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Tennis:Bereit für die nächste Hürde

Junge Gegner, ältere Gegner, schmerzende Hüften, das Leben in der Corona-Blase: Alexander Zverev brachte in Köln nichts aus der Ruhe.

(Foto: Martin Meissner/AP)

Alexander Zverev gewinnt auch das zweite Turnier in Köln - der 23-Jährige treibt dabei seinen Reifeprozess in erstaunlicher Manier voran.

Von Milan Pavlovic, Köln

Es gibt Bilder einer lustigen und gerade in Corona-Zeiten rührend anzusehenden Szene, wie der israelische Tennisprofi Dudi Sela 2014 beim Turnier in Bogotá seinem 2,11 Meter großen Gegner Ivo Karlovic zum Sieg gratuliert: Der nur 1,75 Meter lange Israeli greift sich einen Stuhl, stellt ihn vor das Netz, steigt darauf und umarmt - jetzt auf Augenhöhe - den Kroaten. Dafür gäbe es derzeit vermutlich eine Strafe.

In Köln, beim zweiten Tennisturnier binnen zwei Wochen, führte am Finalsonntag eine kleine Gedankenlosigkeit zu einem Moment, der dank Diego Schwartzman noch zu einem ähnlichen Lacherfolg wurde: Alles war auf den fast genau zwei Meter großen Alexander, genannt Sascha, Zverev zugeschnitten, inklusive der Höhe des schutzhüllenverpackten Mikrofons, in das der Deutsche seine Siegesrede geben würde - vorher war aber ja noch sein argentinischer Gegner dran, der gerade einmal 1,70 Meter misst und nun mühsam an dem obendrein sehr fest zugeschraubten Mikrofonhalter fingerte. Zur Erleichterung aller konnte der Argentinier darüber lächeln.

Zverev war in Köln meilenweit von der Wurschtigkeit vergangener Tage entfernt

Schwartzman kann freilich auch anders, das bekam in Köln vor allem sein spanischer Kontrahent Alejandro Davidovich Fokina zu spüren. Der erlaubte sich im Viertelfinale ein paar Mätzchen zu viel und provozierte den Gegenüber so sehr, dass der Argentinier einen 2:6, 2:5-Rückstand drehte. Doch im Finale merkte Schwartzman bald, dass diesmal jeder Widerstand zwecklos war. Sein deutscher Kontrahent mag in der Weltrangliste nur zwei Plätze über ihm notiert sein, an diesem Abend war er mindestens eine Klasse besser. "Ich mag es, Lösungen zu finden", sagte Schwartzman, "aber heute habe ich keine gesehen. Dafür war Sascha von Anfang an zu gut."

Es war eine Entwicklung, wie man sie zwei Tage zuvor nicht erahnen konnte. Zverev wurde im Viertelfinale gegen Adrian Mannarino erkennbar von seiner Hüfte geplagt, er schlurfte über den Platz, guckte fragend zur Familie. Ziemlich offen wurde diskutiert, ob er weiterspielen sollte; die Verantwortlichen des Turniers gaben ihm zu verstehen: Sicherheit geht vor! Aber dann geschah etwas, das man so fast nur aus dem Tennis kennt: Zverev wurde etwas solider und machte aus wenig viel; Mannarino beging plötzlich viel mehr Fehler, verlor erst die Linie und dann das Match.

Der Sieger erklärte später in einer sehr emotionalen Rede, in der er unvermittelt von Englisch auf Deutsch umschaltete: "Ich habe wirklich gedacht, ich muss aufgeben. Aber das wollte ich nicht. Das habe ich nie gemacht. Da muss ich schon ein gebrochenes Bein haben", sagte Zverev: "Ich hoffe nur, das war nicht nur das Adrenalin, und es geht mir morgen gut."

Das tat es, denn am Samstag sorgte eine MRT-Untersuchung für Beruhigung; es lag kein struktureller Schaden vor wie vor zwei Jahren, als ein zentimeterlanger Muskelriss den Deutschen zu einer Pause gezwungen hatte. Diesmal gab es kein Zurückhalten mehr, und wie schon in der ersten Kölner Woche hob Zverev sich sein bestes Tennis für das Finale auf. Wie er Schwartzman, gewöhnlich ein Alleserläufer, so lange mit harten, präzisen Grundschlägen - vor allem der Vorhand cross - weichklopfte, bis er ihn ausplatziert hatte, das war eindrucksvoll. Zumal Zverev oft nah an der Grundlinie stand, um wahlweise das Tempo zu erhöhen, einen Stopp einzustreuen oder dann und wann ans Netz vorzurücken, um den Rhythmus zu brechen. "Es wird immer besser", schilderte der Sieger lächelnd. "Bald werde ich meine Bestform haben. Ehrlich, ich weiß nicht, wann ich zuletzt so gut gespielt habe. In der Corona-Zeit im Training vielleicht."

Acht Partien nacheinander hat Zverev in Köln gewonnen, als erster Spieler gewann er zwei Turniere in Serie am selben Ort. In der ersten Woche bezwang er vor allem junge Gegner, in der zweiten überwiegend Routiniers. Es waren relativ niedrig dotierte Turniere mit vielen guten Gegnern. Zverev meisterte verschiedene Spielstile, passte sich an, übernahm die Initiative, wirkte konzentriert, wenn es zählte, und legte dabei meist eine aufmerksame Gelassenheit an den Tag, die meilenweit von der "Mir doch egal"-Wurschtigkeit entfernt war, die er früher bisweilen vermittelte.

Nichts brachte ihn aus der Fassung, selbst das Leben in der Blase nervte nicht: "Man muss damit zurechtkommen und einen Weg finden, sich die Zeit zu vertreiben." Er spiele gerne Skat ("Wenn Leute um mich herum es können"), "Stadt, Land, Fluss" oder Fifa auf der Playstation. "Viel mehr gibt es nicht zu tun", sagte er, ohne Groll.

Es wird spannend sein zu sehen, ob er sich diese "gereifte Art" bewahrt, wie es Turnierdirektorin Barbara Rittner nannte: "Sascha hat in den vergangenen Monaten noch einmal einen unglaublichen Sprung gemacht - in puncto Konstanz, aber auch in dem eigenen Erwachsenwerden. Da hilft alles Negative und Positive, und seit den US Open (wo Zverev im Finale hauchdünn verlor, Anm.) wirkt er erwachsener und gehört definitiv da ganz vorne mit rein. Wenn er seinen Rhythmus findet und gut aufschlägt" - wie er das in Köln konstant tat - "dann hat er etwas ganz Besonderes, besser noch als viele Top-Spieler."

Der Vielgelobte wird nun zunächst einmal eine einwöchige Pause einlegen, dann die beiden letzten großen Turniere des Jahres (in Paris und in London) bestreiten und - wenn die Pandemie es zulässt - ab Januar die vier Grand-Slam-Turniere in Angriff nehmen, die die großen Spieler von den guten unterscheiden. In Köln machte Alexander Zverev den Eindruck eines Mannes, der bereit ist, die nächste Hürde zu nehmen.

© SZ vom 27.10.2020

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