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Tennis:Etappenfahrt nach Stuttgart

2021 Miami Open - Day 6

"Ich bin noch mittendrin im Tennisleben": Angelique Kerber, hier im März in Miami.

(Foto: Mark Brown/AFP)

Fünf Turniere und nur neun Matches: Angelique Kerber hat das wenig ertragreiche erste Quartal abgehakt. Die Sandplatzsaison beginnt sie nun mit neuer Leidenschaft

Von Barbara Klimke, München

Da war es wieder, dieses lästige Dauerthema. Es fliegt ihr inzwischen mit einer Erwartbarkeit entgegen wie ein unvermeidlicher Topspin-Ball in einem Sandplatz-Duell. Man kann es förmlich im hohen Bogen auf sich zukommen sehen. Angelique Kerber aber ist Expertin im Rückschlagspiel, eine der besten Defensivkünstlerinnen zwischen den weißen Linien. Und so hatte sie sich, als das Thema, ihre Zukunft, zur Sprache kam, selbstverständlich bestens in Stellung gebracht. Karriereende? "Die Frage kommt immer häufiger", sagte sie am Dienstag lachend bei einer Presserunde in Stuttgart, zu der sie per Video zugeschaltet war: "Ich bin noch mittendrin im Tennisleben. Ich liebe diesen Sport, die Leidenschaft ist noch ganz oben." Platzierte Rückhand, longline, sozusagen. Punkt für Kerber.

Angelique Kerber, die Wimbledonsiegerin von 2018, ist im Januar 33 Jahre alt geworden, und an ihrer Qualität, an ihren Ansprüchen gemessen, kann das erste Saison-Quartal nicht zu ihrer Zufriedenheit verlaufen sein. Zu fünf Turnieren ist sie gereist, auf drei Kontinente gejettet und hat, alles in allem, nur neun Matches bestritten. Dazu zählte das bittere Erstrunden-Aus bei den Australian Open, bei jenem Wettbewerb, den sie 2016 noch im Triumph verlassen hatte. In diesem Jahr war sie in Melbourne schwer gehandicapt durch eine vorangegangene 14-tägige, streng verordnete Zimmerquarantäne. Aber auch in Katar und Dubai blieb sie anschließend weit unter ihren Möglichkeiten. Zuletzt hat sie in Miami Ende März in einer Partie gegen ihre langjährige Rivalin Wiktoria Asarenka (5:7, 2:6) das Achtelfinale verpasst. "Der Start war nicht so, wie ich mir das vorgestellt habe", erklärte Kerber selbstkritisch, aber in Florida habe sie einen positiven Trend erkannt. Ohnehin hat der Tennis-Tross mit der ersten Hartplatz-Phase des Kalenders erst einmal abgeschlossen, oder wie Kerber mit der buchhalterischen Effizienz einer Profispielerin sagte: "Da ist ein Haken hinter."

Kerber sieht dem Schlagabtausch in Schwaben mit großer Vorfreude entgegen

Die nächste Aufgabe liegt schon vor ihr, ausgerollt auf rotem Ziegelmehl. Kerbers Aufschlag zur Sand-Saison erfolgt vom kommenden Montag an beim Turnier in Stuttgart, das wegen der Pandemie diesmal ohne Publikum am Ort und in einer sogenannten Blase stattfindet. Auch wenn die dreimalige Grand-Slam-Siegerin Jahr für Jahr vor der Herausforderung steht, sich "das Sandplatzfeeling" neu zu erarbeiten, so sieht sie dem Schlagabtausch in Schwaben doch mit Vorfreude entgegen. Zum einen wird es ein Wiedersehen mit einigen ihrer Wegbegleiterinnen geben: Die Fed-Cup-Kolleginnen Laura Siegemund und Andrea Petkovic, beide 33, haben eine Wildcard für die hochbesetzte Wettkampfwoche erhalten; Julia Görges, 32, die frühere Wimbledon-Halbfinalistin, die im Oktober die aktive Karriere beendet hat, ist von den Ausrichtern des Porsche-Grand-Prix in neuer Rolle als Social-Media-Reporterin verpflichtet worden. Und allzu oft, sagte Kerber, sehe man einander nun nicht mehr.

Zudem steht das Stuttgarter Turnier seit Jahren hoch auf der Favoritenliste der Tennisspielerinnen, nicht nur weil es mit einem schnittigen Rennwagen als Siegerprämie lockt. Das Feld der 28 Protagonistinnen ist auch in diesem Jahr namhaft besetzt: Die Weltranglistenerste Ashleigh Barty reist aus Australien an, weitere Tennisprominenz wie die zweimalige Grand-Slam-Siegerin Simona Halep aus Rumänien hat zugesagt. Sieben Akteurinnen der Top-Ten sind angekündigt, 14 der besten Zwanzig; Kerber, die Nummer 25 der Welt, hat es laut Turnierdirektor Markus Günthardt gerade noch ohne eine Wildcard in den exquisiten Kreis geschafft, woraus Günthardt nicht ohne Stolz den Schluss ableitet, es handle sich im Frauentennis um das "stärkste Turnier der Welt".

Angelique Kerber hat in Stuttgart zweimal gewonnen, 2015 und 2016, ist auf dem roten Belag allerdings oft auch leicht aus dem Tritt gekommen. Bei den French Open, dem prestigeträchtigsten Sandplatzturnier, rutschte sie im vergangenen Herbst nach einer Auftaktniederlage gleich wieder aus dem Wettbewerb. In ihrer Grand-Slam-Titelsammlung fehlt die Trophäe aus Paris, der sie in 13 Versuchen bislang vergeblich nachgejagt ist. Neues Jahr, neues Turnier, sagte sie am Dienstag, als sie der Stuttgarter Gesprächsrunde aus Frankfurt zugeschaltet war, wo sie "noch mitten in der Vorbereitung" steckt.

In Stuttgart also geht es weiter für Angelique Kerber, die in diesem Jahr, wie sie sagte, eher "in Etappenzielen" denkt. Paris hat sie geplant, dann weitere Turniere in Deutschland, Wimbledon und Olympia in Tokio. Ein Abschnitt nach dem andern: Noch ist Angelique Kerbers große Rundfahrt nicht vorbei.

© SZ/moe
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