siegemund gewann 2017 den Titel in Stuttgart, doch verletzte sich dann schwer. Seit ihrer Rückkehr 2018 kämpft sie um den Anschluss - und fühlt sich immer noch in der Comeback-Phase.

Von Gerald Kleffmann, Stuttgart/München

Laura Siegemund war schon immer eigen, sie steht dazu, zum Beispiel räumte sie in Stuttgart beim Porsche Tennis Grand Prix gerade ein, sie sei "nicht so der Players-Lounge-Typ, der dann irgendwann mit vielen Leuten in der Players Lounge abhängen will vor dem Match". Auch mit ihrer schmerzhaften Zwangspause vor zwei Jahren, als sie einen Kreuzbandriss mitten im Karriere-Hoch erlitten hatte, geht sie anders um, als es viele tun würden. Siegemund sagt nicht, sie würde gerne wieder die Form von damals erreichen, als sie 2016 ins Finale von Stuttgart gekommen war und 2017 dort den Titel und einen Sportwagen gewonnen hatte. Sie sagt: "Ich möchte auch nicht immer irgendetwas hinterherlaufen, was mal vor einer schlimmen Verletzung war. Ich möchte eigentlich eine neue Laura sein. Und da versuche ich noch dran zu arbeiten, dass ich auch mein Spiel weiterentwickele, und da habe ich auch das Gefühl, da bin ich irgendwie immer noch in der Comeback-Phase." Sie war im März 2018 zurückgekehrt.

Ja, so salopp und doch komplex denkt und spricht Siegemund, die - ein bekanntes Detail - in einer Phase, als sie fast schon mit dem Tennis aufgehört hatte, Psychologie studiert hatte. Das Thema ihrer Abschlussarbeit: "Versagen unter Druck."

Sie ist definitiv jemand, in dem es permanent brütet, der immer wieder Optionen durchspielt und ihre Entscheidungen nach Hochgeschwindigkeits-Hochrechnungen im Kopf trifft. Ein bisschen ist sie also schon noch die alte Laura, nicht nur wegen der kniehohen Kompressionssocken, ihr Spiel ist weiterhin schwer greifbar. Siegemund variiert wie wenige. Stopp, Löffeln, Angriff, Slice, Mondball, Ass, Topspinvolley. Ihr Repertoire ist aberwitzig vielfältig, und berücksichtigt man all diese Möglichkeiten, die sie mal zur zweitbesten deutschen Spielerin nach Angelique Kerber gemacht hatten, wird ersichtlich, dass eine Rückkehr für diese Art von Spielerin eine kniffligere Aufgabe ist als für solche, die stumpf den Ball links-rechts von der Grundlinie klopfen und nur rennen.

In Stuttgart, wo die in Filderstadt geborene 31-Jährige lebt, hatte Siegemund eine Wildcard erhalten dank ihrer Leistungen und Verdienste. In der ersten Runde besiegte sie die Ukrainerin Lesja Zurenko 6:2, 6:2, ihr Aufschlag funktionierte, sie habe gar "von vorne bis hinten ein Match im Prinzip genauso durchgespielt, wie man sich das vorgestellt hat". Das machte ihr Mut. In der zweiten Runde am Donnerstag gegen Anastasija Sevastova stieß sie jedoch an Grenzen. Der Ballwurf beim Aufschlag passte oft nicht, neun Doppelfehler waren die Folge. 44 leichte Fehler unterliefen ihr zudem. Das Anarchische kam nicht zur Wirkung, es fehlte an der effektiven Radikalität; die Lettin siegte 6:4, 6:3. "Momentan fehlt noch die Konstanz", meinte Siegemund.

Eine Deutsche immerhin schaffte es ins Viertelfinale, am Donnerstag gewann Kerber gegen Andrea Petkovic 6:2, 6:4, sie trifft am Freitag auf die Niederländerin Kiki Bertens. Julia Görges dagegen verlor gegen die Schmerzen, sie gab gegen die Russin Anastasia Pawljutschenkowa beim Stand von 6:4, 2:6, 0:4 auf. "Ich habe seit 16 Tagen Probleme, die komplette Halswirbelsäule ist entzündet", verriet sie, "das zieht sich durch den ganzen Körper, ich spüre drei Finger in meiner Hand nicht."

Für Siegemund geht der Orientierungsprozess auf der Tour weiter, als 99. der Welt ist ihre Lage nicht so komfortabel wie vor der Verletzung. "Ich stehe so an der Kante mit meinem Ranking", sagte sie, "wo ich in manche von den großen Turnieren reinkomme oder auch nicht. Wo man auch flexibel sein muss, wo man dann spielt. Und ob man zwischendurch auch mal ein ITF einstreut." ITF-Turniere sind die niedrigste Profistufe. Siegemund empfindet den Gang zurück nicht als Last. "Ganz ehrlich, das Knie ist auch nicht mehr so, wie es mal war", sagte sie, "da muss man auch aufpassen - und mir gibt das Freiraum für Neues." Ihre Situation sei mit dem Ansatz angenehmer geworden: "Plötzlich ist nicht mehr dieser Druck da: Das muss wieder so werden, wie es mal war!" Ein Ziel formulierte Siegemund aber: "Ich will mir auf jeden Fall beweisen, dass ich noch mal richtig gute Ergebnisse haben kann."