Tennis-Bundesliga:Aufsteiger auf Augenhöhe

Rosenheim, Tenniscenter Rosenheim,18.07.21, Tennis, 1. Bundesliga Herren, Rosenheimer Unterstützungskasse vs KoelnerTHC

Gut gestreckt: Rosenheims Österreicher Tristan-Samuel Weissborn setzt sich am Sonntag gegen Daniel Brands durch.

(Foto: Wolfgang Fehrmann/imago images/HMB-Media)

Der Neuling TSV 1860 Rosenheim bezwingt im zweiten Erstliga-Heimspiel den Meister Mannheim und erntet Komplimente. Trotz clever zusammengestellten Kaders bleibt die Liga kaum berechenbar.

Von Andreas Liebmann

Verwundert blickte Pedro Martínez Portero durch den Zaun, an dem sein Handtuch hing. Ein seltsames Geschrei kam von dort, schwierig einzuordnen. Der Spanier konnte wegen eines kleinen Erdwalls nicht sehen, dass unmittelbar angrenzend an den Hauptplatz des TSV 1860 Rosenheim Papageien leben. Während des ersten Matches waren sie still gewesen, nun krakelten sie. Vielleicht ahmten sie seinen Mannheimer Teamkollegen Bernabe Zarata Miralles nach, der hier zuvor gespielt hatte und jedem seiner Schläge ein gequältes Stöhnen folgen ließ. Vielleicht wiederholten sie auch ein paar der zuvor gehörten Gefühlsausbrüche - wer weiß schon, wie es klingt, wenn oberbayerische Papageien versuchen, auf Spanisch oder Bosnisch zu fluchen. Martínez zuckte ratlos mit den Schultern, hängte sein Handtuch wieder auf und spielte weiter. Es lief ja.

Die Begegnung am Freitag führte zwei Kontrahenten zusammen, die unterschiedlicher kaum sein konnten. Für die Gastgeber war es das zweite Erstliga-Heimspiel ihrer Historie. Der TC Grün-Weiss Mannheim gehört der ersten Tennis-Bundesliga im 44. Jahr an, war 2018 und 2019 zweimal Meister. Noch schien die Sonne, am Abend beim Rosenheimer Jubel im Nieselregen sollte dann feststehen, das sich Gegner wie Mannheim darauf einstellen sollten, dass sie hier öfter zu Gast sein werden, vor dieser Bergkulisse und neben den Papageien. Die Aufsteiger hatten den Meister besiegt, 4:2.

Das Publikum johlt, an die neuen Spieler muss es sich aber noch etwas gewöhnen

Beinahe wäre die Sache schon nach den Einzeln entschieden gewesen. Auf dem Nebenplatz hatte Rosenheims Italiener Alessandro Giannessi die Gastgeber in Führung gebracht, 7:6, 6:2 gegen Nicolas Kicker, Argentinier mit österreichischem Pass. 1:5 lag Giannessi im Tiebreak zurück, den er dann 7:5 gewann. Auf dem Hauptplatz tat sich der Bosnier Damir Dzumhur schwerer. 0:6 hatte er sich im ersten Durchgang von Zarata niederstöhnen lassen, so chancenlos, dass Rosenheims Teammanager Thomas Detterbeck anmerkte, dass auch er sich in dieser Phase auf den Platz hätte stellen können - an den Zahlen hätte das nichts geändert. Im zweiten Satz aber führte der 29-jährige Dzumhur, der vor drei Jahren mal die Nummer 23 der Welt war. Schimpfte über leichte Fehler, feuerte sich nach einer eingesprungenen Rückhand an, winkte wieder ab. Als einer seiner Returns an die Grundlinie trudelte und sein Gegner, der auf einen Aus-Ball gehofft hatte, ihn völlig falsch stehend irgendwie übers Netz zurückstubste, kurz und für den verblüfften Dzumhur unerreichbar, da ließ er das Publikum auf Englisch wissen, dass es nach einem solchen Ball keinen Sinn mehr habe weiterzuspielen. Aus, vorbei, zwecklos.

Dzumhur spielte dann doch weiter, biss sich mit einem 7:5-Satzgewinn in den Match-Tiebreak, den er 10:5 gewann. Das Publikum johlte, nur als der Stadionsprecher ihn feiern wollte mit einem "Da-ni-el..." - da schwieg es. Müsse man wohl noch üben, folgerte der Anheizer. 2020 fand eben keine Saison statt, aus dem Aufstiegsteam von 2019 war niemand dabei, Neuling Dzumhur war bislang nur auswärts eingesetzt, beim 3:3 in Aachen. Das Zeug zum Publikumsliebling hat der quirlige, extrovertierte Mann mit Vollbart trotzdem.

Es lief dann prima für Rosenheim. Auf dem Nebenplatz erhöhte der aufschlaggewaltige Slowene Blaz Rola mit einem 6:4, 6:3 gegen Tobias Kamke auf 3:0 für die Gastgeber, begünstigt dadurch, dass sich Kamke nach einem Sturz beim Stand von 1:1 im ersten Satz zwei Finger der linken Hand verletzt hatte, weshalb er keine beidhändige Rückhand mehr schlagen konnte. "So war das nicht zu gewinnen", wusste er.

Mannheims Trainer erwartet, dass der Aufsteiger bis zum Schluss oben mitspielt in der Tabelle

Nur Mannheims Martínez sah eineinhalb Sätze lang wie der sichere Sieger aus, schlug beeindruckende Winner, setzte freche Stopps, während sein argentinischer Gegner Juan Londero den Ball mal harmlos im Spiel hielt, mal neben die Linien streute. Aber er blieb dran - bis er plötzlich doch traf und mit Alles-oder-nichts-Schlägen Selbstvertrauen sammelte. Als die Mitspieler vom Nebenplatz zum Anfeuern kamen, war Londero plötzlich dran am Sieg, Martínez, der die Papageien anfangs locker weggesteckt hatte, ließ sich nun schon vom Klirren einer Glasflasche zum Doppelfehler verleiten. Der entscheidende vierte Sieg lag in der Luft. Doch nach Londeros 3:0-Führung im Match-Tiebreak kippte die Partie zurück, Martínez gewann, es ging in die Doppel. Und Mannheims Trainer Gerald Marzenell stellte fest, dass es richtig Spaß mache, "alles auf Augenhöhe"; dass die Rosenheimer ihr neues Team "clever gebaut" hätten: "Das muss man anerkennen, die sind eklig zu spielen". Und dass er erwarte, dass die Neulinge bis zum Schluss oben mitspielen.

Die Doppel waren beide eng. Im einen holte der ruhige Rola den hadernden Dzumhur (I cant't play... unbelievable...") immer wieder aus dessen Selbstgesprächen zurück, auf dem anderen Platz versuchte Giannessi den geknickten Londero mit guter Laune aufzubauen. Letztlich holten Rola/Dzumhur den fehlenden Punkt für Rosenheim, der kleine Bosnier schlug zum Abschluss zwei Asse.

Lange habe man über diesen Kader nachgedacht, erläuterte Rosenheims Detterbeck. Die Kunst in dieser Liga besteht ja nicht darin, große Namen auf die Rangliste zu bekommen, sondern Spieler, die gut sind, aber doch nicht ständig weit kommen auf der ATP-Tour und dann für die Liga ausfallen; die nicht alle wegen Olympia fehlen oder die anstehenden US-Turniere mitspielen. Ihnen ist das womöglich ganz gut gelungen, und doch, sagte Detterbeck am Freitag, bleibe es ein schwieriges Jonglieren, alles schwer berechenbar.

Letzteres war dann am Sonntag zu sehen, im dritten Erstliga-Heimspiel gegen den Kölner THC um Dustin Brown. 2:4 ging es verloren, die erste Niederlage des Aufsteigers im vierten Spiel. "Etwas ärgerlich", fand Detterbeck, die Aufstellung war nach zwei kurzfristigen Absagen eine völlig andere. Hinter den Italienern Lorenzo Giustino und Matteo Viola kamen die langjährigen Rosenheimer Lukas Jastraunig und Tristan-Samuel Weissborn aus Österreich zum Einsatz, Letzterer überraschte mit einem Sieg gegen Daniel Brands. Elf verschiedene Spieler hat Rosenheim nun schon eingesetzt. Zehn sind es beim TC Großhesselohe. Die Pullacher zogen am Wochenende wieder vorbei in der Tabelle, sind nun Zweiter nach Siegen gegen Krefeld (4:2) und in Sennefeld (5:1). Am übernächsten Sonntag werden sie in Rosenheim zu Gast sein. Zum oberbayerischen Derby bei den Papageien.

© SZ
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